Angespielt

Neue Alben von Grandbrothers, Sleaford Mods, Conny Frischauf und Shame

Haben die Schnauze gestrichen voll: Sleaford Mods
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Haben die Schnauze gestrichen voll: Sleaford Mods

Die Grandbrothers zwischen Klassik und Pop, Conny Frischauf zwischen infantil und übermütig, die Sleaford Mods haben die Schnauze endgültig voll und Shame auch...

Grandbrothers - All The Unknown

Grandbrothers - All The Unknown

So klingt das also, wenn sich ein Pianist und ein produzierender Audio-Softwareentwickler zusammentun: Erol Sarp hämmert mal brachial, im exzessiven Stakkato, fast bis zur Verzerrung in die Tasten, dann wieder perlen die Arpeggios und Akkorde elegant und unverkrampft übers Playback, während Lukas Vogel mal treibende und ekstatisch vibrierende, mal getragene Soundscapes konstruiert und dem klassischen Klavier so eine zeitgemäße Electropop-Bühne bereitet.

Elegische Pianoklänge treffen also auch hier auf elektronische Ambient-Pop-Playbacks, zugegeben, nicht der allerheißeste neue Scheiß, seit Nils Frahm, Martin Kohlstedt u.a. damit bereits die großen Säle füllen. Aber auch die Grandbrothers haben sich mit ihrem neuen Album ein dickes Stück vom Neo-Klassik-Electro-Kuchen verdient.

Fazit: Musik für ausgedehnte Autofahrten durchs verschneite Deutschland. Blöd allerdings, dass dies ab 200er-Inzidenzen ein eher kurzes Vergnügen ist.

Anspieltipps: „Howth“, „What We See“, „Morning Express“, „Shorelines“, „Four Rivers“ und „All The Unknown“ (sh. Video)

Conny Frischauf - Die Drift

Conny Frischauf - Die Drift

So klingt das also, wenn sich ein gebürtiger Niederbayer mit Wahlheimat Wien mit einer mutigen Wiener Allroundkünstlerin zusammentut. Doch Ladies first: Conny Frischauf verbindet mal waghalsig, mal extravagant, manchmal aber auch einfach nur (bewusst) infantil Elemente aus Kraut- und Synth-Pop mit Electronica. Ihr Anspruch dabei sei es laut Infosheet „Traditionen zwar spielerisch aufzunehmen, diese jedoch gänzlich neu zu verhandeln und in einen gegenwärtigen, frischen Klang überführen.“ Und, ja, es gelingt ihr zuweilen und zwar Dank Sam Irl, dem bayerischen Teil vom gelungenen Ganzen.

Der ist eigentlich Jazz-Pianist und Tonmeister, in der österreichischen Hauptstadt allerdings mauserte er sich über die letzten Jahre, wie sie bei PULS schon 2016 wussten, zum „freshen Producer“. Als solcher changiert er nach Lust und Laune zwischen DJing, House und HipHop, was wenig verwundert, arbeitet er doch im Studio von Österreichs Technolegende Patrick Pulsinger. Zusammen ist den beiden ein wirklich aufmunterndes Dada-Electro-Sammelsurium geglückt, das einem bei der Kälte gelegentlich schon auch mal kräftig einheizt.

Fazit: „Es geht rauf, rauf, rauf“ meint zumindest der Opener – also dann, geht doch!

Anspieltipps: „Rauf“, „Roulette“, „Parapiri“ (sh. Video), der funky Tanzflächenfüller „Auf Wiedersehn“ sowie das extra verspulte Instrumental „Private Geheimsache“ und freilich das über zehnminütige Psychedelia-Kunststückchen „Freundschaft“. PS: Hab grad richtig Lust die alten Isar 12-Scheiben wieder aufzulegen…

Shame - Drunk Tank Pink

Shame - Drunk Tank Pink

So klingt das also, wenn man die Schnauze gestrichen voll hat, Teil 1: Denn ja, es ist eine Schande. Wie sich große Teile der Menschheit verhalten und überhaupt… So gesehen haben sich die hier schon mal den richtigen Bandnamen ausgesucht. Und man kann es hören, wie sie die Pandemie eiskalt erwischt hat. Dazu Frontmann Charlie Steen: „You become very aware of yourself and when all of the music stops, you’re left with the silence … and that silence is a lot of what this record is about.“ Bleibt sich einzuigeln, Psychose etc.pp inklusive…

Aber, keine Sorge, so ruhig ist es dann erwartungsgemäß auch gar nicht geworden. Denn eigentlich geht es eher turbulent zu, wofür vor allem Steens co-kreativer Mitstreiter Gitarrist Sean Coyle-Smith verantwortlich zeichnet. Dieser analysierte den Art- und New Wave der Talking Heads und den furztrockenen Avant-Funk-Punk von ESG (und angeblich auch ein bissl Talk Talk, was man jetzt meiner Meinung nach nicht so hört...) und schuf selbst „Werke von panischer und knisternder Intensität.“ Yes! Genauso klingt’s dann auch: free-punkig, prog-wavig und alles in allem auch sehr unbequem und anstrengend. Was ja dann wieder perfekt in diese depperte Zeit und zu der in großen Teilen recht abgefuckten Menschheit passt. Shame on you!

Fazit: Post-, Prog- und Wave-Punk par excellence, ein bissl Babyshambles, ein bissl Art Brut und somit auch ein bissl geil…

Anspieltipps: „Water In The Well“ ist ganz weit vorne (sh. Video), aber auch „Nigel Hitter“ und „Harsh Degrees“. Und zu guter Letzt auch das über 6:39 Min. vor sich hin plätschernde, psychedelisch-anmutige – und somit vielleicht entfernt an Talk Talk erinnernde – „Station Wagon“.

Sleaford Mods - Spare Ribs

Sleaford Mods - Spare Ribs

So klingt das also, wenn man die Schnauze gestrichen voll hat, Teil 2: Und ja, schon wahr, gar nicht so leicht den textlichen Ausführungen von Jason Williams im Detail zu folgen. Der Dialekt des aus Nottingham stammenden Punk-Rappers ist schon bemerkenswert, weswegen die Musik, produziert von Andrew Fearn, schon auch ihr Übriges tut um den gesellschaftskritischen Inhalten die internationale Dringlichkeit zu verleihen, die ihnen zusteht. Als „universelle Sprache“ titulieren sie im Info das Zusammenwirken des minimalen Electro-Punk und der aufrüttelnden Raps über den erschreckend desolaten Gesamtzustand unserer Erde. Trump, Johnson, Brexit, Corona, Kapitalismus und noch einiges mehr geht Williams extrem gegen den Strich und so artikulierte er all seinen Unmut innerhalb von drei Wochen im Rahmen des ersten britischen Lockdowns.

Das Ergebnis ist „Spare Ribs“, der Titel ist eine Anspielung auf den Umgang manch politischer Eliten, denen – glaubt man Williams (und wer tut das nicht) – das Leben ihrer Mitmenschen während der englischen Corona-Krise verzichtbar erscheint. „Much like the human body can still survive without a full set of ribs we are all ‚spare ribs’, preservation for capitalism, through ignorance and remote rule, available for parts.” Word!

Fazit: Album der Stunde, genaugenommen des letzten und des neuen Jahres… und eigentlich auch für immer, den ändern wird sich an all den Missständen aller Voraussicht nach auch in Zukunft nix.

Anspieltipps: Definitiv alle, ganz herausragend aber sind: „Nudge It“, „Out There“, „Glimpses“, „Mork’n Mindy“, „I Dont Rate You“ und der Titelsong „Spare Ribs“.

Autor: Gerald Huber

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