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„Girls To The Front!“ - DJ Albert Royal (Visions Party) über Musik von und mit Frauen

Platten von Marina Kaye, Annie Taylor, A.A. Williams, Die P, Mavis Staples, Brutus
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Platten von Marina Kaye, Annie Taylor, A.A. Williams, Die P, Mavis Staples, Brutus

Unser Gastkolumnist Albert Royal über die Platten von Marina Kaye, Annie Taylor, A.A. Williams, Die P, Mavis Staples, Brutus

Marina Kaye - Twisted (PIAS Recordings)

Die 23jährige, französische Sängerin Marina Kaye zählt Lana Del Rays Album „Born to die“ zu ihren Lieblingsalben, daneben kann man Vergleiche zu Lorde oder auch Dua Lipa ziehen. In Frankreich wurde ihr 2015 erschienenes Debüt-Album mit Dreifach Platin ausgezeichnet, die dazugehörige Hit-Single verzeichnet mittlerweile über 43 Millionen Plays bei Youtube. Da ist es schon ein wenig verwunderlich, das sie in Deutschland immer noch weitgehend wenig Aufmerksamkeit bekommt. Völlig zu unrecht! Mit ihrem dritten Album „Twisted“ dass sie im letzten Jahr veröffentlicht hat, liegt nun ein wirklich gelungenes Pop-Album vor, das ohne große Hits auskommt, dabei aber auf ganzer Länge zu überzeugen weiß. Es gibt diese düstere Grundstimmung in ihren Texten, die sich mit schwierigen Beziehungssituationen auseinander setzen. Dies spiegelt sich aber nicht in der Musik wider. Fast möchte man sich ein bischen Sorgen machen, wenn sie singt „I don´t feel good and I don´t feel bad, just empty“ oder „I got questions, but no answers at all“. Aber in Interviews versichert die in Genf lebende Sängerin gerne das es ihr mittlerweile gut gehe und sie traumatische Erlebnisse in ihrer Vergangenheit hinter sich gelassen hat. Der Club taugliche Song „The Whole 9“ bleibt beim ersten Hören sicher am schnellsten hängen. Aber gerade die etwas ruhigeren Songs wie „Bad intentions“ entfalten mit Zeilen wie „don´t feed me no lie because it´s wasted, the truth is hard to swallow you should taste it“ eine viel stärkere Intensität die länger anhält. Bei einem ausverkauften Konzert in der Muffathalle würde sie nicht nur ohne Probleme das Publikum in ihren Bann ziehen, sondern auch in der Nachberichterstattung im Feuilleton sehr wohlwollend aufgenommen werden. Dazu müsste sie aber erst mal auch in Deutschland auf Tour kommen.

Annie Taylor - Sweet Mortality (Taxi Gauche Records)

Deutlich frischer und lebensbejahender gehen die Schweizer Annie Taylor ans Werk. Der teils flotte Mix aus Surf-Rock, Rock´n`roll und Grunge-Elementen versprüht jede Menge Retro-Charme und ist damit ein sehr guter Soundtrack für den nahenden Sommer und laue Abende mit Freunden bei jeder Menge Kaltgetränke. Gründe zum Feiern hätte es für die Band 2020 jede Menge gegeben. Neben der Veröffentlichung ihres Debütalbums war eine zehntägige Tour in den USA geplant. Die Farbe der Visa-Stempel war noch nicht ganz trocken da machte ihnen der Lockdown einen Strich durch die Rechnung. Statt Konzerten unter kalifornischer Sonne ging es für Sängerin Gini zurück in ihren Job als Kindergärtnerin. Benannt hat sich die Band nach einer verwitweten Lehrerin die sich 1901 als erster Mensch überhaupt in einem Fass die Niagarafälle hinunter stürzte und überlebte. Passt irgendwie ganz gut zur Band, die sich auch durch die Pandemie nicht ausbremsen lassen will und die Zwangspause zur Arbeit an neuen Songs genutzt hat, um diese im Herbst auf Tour präsentieren zu können. In Deutschland kümmert sich die Booking Abteilung des Hamburger Labels Grand Hotel van Cleef rund um Thees Uhlmann & Kettcar um Auftrittstermine. Da sollte einem Gastspiel in München eigentlich nichts mehr im Wege stehen. Und ich möchte hiermit gleich mal ein Ticket reservieren!

A.A. Williams - Songs From Isolation (Bella Union)

Ein Album das ohne die Pandemie wohl nicht entstanden wäre. Als Nachfolger ihres viel beachtendem Debut Album „Forever Blue“ aus dem letzten Jahr, hat die Sängerin und Multiinstrumentalistin A.A. Williams in ihrer Londoner Wohnung eine Sammlung von Cover Versionen aufgenommen. Die Fans konnten vorab im Netz über die Songs abstimmen, weswegen die Auswahl wenig überraschend ausfällt. „Creep“ von Radiohead, „Lovesong“ von The Cure oder „Where Is My Mind“ von den Pixies. Alles sehr naheliegend. Aber das ändert nichts daran, dass die Songs sehr gut umgesetzt wurden. Die intime Stimmung und die einfache Begleitung auf dem Piano oder ihrer Gitarre, die klare, aber doch zerbrechlich wirkende Stimme, sorgen dafür dass dieses Album den Hörer auch auf ganzer Länger fesselt. Höhepunkt ist der Nine Inch Nails Song „Everyday Is Exactly The Same“ der in Zeiten von HomeOffice und Kontaktbeschränkungen wohl sehr passend wider gibt, was viele von uns gerade denken. Umso wichtiger dass wir dann Musik entdecken die einen tröstend in den Arm nimmt und uns die kalten Abende alleine in der Wohnung erträglich erscheinen lässt.

Die P - 3,14 (365XX)

Erste Überraschung: Street-Rap von kredibler Qualität gibt´s auch in intelligent. Zweite Überraschung: kommt nicht aus Berlin, sondern aus Bonn. In der ehemaligen Hauptstadt gibt es auch Problemviertel und die musikalische Verarbeitung der daraus resultierenden Erfahrungen. Die Beats in der Tradition von Dr. Dre, also old schoolig mit viel Golden Era-Vibe - auf Autotune oder unnütze Feature-Gäste wird bewusst verzichtet. Die Münchner HipHop Pioniere von Main Concept haben das schon lange vor mir erkannt und so findet sich auf derem aktuellen Album ein Gastauftritt der Rapperin. Ihr eigenes Album ist auf dem neu gegründeten All Female Label 365XX erschienen. Als Symbolfigur für Frauenpower möchte sie trotzdem nicht wahrgenommen werden. Es geht ihr um HipHop, die Musik mit der sie aufgewachsen ist und die sie zuerst bei ihren älteren Geschwistern gehört hat. Mit 14 hat sie ihren ersten Text geschrieben nachdem sie „8 Mile“ im Kino gesehen hat. Heute freut sie sich wenn Menschen ihr erzählen, dass ihre Texte ihnen Mut und Kraft geben. Die Deutsch-Afrikanerin ist ein gutes Beispiel dafür wie vielschichtig deutschsprachiger HipHop gerade abseits der Charts sein kann und das es sich lohnt hier mal genauer hinzuhören.

Mavis Staples - We Get By (Anti Records)

Zum ersten Mal bin ich auf Mavis Staples bei der Lektüre von „Let´s Go (So We Can Get Back)„ von Jeff Tweedy gestoßen. Der Sänger von Wilco hat bei einigen Alben der 82-jährigen US-amerikanischen Blues- und Soulsängerin mitgewirkt, die für ihre Arbeit bereits Grammy-Ehrungen einheimsen durfte. Erste Erfolge feierte sie als Mitglied der Gospel-Gesangsgruppe The Staple Singers die sich in der Bürgerrechtsbewegung engagierte. Während ihrer späteren Solo-Karriere kam es dann unter anderem zu einer Zusammenarbeit mit Prince und das amerikanische Musikmagazin Rolling Stone listete sie unter den 100 besten Sängern aller Zeiten. Das Album „We Get By“ von 2019 hat der Bluesmusiker Ben Harper voller Bewunderung für diese Jahrhundertstimme geschrieben und produziert. Im Titelsong, der mit „Wir kommen klar“ übersetzt werden kann, singt er zusammen mit ihr eindringliche Zeilen die den Zusammenhalt der afroamerikanischen Community beschwören. Als Mavis Staples zur Schule gegangen ist gab es noch Rassentrennung in den USA. Und auch wenn dieses dunkle Kapitel bereits eine Weile zurück liegt gibt es noch viel für die Gleichstellung aller Menschen zu erreichen.

Brutus - Nest (Hassle Records)

Ebenfalls bereits 2019 erschienen ist das zweite Album der belgischen Progressive-Rock / Post-Hardcore-Band Brutus die aus einer Refused Tribute Band entstanden ist. Entsprechend kraftvoll und intensiv geht es hier dann auch musikalisch zur Sache. Interessant ist, dass Frontfrau Stefanie Mannaerts als Sängerin und Schlagzeugerin eine Doppelrolle ausfüllt. Ursprünglich nur als Notlösung gedacht, möchte man sich das mittlerweile nicht mehr anders vorstellen. Die Dringlichkeit ihrer Texte klingt häufig wie ein Ruf zu den Waffen, voller Zorn und dennoch mit viel Melancholie, Zweifel und Mitgefühl durchsetzt. Konzerte der Band sind darum auch oft eine sehr emotionale Angelegenheit bei denen der ein oder andere Besucher ergriffen staunend mit offenem Mund dasteht. Musik die beim Hören wärmende Glücksgefühle auslöst. Ein weiteres Album ist bereits in Arbeit und erscheint hoffentlich spätestens Anfang 2022, damit sich diese Band dann weitere Bekanntheit erspielen kann und verdientermaßen im LineUp der einschlägigen Festivals auftaucht.

Und? Ist euch was aufgefallen? Alle vorgestellten Platten haben eins gemeinsam: Musik von und mit Frauen. Eine Quote, von der ich persönlich gar nichts halte, braucht es dafür nicht! Es gibt genug gute Künstlerinnen und starke Frauen die etwas bewegen. Klar, sicher, es gibt auch einige die nicht so kompetent sind in ihrem Job. Aber mal ehrlich: wie viele Luftpumpen und Dampfplauderer stehen dem auf der männlichen Seite gegenüber? Und die waren schon immer ein viel schlimmeres Übel mit ihrem überhöhten Selbstbewusstsein. Von daher: „Girls To The Front!“ um an dieser Stelle Kathleen Hanna, der wegweisenden Band Bikini Kill, zu zitieren.

Autor: Albert Royal

Der ehemalige Veranstaltungsmanager, einigen vielleicht noch als lokale DJ-Größe in Erinnerung, arbeitet mittlerweile als Reinigungsfachkraft für einen digitalen Großkonzern der im letzten Jahr seine Bürokapazitäten großzügig ausbauen konnte und geht in seiner Freizeit gerne Tauben füttern.

Sein Honorar spendet Albert Royal an den Tierschutzverein München - Spenden auch Sie!