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Neue Alben von Isolation Berlin, We Are Scientists, Pip Blom und Efterklang

Neue Alben von Isolation Berlin, We Are Scientists, Pip Blom und Efterklang
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Neue Alben von Isolation Berlin, We Are Scientists, Pip Blom und Efterklang

Neue-Deutsch-Empfindsamkeit mit Isolation Berlin, schwärmerischer Indie-Pop von Efterklang, Pip Blom werden erwachsen und We Are Scientists bleiben fantastisch.

Efterklang - Windflowers

Bei City Slang, dem neuen Label der in Berlin wahlbeheimateten dänischen Indie-Institution Efterklang, wird gerade weder gekleckert (haben sie nie) noch geklotzt (viel zu grob für die Feingeister), eher wird sich ausgetobt und zwar im herkömmlichen positiven Sinne, nach Lust und Laune und definitiv im Sinne der anspruchsvollen Popmusik. Christof Ellinghaus und die seinen haben sich noch nie um irgendwelche Schubladen gekümmert oder sich am sogenannten Zeitgeist orientiert, sondern immer schon gemacht, wonach ihnen gerade der Sinn stand. Und man merkt es gleich: Ganz schön viel Sinn, bei all dem Unsinn unserer Zeit… The Notwist haben City Slang vieles zu verdanken, aber aktuell sind dort auch noch Lambchop, Calexico, Laura Gibson, Nada Surf, die Tindersticks oder Noga Erez unter Vertrag. Kürzlich wurde die hoffnungsvolle Münchner ElectroNuJazz-Formation Fazer gesigned und soeben erschienen formidable Alben von Anna B. Savage, Son Lux oder José Gonzáles. Jetzt also fanden auch Mads Brauer, Rasmus Stolberg und Casper Clausen aka Efterklang ihren (fast schon logisch vorgezeichneten) Weg zum kultigen Berliner Indie-Riesen. Und ihr City Slang-Debüt „Windflowers“, es ist das offiziell sechste in der mittlerweile 20-jährigen Bandgeschichte, ist - man ahnt es bereits - so himmlisch wohl geraten, dass man sich jetzt schon mal den 24. Februar 2022 dick im Kalender anstreichen sollte, denn da gastieren Efterklang im Strom. Zumal dann, wenn man auf ebenso komplexen wie geistreichen, melodischen wie schwelgerischen, experimentellen, elektronischen und überaus emotionalen Indie-Pop steht, wie man ihn vielleicht am ehesten von alt-J erwartet, kennt und schätzt. Macht so viel Freude… und Sinn!

Isolation Berlin - Geheimnis

Grad haben ja erst Trümmer (aus Hamburg) ein tolles Album vorgelegt. Isolation Berlin nun stehen dem in nichts nach. Geradezu herzerwärmend bis hin zu leicht feuchten Augen gleich der Opener „Am Ende zählst nur du“. Eine unglaublich berührende Akustikgitarre-Ballade. Dann das fesselnde „Enfant Terrible“, mit genial-enervierendem Geigen-Gesäge, mithin also in bester Velvet Underground-Manier. Mega! Keine Ahnung, wann mich zuletzt ein deutschsprachiges Album so gefesselt hat. Ach ja, erwähnte ich bereits: Trümmer. Eigentlich gar nicht so lange her… wobei Frontmann und Sänger Tobias Bamborschke und seine Isolation Berlin irgendwie dann doch noch einen draufzulegen vermögen. Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht so genau, was es ist, was diese Band so besonders (anders) macht. Vielleicht ist es der spröde Minimalismus, die gelegentlich auch verstörende Direktheit („Geheimnis“, „Private Probleme“, „Stimme im Kopf“, „Ich zieh mich zurück“) der durchwegs poetischen, dennoch aber niemals akademisch überfrachteten oder gar künstlich verkomplizierten Texte. Isolation Berlin zelebrieren einen existenzialistischen, zuweilen psychotischen, zugleich aber immer auch erhaben-(an)mutigen Mix aus Chanson, Punk und Straßen-Rock, der jeder und jedem ein bisschen Halt zu geben vermag, die/der am Unbill der heutigen Zeit (besser Menschheit) zu zerbrechen droht, sei es psychisch (Thema Depression) als auch physisch (Stichwort Selbstoptimierung). „Ich wünschte alle wären tot, oder wenigstens ein bisschen netter (zu mir)“ singt Bamborschke in „Ich hasse Fußballspielen“. Für alle, die das ähnlich oder genauso empfinden kann der Subtext auch wie folgt gedeutet werden: Hey, verdammt, ihr seid nicht allein, es gibt so viel von uns, lasst uns zusammen eine bessere Menschheit erfinden und die Welt neu und gerechter und - im Umgang miteinander - liebevoller gestalten! Jetzt!

Pip Blom - Welcome Break

Amsterdam ist bestimmt popaffin, hat tolle Clubs, wo all die Weltstars gerne mal Konzerte geben, hat bestimmt eine gute Musikszene und ist dennoch nicht der Nabel der Popwelt. Auch, weil man eben so wenig weiß, über die hiesige Szene. Die Chanson-Rocker Nits fallen einem spontan ein, die charmanten Indie-Rocker Bettie Servert, vielleicht noch die brachialen 90er-Disco-Stomper 2 Unlimited oder, ganz andere Baustelle, auch die Crossover-Helden von Urban Dance Squad. Pip Blom nun, benannt nach ihrer federführenden Sängerin und Songwriterin, beobachte ich schon seit geraumer Zeit, genauer gesagt seit 2019 und ihrem famosen Debütalbum „Boat“, und, was soll ich sagen, die sind wirklich toll. Damals noch etwas unbeschwert und schrabbeliger, heute, mit „Welcome Break“, schon sehr viel reifer, ausgeschlafener, poppiger und insgesamt - was’n Wunder - auch erwachsener. Schöne Gitarren-Pop-Melodien werden hier gespielt, immer mit viel Verve und positiver Energie und nach wie vor auch ziemlich zwingend. Dabei erinnern Pop Blom an unvergessene Bands wie die Wannadies, eben jene bereits erwähnten Bettie Servert, aber auch female-fronted Bands wie Belly, Veruca Salt, Lush und Echobelly, um nur mal ein paar Hausnummern zum besseren Verständnis zu nennen. Sehr schön!

We Are Scientists - Huffy

Passt wunderbar nach Pip Blom, das neue Album der beiden Indie-Tausendsassas Keith Murray und Chris Cain, zu denen sich ja 2014 bekanntlich auch Schlagzeuger Keith Carmen dazugesellte. Klar, ein bisschen schneller, lauter, härter ist das schon noch, als bei den Amsterdamer KollegInnen, zumal eben Letztgenannter ziemlich Gas gibt an seinem vielteiligen Instrument. Fast schon punkig zuweilen, wobei kompositorisch und von der grundsätzlichen Ausrichtung natürlich weiter der Pop das Zepter fest in der Hand hält. Tolle Songs mit tollen Melodien sind auf „Huffy“ wieder mal haufenweise drauf, was auch nicht weiter verwundert, weiß man doch um die herausragenden Songwriter-Fähigkeiten des New Yorker Trios. Und damit das Indie-Rock-Publikum nicht nur streamt, und womöglich am Ende bei den drei Künstlern zu wenig bei rumkommt, haben sie sich etwas ganz Besonderes ausgedacht: „Die mehrteiligen Vinyl- und CD-Verpackungen“ so entnimmt man es dem Info „bieten eine leere Fläche, auf der die HörerInnen ihre eigene unsinnige Vision des `Huffy´-Universums verwirklichen können. Jedes Album enthält Aufkleberbögen mit über 20 vollfarbigen Graffiti, die von den Bandleadern und Freunden entworfen wurden und je nach Lust und Laune benutzt werden können.“ Dazu Bassist Chris Cain: “Usually people bring a vinyl record home, rip it to their iPods, and throw it straight into the fire. Well, not with `Huffy´. We’re giving our listeners a reason to keep this one around, and even to consider passing it down to future generations, if they’re super-happy with where they put all the stickers.” Also dann, kleb’ dir (d)eins…

Gerald Huber

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