In eigener Sache

Nachruf: Uwe Feigl ist tot

Uwe Feigl
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Uwe Feigl

Wie kaum ein Zweiter hat er unser Magazin mitgeprägt und die Stadt mit Kennerblick durchleuchtet. Wir haben ihm alle viel zu verdanken. 

Wenn man an ihn denkt, ist all das sofort wieder da. Sein typisches Lachen. Ein schelmischer, neugieriger Blick. Und natürlich das Augenrollen und der mit gespieltem Ernst gestreckte Mahnfinger, falls er mal wieder eine sachliche Unzulänglichkeit, eine kleine Schlamperei oder einfach nur einen spektakulär doofen Vertipper in meinen Texten gefunden hatte. Der kurze Moment der gebotenen Strenge war aber meist schnell wieder verflogen, jovial streichelte er sich über die spitz auslaufenden Bartenden – und mit einem kurzen trockenen Witz war für ihn vieles wieder gut. All das kann man sich vorstellen, wenn man an ihn denkt. Was man sich gar nicht vorstellen kann, ist sein Tod. Und doch ist es seit 6. Juni traurige Gewissheit: Uwe Feigl lebt nicht mehr.

Er ist ein IN München-Mitarbeiter der ersten Stunde, langjähriger Ideengeber und kreativer Antreiber der Redaktion und vor allem ein guter Freund. Und ein feiner Kerl, den ich zuletzt bedauerlicherweise viel zu selten sah - weil die üblichen Orte, an denen das ein einfaches und liebgewonnenes Ritual war, oft noch verschlossen bleiben mussten. Vielleicht hätte ich die Gestaltung seines Arbeitsplatzes im Büro am Sendlinger-Tor-Platz, das zuletzt für viele von uns ebenfalls viel zu oft fast verwaist blieb, rückblickend etwas ernster nehmen müssen.

Schräg gegenüber von dem Tisch, an dem ich ab und an arbeiten darf, war nach und nach ein liebvoll dekorierter Gedenkort für einen Geistesbruder und nicht minder humorgesegneten Wegbegleiter entstanden: Mit Fotos und Memorabilia ein improvisierter Lemmy-Kilmister-Schrein, der alle Ansammlungen am Orlando-di-Lasso-Denkmal vor dem Bayerischen Hof in den Schatten stellt.

Uwe war - wie der ebenfalls markig bärtige Lemmy - nicht nur ein Freund des gepflegt exzentrischen Humors, sondern auch ein Typ, der starke Gefühle zwar sicher gut kannte, aber nicht unbedingt zeigte. Und auch in zuletzt schweren Tagen kein Gewese um sich machte - und schon gar kein Mitleid erwartete. So kam alles erschreckend schnell. Auch Lemmy, der stolz und ungebrochen die Bühne verließ, blickte auf den Fotos rund um Uwes Computerbildschirm nicht zurück.

Was für mich – und viele seiner Bekannten und Freunde – bleibt, ist dagegen so viel mehr. Und viel Stoff zum Zurückblicken. Es war mit Uwe ein langer Weg. Ein Weg, der für mich letztlich auch zu einem Berufsweg wurde. Vieles begann mit ein paar über die Schreibtische hinweggefeuerten Witzen und der Großzügigkeit eines damaligen Chefredakteurs, der es schätzte, wenn man für seine Themen brannte, dem Dünkel aber völlig fremd war. Uwe Feigl ließ mich schreiben. Und er half mir, nach und nach besser darin zu werden. Was weder er noch ich jemals vergaß: An Uwe führte auch kurz vor Feierabend kein Weg vorbei. Ich kann mich an kaum einen Abend erinnern, an dem ich nicht noch mal kurz vor dem Nachhausgehen an seinem Tisch kleben blieb, um gemeinsam noch ein paar Sprüche zu klopfen.

Wie so viele Kollegen im Verlag auch habe ich seiner Offenheit, seiner Liebenswürdigkeit und seiner Gelassenheit viel zu verdanken. Und sein Fingerspitzengefühl für die Leichtigkeit in der Sprache, für den originellen Dreh, aber auch die professionell sympathische Respektlosigkeit, wenn vermeintliche Autoritäten sie verdient hatten, war mir immer Vorbild. Um mir ein Urteil über die jungen, wilden, gelegentlich besonders respektlosen „Blatt“-Zeiten, die Uwe Feigl in die Stadt und selbst zum Schreiben gebracht hatten, zu erlauben, war ich selbst lange zu jung. Das Jungsein ist längst vorbei.

Wie wichtig Uwe die „Blatt“-Ära war, aber auch der Stolz, das „IN“ über die Jahrzehnte wachsen und sich weiterentwickeln zu sehen, konnte man immer spüren. Das Großstädtische, das auch unser Anspruch ist, war ihm nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Warum aber auch? Als großer Kenner der Kulturszene hatte der gebürtige Traunsteiner die Münchner Fäden rasch in der Hand.

Was Uwe bestens konnte, war Menschen für sich zu gewinnen, sie zusammenzubringen, Gott und die Welt (sowie natürlich alle Konzert- und Clubveranstalter) zu kennen. Heute würde man vom „Vernetzen“ sprechen. Aber so lange gibt es Facebook ja eben doch noch nicht. Die Plattformen kommen und gehen. Uwe war immer schon ein soziales Netzwerk.

Und Neuigkeiten entdeckte man mit ihm eben nicht in der Timeline, sondern besprach sie nach allen Regeln der Redekunst gerne auch mal am Stammtisch. Im Frank-Zappa-Hergottswinkel. Und natürlich auch am Lemmy-Kilmister-Marterl in der guten Redaktionsstube.

Uwe Feigl hatte die Gabe, die große, oft hektische Stadt gelegentlich angenehm klein und verträglich übersichtlich zu halten. Den Durchblick hatte er dafür. Freunde, Kollegen, Verlag und Redaktion: Wir alle vermissen dich so sehr! Mach’s gut, Uwe.

Rupert Sommer

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