Nachruf

Alt-OB Christian Ude über Wolfgang Nöth: „Innovativ und berserkerhaft“

Scheuten keinen Schlagabtausch: Christian Ude und Wolfgang Nöth
+
Scheuten keinen Schlagabtausch: Christian Ude und Wolfgang Nöth

Mit seinen kühnen Projekten hat der verstorbene Hallenkönig Wolfgang Nöth auch den früheren Oberbürgermeister Christian Ude stets auf Trab gehalten. Doch der Wirbel tat gut. Von Nöth kann man viel lernen.

Herr Ude, Wolfang Nöth hat das Kulturleben, besonders seine nächtlichen Seiten, lange stark mitgeprägt. Worin sehen Sie seine größten Leistungen?
Wolfgang Nöth hat in der Stadt der übergroßen Nachfrage und deshalb der chronischen Raumnot die Zwischennutzung als Platzangebot erkannt, nicht auf geschniegelte Neubauten gewartet, sondern den Charme und die Geschichte erschöpfter Fabrikhallen genutzt, Genehmigungen erzwungen und nicht abgewartet und so international den Ruf Münchens begründet, dass man dort auch nachts etwas erleben kann.

Lange Zeit waren Party- und Konzert-Veranstaltungen, wie Wolfang Nöth sie auch an eher ungewöhnlichen Orten ermöglichte, in München eine enorme Seltenheit. Welche Lücke hatte er als Ermöglicher, aber auch als geschickter Geschäftsmann richtig erkannt?
Das hat er selber am besten formuliert: Er könne nichts dafür, dass seine Ideen schneller kommen als die dafür erforderlichen Genehmigungen. Meistens haben wir es aber geschafft, dass sie bei der Eröffnungsfeier noch überreicht werden konnten.

Durchsetzungsvermögen, originelle Ideen, aber auch teilweise robuste Hartnäckigkeit: Wie oft mussten Sie Kollegen aus der Stadtverwaltung eigentlich tröstend wieder aufbauen, wenn ihnen Wolfgang Nöth mit neuen Ideen mal wieder besonders forsch nahegetreten war?
Wie oft? Pausenlos! Er war nicht nur innovativ, sondern auch rücksichtslos und berserkerhaft. Ich las dieser Tage wieder ein altes Zitat von mir: „Nöth ist ein Segen für die Stadt, aber eine Strapaze für die Verwaltung“. Er konnte Baurecht und Brandschutz nicht leiden und verachtete Beamte, die dafür zuständig waren. Viele Medien haben ihm dafür zugejubelt, bis irgendwo auf der Welt eine Disco brannte. Dann kam sofort die Artikelserie: „Hätte das auch bei uns passieren können? Sind wir in München streng genug?“ Deshalb habe ich immer dafür gekämpft, dass die Vorschriften schon eingehalten werden - wenn auch manchmal verdammt spät.

Was vermuten Sie: Woher hat Nöth seine kreative Energie genommen und was können Veranstalter, deren Improvisationstalent aktuell besonders gefragt ist, rückblickend von ihm lernen?
Er hat eine harte, entbehrungsreiche Kindheit gehabt und eine schwere Jugend. Das kann einen Menschen mürbe machen und resignieren lassen, aber auch zu Höchstleistungen provozieren, wie es bei ihm der Fall war. Ob man die Blütezeit der Hallenkultur wiederbeleben kann, weiß ich nicht. Aber die Kunst der Zwischennutzung - es müssen ja nicht immer Fabrikhallen sein - wird in der Stadt der Platznot gefragt bleiben. Und noch ein Rat aus dem Ruhestand: Genehmigungen schänden nicht! Man kann den Rechtsstaat und seine Gesetze ernst nehmen und trotzdem (?) Kunst ermöglichen, vielleicht sogar auf schnellerem Wege.

In Corona-Zeiten sind die Erinnerungen an ausschweifende Partynächte auf engstem Raum im Moment fast schon ein sündiger Gedanken. Wie groß ist Ihre Sorge, dass München nach langer Durststrecke die Feierfreudigkeit verloren haben könnte?
Wenn Corona geht, kommt die Lebensfreude in allen Formen wieder. Wenn man in Kulturhallen genauso wie in Wiesn-Zelten und Wintersportorten noch einen Platz bekommt, muss das ja nicht traurig sein. 

Interview: Rupert Sommer

Auch interessant

TV-Special

Amtseinführung Joe Biden: Die Inauguration im TV und Online im Stream

Amtseinführung Joe Biden: Die Inauguration im TV und Online im Stream

TV-Tipps

Unsere TV-Tipps am 18.01.2021

Unsere TV-Tipps am 18.01.2021

#coronakuenstlerhilfe

Home Office: Kunst im Hintergrund

Home Office: Kunst im Hintergrund

Angespielt

Neue Alben von Grandbrothers, Sleaford Mods, Conny Frischauf und Shame

Neue Alben von Grandbrothers, Sleaford Mods, Conny Frischauf und Shame