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Neue Alben von Def Leppard, Simon Joyner, Wallis Bird, Stars und Steve Earle & The Dukes

Neue Alben von Def Leppard, Simon Joyner, Wallis Bird, Stars und Steve Earle & The Dukes
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Neue Alben von Def Leppard, Simon Joyner, Wallis Bird, Stars und Steve Earle & The Dukes

Mit Def Leppard straight back in die hardrockigen 80er, Steve Earle huldigt Cowboy-Troubadour Jerry Jeff Walker und Wallis Bird mit echter Handarbeit...

Simon Joyner - Songs From A Stolen Guitar

Da Simon Joyner immer noch nur einer relativ überschaubaren Americana-Blase ein Begriff zu sein scheint, hier mal ein paar von den Leuten, die sich gerne mal auf ihn als Inspiration berufen, als da wären: Beck, Kevin Morby, Conor Oberst und Gillian Welch. Joyner wiederum sieht sich in der Tradition von Singer/Songwritern wie Leonard Cohen, Bob Dylan, Neil Young, Bonnie `Prince´ Billy und Townes Van Zandt. Und so klingt’s dann auch gleich mal auf seinem neuesten Album: minimalistisch, rau, ehrlich, intim. Und seine spröde, ungeschönte oftmals auch unbequeme Poesie seziert dann in aller Beschaulichkeit, Tristesse und Ungemütlichkeit den „amerikanischen Traum, dessen Wirklichkeit und die Menschen, die diesen bevölkern.“ Noch dunkler und noch eindringlicher sei sein Vortrag geworden, in Zeiten der Pandemie. Und so ist auch das Thema Isolation eines, an dem er sich hauptsächlich abarbeitet. Wichtig war es, so erfährt man es aus dem Info, dass die beteiligten Musiker allesamt allein waren, um ihre jeweiligen Parts zu finden und einzuspielen. Dabei ging zwar ein wenig jene Spontaneität früherer, oft auch improvisiert wirkender Albumsessions verloren, jedoch tritt dabei jene Intension mehr in den Vordergrund, die Einsamkeit und die Verzweiflung auszudrücken, die ihn während der letzten Monate so sehr in den Bann zog. Nein, „Songs From A Stolen Guitar“ ist keine Partyplatte für ausgelassen Gartenfeste, eher legt man sie auf, wenn der Abend sich ankündigt, man mit seinem Feierabendbierchen, draußen auf’m Balkon, den Tag Revue passieren lässt und sich wiedermal fragt, warum sich - trotz all der Umtriebigkeit, der Aufgeregtheit, dem sinnlosen Aktionismus und dem kompletten Versagen der Weltgemeinschaft - eigentlich um einen herum alles so hohl und leer anfühlt.

Wallis Bird - Hands

Ein Rasenmäher im elterlichen Garten war es, der der mittlerweile in Deutschland verweilenden Irin Wallis Bird vor vielen Jahren schon alle Finger von der linken Hand abtrennte. Sie konnten wieder angenäht werden, dennoch musste sie für sich das Gitarrenspiel völlig neu interpretieren und auf eigene Weise neu erlernen. Glück im Unglück, denn ihre eigene musikalische Note und ihr leidenschaftliches Spiel haben davon letztlich sogar profitierte. Womit im Grunde auch gleich das Cover erklärt wäre, das Birds linke Hand abbildet. Dazu Bird: „Textlich geht es mir mit `Hands´ ähnlich wie beim Musikalischen. Normalerweise weiß ich ziemlich genau, warum ich auf einem Album etwas auf bestimmte Weise mache und worüber ich schreibe.“ Hier erschloß es sich der Gitarristin, Sängerin und Komponistin aber erst als alles fertig war: „`Hands´ ist schon als Wort unfassbar stark. Weil Hände Sicherheit vermitteln, aber auch Gewalt zufügen können. Hände ermöglichen Sinneswahrnehmungen, die mit zu den schönsten gehören, die man erleben kann, zum Beispiel, wenn man einem geliebten Menschen durch die Haare streicht.“ Und auch die Produktion gab sie diesmal zum ersten Mal aus ihren eigenen Händen und legte sie in die von Hundreds-Mastermind Philipp Milner, der Bird fortan auf einen ebenso überraschenden wie unerwarteten Tripp in Richtung düsteren 80s-Pop-meets-Electronica schickte. Trotzdem ist ihr neues Album, wie immer eigentlich eine sehr persönliche Angelegenheit geworden. Nicht nur, um wie sonst mit klugen Gedanken über das Leben, die Liebe und den ganzen anderen Rest, Hörerinnen und Hörer zum Nachdenken anzuregen, sondern diesmal einfach auch nur mal so zum „Tanzen, Lachen und laut Mitsingen“ anzuspornen. Mein absoluter Lieblingssongs ist mit „I‘ll Never Hide My Love Away“ trotzdem einer der verhaltenen und nachdenklicheren des Albums, auf dem sie ihre Gitarre so gefühlvoll und bedächtig zupft und dazu so behutsam wie nur irgend möglich singt, dass man nur gebannt vor der Anlage sitzt und sich vorstellt, wie Wallis Bird einem mit ihrer Hand zärtlich durch die Haare fährt.

Def Leppard - Diamond Star Halos

Ich hatte sie damals alle, auf Platte oder auch live gesehen und gehört: Bryan Adams, Journey, Saga, Loverboy, Magnum, Night Ranger, Whitesnake, Bon Jovi, Foreigner, Uriah Heep, REO Speedwagon und und und… Kein Wunder also dass ich mich doch bei Def Leppard neuem Album gleich mal sehr viel jünger fühle. Unvergessen ist für mich das 83er „Pyromania“-Album. Ein Jahr darauf verlor Schlagzeuger Rick Allen bei einem Autounfall seinen linken Arm, die Band hielt an ihm fest und mit Hilfe der NASA (sic!) wurde ein spezielles Set für Allen entwickelt, das er seither mit nur einem Arm und den Füßen bedienen kann. 1987 folgte zwar dann das immer noch sehr ansprechende „Hysteria“, doch ich hatte mich musikalisch bereits weiterentwickelt und konnte mit dieser Art Hardrock nicht mehr ganz soviel anfangen. Zwischendrin verstarb dann Gitarrist Steve Clark 1991 an einer Überdosis von so gut wie allem. Es folgten magere Jahre für Def Leppard, denn - nicht nur meine - Rockwelt drehte sich amerikanischer Weise bereits um den Grunge und Bands wie Nirvana, Soundgarden, Screaming Trees oder The Smashing Pumpkins und britpopseitig um Oasis, The Stone Roses, Blur, Happy Mondays und The Charlatans. Nun wie auch immer, Songs wie der schlagerhafte Rock von „Liquid Dust“ oder das westcoast-verbrämte „SOS Emergency“ sind so jenseits von allem was erträglich scheint, dass man fast lachen muss. Dagegen offenbaren Def Leppard bei Tracks wie „U Rok Mi“, „Open Your Eyes“, „Take What You Want“, „Gimme A Kiss“ und etwa „Fire It Up“ weiterhin erstaunliche Shouterqualitäten. Überzeugend auch die mit reichlich Streichern untermalte Feuerzeug-Ballade „Goodbye For Good This Time“, keine Wunder also, dass Def Leppard auch 2022 wieder durch die großen Stadien der USA ziehen. Als Co-Headliner fungieren dann keine geringeren als die aberwitzigen Glam-Metaller von Mötley Crüe, ein Line Up, dass ich mir - sollte es dann vielleicht doch mal im Olympiastadion Halt machen - ganz bestimmt nicht entgehen lassen würde.

Steve Earle & The Dukes - Jerry Jeff

Vor knapp einem Dreivierteljahr ist der einflussreiche Country-Sänger Jerry Jeff Walker von uns gegangen. Steve Earle nun outet sich als großer Verehrer des Cowboy-Musikanten und zollt ihm den gebührenden Respekt, wie er es schon 2009 (für Townes Van Zandt) und 2019 (für Guy Clark) tat, indem er ein Tribute-Album aufnahm und nun veröffentlicht. Dazu Steve Earle: „Die Platten wurden in der Reihenfolge aufgenommen und veröffentlicht, in der sie diese Welt verlassen haben. Aber machen Sie keinen Fehler – es war Jerry Jeff Walker, der zuerst kam.“ Earle war ein Teenager, als er Walker zum ersten Mal hörte. Ein Lehrer an seiner High School gab ihm den Song „Mr. Bojangles“ mit auf den Weg, Walkers klassische Ballade über einen Strafgefangenen, den er in einem Gefängnis in New Orleans kennenlernte. Earle zog es in den 1970er Jahren dann nach Nashville und heuerte prompt bei Jerry Jeff als Fahrer an. Daher also diese Bindung bis über den Tod hinaus und Earle legt großen Wert darauf, Walker nicht auf jenen - von Bob Dylan bis Robbie Williams gecoverten - Megahit „Mr. Bojangles“ zu reduzieren: „…mein Hauptziel bei der Aufnahme dieses Albums war es, die Leute daran zu erinnern, dass er eine Menge verdammt guter Songs geschrieben hat.“ So far, so wahr, man höre nur die kantig-knarzigen, sehr intimen und überaus emotionalen Versionen von „Old Road“ und „My Old Man“ sowie das atmosphärische, tief unter die Haut gehende „Wheel“.

Stars - From Capelton Hill

So gut wie alles deutet im Info des neuen Stars-Album daraufhin, dass die Band wohl schon bald Geschichte ist. Da ist zum einen Amy Millans „Pretenders“ welches als „Liebesbrief“ an den Band-Kollegen Torquil Campbell fungiert und ihre Erinnerungen an die Ursprünge der Gruppe beschreiben. Bei „Snowy Owl“, jenem fast schon zarten, akustischen Abschluss des Albums, tauschten Millan und Campbell die Strophen und schlüpften singend in die Rolle zweier Charaktere, „die versuchen, zusammenzubleiben, sich aber stattdessen immer wieder gegenseitig zerstören.“ Aua. Campbell wiegelt derweilen ab: „Ich weiß nicht, was danach kommt … Ich mache einfach Platten über andere Leute und am Ende geht es um mich.“ Und, um es dann völlig unzweideutig zu machen: „`From Capelton Hill´ handelt letztlich von einer Gruppe von Menschen, die mehr als 20 Jahre zusammen verbracht haben und die sich nun der schrecklichen, notwendigen Rechnung stellen müssen, die jeder Mensch irgendwann machen muss: Wann wird das alles enden?“ Vermutlich hier. Nichtsdestotrotz sind die Stars - nach Bands wie The New Pornographers, Cowboy Junkies und noch ein paar anderen - eine der wichtigsten Indieformationen aus Kanada aller Zeiten, weswegen man schon ein bisschen melancholisch werden könnte, aufgrund dessen, was längst ausgemachte Sache zu sein scheint. Mit „From Capelton Hill“ versüßt das Sextett den Abschied jedoch ein kleinwenig, und man nimmt großartige Songs wie „That Girl“, „Back From The End“, „To Feel What They Feel“, das eben schon angeführte „Pretenders“, das funky abtanzende „Build A Fire“ oder auch das hymnische „Patterns“ mit in die dann starslose Ewigkeit. Ganz abgesehen freilich vom fast schon in coldplay’scher Stadion-Pop-Schwermut daherkommende Titelsong oder die mit Bedacht am Ende platzierte, introvertierte Akustik-Ballade „Snowy Owls“. Also dann: Bye, bye ihr Stars - war schön mit euch!

Autor: Gerald Huber