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Neue Alben von Cro, Marianne Faithfull w/ Waren Ellis, Ja, Panik und Danger Dan

Neue Alben von Cro, Marianne Faithfull w/ Waren Ellis, Ja, Panik und Danger Dan
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Neue Alben von Cro, Marianne Faithfull w/ Waren Ellis, Ja, Panik und Danger Dan

Cro zeigt sich vielseitig, Marianne Faithfull und Waren Ellis geben sich poetisch, Ja, Panik neigen zur Dystopie und Danger Dan fasziniert mit großartigen Liedermachermomenten

Cro - trip

Ob’s an dem Helm liegt, den Cro im neuesten Video zur Single „Superwoman“ trägt, dass man ihn so schlecht versteht? Wohl liegt das Verständigungsproblem eher am Vocoder, der hier bis auf Anschlag eingesetzt wurde. Sonst ist’s ein cool groovender, durchaus internationalen Ansprüchen gerecht werdender Track, der so ähnlich auch von Phoenix oder Metronomy sein könnte, in dem es um die Traumfrau geht, unerreichbar, weil tausende Kilometer entfernt. Besser versteht man den Cro dann bei der `Jakarta Live Session´ zu „Nice!“ (sh. Video). Ein lässiger, dopamin-getränkter Bar-Popsong darüber, dass grad alles „nice“ ist, mithin also eine ebenso sympathische wie entspannte Sommer-Hymne auf das Hier und Jetzt. Geradezu breakbeatig und funky geht’s bei „Sygl“ zu, jener Kooperation mit dem Rapper Michael „Shindy“ Schindler. Fette Tanzmusik auch „Alles Dope“, auch hier relativ funky mit ein bisschen 80s-Feeling und einer, zumindest meiner Wahrnehmung nach, kleinen Verbeugung vor Suzanne Vegas „Toms Diner“. Disco trifft Dance, Rap, Electro, Funk und House, zudem experimentiert Cro mit Psychedelic- und Surf-Rock, alles in allem mutig und doch in der Ausführung überzeugend.

Fazit: Reife Platte! Mag ich.

Anspieltipps: Alle genannten und noch ein paar andere.

Marianne Faithfull w/ Waren Ellis - She Walks In Beauty

„Es ist wirklich meditativ, dieses Zeug immer und immer wieder zu hören“, sagt einer, der es wissen muss: Waren Ellis, seines Zeichens Haus-und-Hof-Kapellmeister von Nick Cave (& The Bad Seeds). In völliger Isolation während des Lockdowns schuf Ellis in seinem Pariser Studio sphärisch-düstere Soundscapes über die Marianne Faithfull Gedichte rezitiert. Aber eigentlich war’s ja andersrum: Faithfull las Gedichten aus der englischen Romantik von Poeten wie Shelley, Keats, Byron, Wordsworth, Tennyson und Thomas Hood, Produzent Howard „Head“ Bullivant (PJ Harvey, Yoko Ono, Thom Yorke, Massive Attack u.a.) zeichnete diese auf und schickte sie Ellis, der sich wiederum hinsetzte und seine Klangkollagen anfertigte: „Ich habe sie nicht als Songs gesehen. Ich war nicht auf Melodien oder Akkorde festgelegt, sondern konnte mir unglaublich viele Freiheiten nehmen. Es ging also nicht darum, etwas zu kreieren, das dem Text folgen oder ihn umreißen musste. Das Wichtigste war, dass es sich nicht im Weg stand.“ Ähnlich dachten wohl auch Nick Cave, Brian Eno und der Cellist Vincent Ségal (Elvis Costello, Vanessa Paradis, Ben Harper u.a.), die allesamt ein bisschen auf dem Klavier oder Synthie klimperten, wahlweise dazu ein paar Saiten streichelten.

Fazit: Marianne Faithfull hatte sich während der Arbeit an diesem Album mit Covid-19 infiziert und rang mit dem Tod. Deswegen: Hinsetzen. Kerze anzünden. Klappe halten. Zuhören!

Anspieltipps: Wie bei einem guten Gedichtband, sollte man auch hier alle Kapitel – in dem Fall: hören.

Ja, Panik - Die Gruppe

Es ist eine berechtigte Frage, die sich die Gruppe Ja, Panik, ursprünglich aus Wien, dann in Berlin wahlbeheimatet, grad pandemiegeplagt in ihrem Info fragt: „Wo kann man denn noch hin jetzt, wo alles hin ist?“ Dabei wirkt ihr aktuelles Album wahrlich zeitlos und ist doch mehr up to date als vieles, was während der verschiedenen Lockdowns so erschienen ist: „drinnen ich / draußen nichts“, aus dem Song „On Livestream“, dürfte so auch eine der maßgeblichen Zeilen zur Seuche sein und zugleich – laut Info – „der Wunsch nach einer Gemeinschaft, die mehr ist als ein Konzept, vielleicht das, was uns zur Zeit am meisten verbindet.“ Sänger und Texter Andreas Spechtl leidet und ist doch für viele ein Hoffnungsschimmer und Rettungsanker zugleich, obwohl auch er und die seinen weder Gegengift sein können noch Heilung versprechen. „Die Harmonie“ auf ihrem neuen Album, so schreiben Ja, Panik weiter „ist trügerisch, gestört und verzerrt.“ Es sind harte Zeiten, dystopische von mir aus, und Ja, Panik liefern den verkopften, oder besser akademisch-musikalischen Pop-Ansatz irgendwie damit fertig zu werden. Möge es allen gelingen, wo immer sie sich auch aufhalten, drinnen wie draußen…

Fazit: „Die Gruppe“ Ja, Panik ist zurück! Und das ist gut so.

Anspieltipps: „The Cure“, „On Livestream“, „Memory Machine“, „Backup“ und das ebenso programmatische wie epische Finale: „Apocalypse Or Revolution“ (sh. Video).

Danger Dan - Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt

Fans der Antilopen Gang, also jene die sich auch hier Sprechgesang und fette Beats erhoffen, seien gewarnt. AG-Frontmann Danger Dan gibt hier den engagierten Protestsänger und altmodischen Liedermacher, den leidenschaftlich und sanft intonierenden Chansonnier, den charmanten Solo-Piano-Entertainer. Das ist so wunderschön, dass man a) aus dem Staunen gar nicht mehr rauskommt und b) wirklich hingerissen ist ob der kompositorischen Feinfühligkeit und der ebenso detaillierten wie liebevoll getexteten Songs. Klar, schwer politisch ist das zuweilen, ganz so wie bei der Gang und wie es der Titelsong schon lange vor dem Album vermuten ließ, aber so viel Wärme und Herz hätte man Danger Dan bei aller Liebe dann doch nicht zugetraut. Zumal seine Texte immer sehr persönlich sind, in „Lauf davon“ etwa erinnert er im Stile eines Randy Newman an eine Begebenheit, die sich 2012 zutrug, wo er und etwa 50 andere einen Zaun überwanden um ihrem Idol Lou Reed bei einem seiner letzten öffentlichen Auftritte während eines Open Air-Konzertes in Bordeaux näher zu kommen. Es sind wirklich großartige Geschichten, die Danger Dan hier zu erzählen weiß und die er immer auch „mit dem Drama und der Lächerlichkeit der menschlichen Existenz“ verzahnt. Unnachahmlich gut!

Fazit: Große Liedermacher-Momente.

Anspieltipps: Natürlich, der Titelsong (sh. Video), der ja aufgrund seines antifaschistischen Fanals enorme Wellen schlug, und ja, natürlich auch „Lauf davon“. Aber auch die meisten anderen sind unbedingt hörenswert, wie etwa „Ich verprügelte die Sextouristen in Bangkok“, „Eine gute Nachricht“, die Liebesschnulze „Trotzdem“, die vergnügliche Abrechnung mit seiner ehemaligen Schule – die sich auf Wikipedia mit seinem Namen schmückt – „Ingloria Victoria“ oder die ironische Erbauungsballade „Beginne jeden Tag mit einem Lächeln“, brillant konterkariert mit Wutbürgergeschrei und aus dem Ruder laufender Klavier-Disharmonie…

Autor: Gerald Huber

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