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Neue Alben von Haiyti, Arca, Leisure, Volbeat, Sin Fang u.a.

Neue Alben von Volbeat, Haiyti, Arca, Leisure, Sin Fang u.a.
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Neue Alben von Volbeat, Haiyti, Arca, Leisure, Sin Fang u.a.

Rap-Speed Date mit Haiyti, schwere Electro-Kost von Arca, Volbeat mit Schunkel-Metal und Leisure tiefenentspannt

Haiyti - Speed Date

Ich weiß gar nicht so recht, wer zuletzt a) so viel kreativen Output lieferte wie die mittlerweile in Berlin lebende gebürtige Hamburgerin Ronja Zschoche aka Haiyti (5 Alben in 6 Jahren, dazu etliche „Mixtapes“, EPs und sage und schreibe knapp 40 Singles) und b) dafür auch noch so viel Aufmerksamkeit und Lob, vor allem von Seiten des Feuilleton, bekommen hat. Dabei ist ihre Kreativität ganz bestimmt auch Selbsttherapie, denn wie so viele andere, hat auch Haiyti ihre Liebe Mühe sich mit dem abzufinden, was die Menschen meinen sich gegenseitig antun und insgesamt aus dieser Welt meinen machen zu müssen… Und so haut die „Pop-Sensation“, „Rap-Avantgardistin“, „Untergrund-Weltstar“, wie Max Mohr sie in der ARD-Kultursendung „t t t“ zu ihrem 2020er Album „Influencer“ vorstellte, also Song um Song im Akkord raus, um endlich dort hinzukommen, wo sie sich per Eigendefinition selbst sieht, aber noch meilenweit davon entfernt ist. Und gleich zu Beginn des Beitrags, meinte sie in der ersten Interviewsequenz: „Ich hatte heute morgen um 7 wirklich wieder so’n Psycho und dann musste ich mir erstmal ‘ne Valium knallen, damit ich heute hier fit bin.“ Und weiter: „Jedes Mal denke ich, wann geht das jetzt mal los? Und: Ich wohne in einer Loft-Wohnung und der Porschi steht vor der Tür. Aber so is’ es nicht. Jeder Tag ist Krieg!“ Und davon handeln dann auch die Lieder auf ihrer neuen Platte. Und von Liebe natürlich, oft auch unerfüllter… Und so ziemlich allem was da sonst noch so dazwischen liegt. Auch „Speed Date“, das Haiyti selbst als „Affekt-Album“ bezeichnet, wird wieder viele begeistern, und womöglich entert sie ja dann irgendwann mal auch den deutschen Rap-Mainstream und dann wird das ja womöglich auch mal was mit dem Popstardasein und dem schnellen Marken-Flitzer vor der Loft-Wohnung. Verdient hätte sie es allemal! Mir persönlich gehen die inflationären Autotune-Anwendungen auf die Nerven, aber, bin ja schließlich auch kein Feuilletonist.

Arca - KiCK ii

Musikalisch, wenn man die hier zusammengetragenen Klangexperimente als solches bezeichnen mag, und von der grundsätzlichen künstlerischen Herangehensweise gar nicht so weit von Haiyti entfernt die Venezolanerin Alejandra Ghersi Rodriguez aka Arca. Experimentierfreude, Unangepasstheit und überhaupt Anderssein scheint auch ihr Hauptantrieb, zumindest bei allen elf Songs, die sie nicht zusammen mit einer gewissen Sia („Born Yesterday“) komponiert und aufgenommen hat. Weitere Helferlein waren: Boys Noize, Mica Levi, Cardopusher, Jenius Level, Cubeatz sowie Wondagurl. Der Nachteil: Arca rappt-singt-lautmalt auf Spanisch, dessen ich nicht mächtig bin. Der Vorteil: Keine übertriebenen Autotune-Effekte. Womöglich auch wieder ein Thema fürs Feuilleton, das Time Magazine, der Guardian, die Los Angeles Times u.v.a. erklärten sie laut Labelinfo bereits zu „einer der innovativsten Künstlerinnen des 21. Jahrhunderts“, denn Arca tritt nicht nur als elektronisch musizierender Kreativbolzen in Erscheinung, und kooperierte bereits mit JahrhundertmusikerInnen wie Björk, FKA twigs, Lady Gaga, Frank Ocean und Kanye West, sondern auch als DJane, Performerin, Malerin, Pop-Diva und überhaupt Gesamtkunstwerk. Drüben in Südamerika feierten sie Arca bereits für den Grammy-nominierten Vorgänger „KiCK i“ und schlugen sie darüber hinaus auch gleich mal bei den Latin Grammy Awards als „Best Alternative Music Album“ vor. Und auch sie greift nach den (Pop-)Sternen, denn die „nonbinäre Latinx-Transfrau“ will in aller Bescheidenheit „die Rolle des Popstars für kommende Generation neu definieren.“ So zumindest liest man es ebenfalls im Begleitschreiben der Plattenfirma. Interessant, und, schon sehr wahr, das ist musikalischer Futurismus pur, leider - am Stück - nur ganz, ganz schwer zu ertragen.

Volbeat - Servant Of The Mind

Presto e bene, so ein italienisches Sprichwort, non vanno insieme… Gemeint ist demzufolge, dass schnell und gut nicht zusammengehen… In drei Monaten, so Volbeat-Frontmann Michael Poulsen, habe er die ganze Platte geschrieben. „Mir ging es gut zu Hause, ich hatte beste Laune, mein Publikum war ich selbst…“ entfleucht es dem Rockstar etwas launig, in einer Zeit wo weniger betuchte Musikerkolleginnen und -kollegen ums Überleben bangen. 13 neue Songs waren es insgesamt, dazu zwei ordentliche aber nur wenig originelle Coverversionen von Wolfbrigade („Return To None“) und Roy Orbison („Domino“) sowie zwei alternative Versionen zu regulären Albumtracks. Die eine vom wuchtigen „Shotgun Blues“, hier beim „Bonus Track“ mit einem grunzenden Dave Matrise (Jungle Rot) zwangs-death-metalisiert, die andere - im Original maßgeblich von der glasklaren Stimme von Stine Bramsen mitgetragenen Pop-Rock-Hymne „Dagen Før“, eine, nun ja, auch ganz akzeptable „Michael Vox Version“. Aber ist das jetzt schnell, drei Monate für 13 Songs? Je nachdem, für Poulsen und seine Volbeat offensichtlich und hörbar schon, denn richtig gut sind die Kompositionen überwiegend nicht geworden. Exemplarisch dafür steht vor allem der an Nummer 2 gesetzte Rock’n Roller „Wait A Minute My Girl“ mit Jerry Lee Lewis-Gedächtnis-Piano, hyperventilierendem Clarence Clemons-Saxophon-Gebläse und Shakin’ Stevens-Tribute-Gesangseinlage. Außer man liebt freilich diese oft schon sehr einfach gestrickte Art von manchmal auch schlagerhaft-discoidem Schunkel-Heavy-Rock(’n Roll). Keine Ahnung, mir jedenfalls erschließt sich diese ausgelassen Rockgaudi auch diesmal wieder nicht gänzlich…

Leisure - Sunsetter

Angenehm, klar: Leisure halt. Da ist alles so easy, so entspannt, so relaxed und auch ein klein bisschen sexy, irgendwie. Sympathisch auch, dass das neuseeländische Quintett „Sunsetter“ thematisch trennte, in Side A, die romantische, und Side B, die eskapistische. Die Songs drehen sich dann demzufolge zu Beginn um Beziehungen, Käse und Wein, und zitieren dabei von J-Pop bis Bill Withers, während die zweite Hälfte sich eher nach persönlichem Frieden sehnt und die bandeigene Erkenntnis in sich trägt, sich während der Aufnahmen auf einer abgelegenen Insel in der Nähe von Auckland, „noch einen Schritt weiter weg von der Welt“ zu wähnen. Und so klingt’s dann auch, manchmal etwas nach schwülstigem Yacht-Pop, aber auch nach tiefenentspanntem Funk, nach esoterischem White-Soul und nach einem todlangweiligen, durchaus auch alkoholischem, dennoch aber erkenntnisreichen Sonntagspätnachmittag an der Strandbar. Empfehlenswert für Freunde von Parcels, Some Sprouts, The Whitest Boy Alive und all den anderen smarten Easy-Indie-Poppern.

Sin Fang, Sóley & Örvar Smárason - Dream Is Murder

Zum Schluss noch ein kleiner Ausflug in die neblig-schwermütige Indiepop-Landschaft Islands. Sindri Már Sigfússon aka Sin Fang, Sóley (Stefánsdóttir), beide auch aktive bei Seabear, und Örvar Smárason sind seit geraumer Zeit die Supergroup des Reykjavik-Pop. Und ihre Musik klingt freilich nach schneeverwehter Weite, nach Einsamkeit, nach ewiger Dunkelheit, aber eben auch nach stiller Geselligkeit, nach heimeligem Kerzenschein und - auch hier - nach, nun ja, existenzialistischer Erkenntnis, vielleicht… „To dream is to slowly digest oneself from the inside“ heißt es zur Albumtitelerklärung und auch die musikalische Stilvielfalt geht in Ordnung: Ebenso mystischer wie großer Pop bei „Imaginary Love“,„Calling for Your Touch“ fesselt einen mit bildhafter, grandioser Scoremusic und einer Prise „Twin Peaks“, während das düster gehauchte „Shame“ ebenso herzzerreißend wie tragisch vom derzeitigen Verfall allenthalben kündet.

Autor: Gerald Huber

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