Kolumne

ZUGABE von Claudia Pichler: Münchens große Liebe

Die Münchner Kabarettistin Claudia Pichler (Foto: Künstler)
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Die Münchner Kabarettistin Claudia Pichler

Die neue Kolumne von der Münchner Kabarettistin Claudia Pichler für das IN MÜNCHEN-Magazin

Münchens große Liebe ist der TSV! Ja ja, es gibt noch weitere Sport- und speziell Fußballclubs in München, sagt man. Aber für mich gab’s einfach immer nur die Sechzger. Wenn ich an die Münchner Löwen denke, denke ich an Leidenschaft. Mit etwas mehr Betonung auf „Leiden“. Ende der 1990er im Olympiastadion, der Papa sagt: „Schau ma mal, was die Burschen zamspuin.“ Der Himmel grau, die Stimmung schon fragil, die sportliche Leistung kein Genuss, das erste Gegentor. In Halbzeit zwei fängt es dann noch zu nieseln an, die Hoffnung schwindet, und tatsächlich wieder eine Niederlage im eigenen Stadion gegen Bochum oder sonst wen.

„Jetzt geh ma aber nimmer so schnell naus!“ Doch, sobald der erste Schmerz nachlässt, fängt der Kreislauf wieder von vorn an. Das sind meine höchst subjektiven Kindheitserinnerungen mit dem Profifußball. Ich bin dankbar dafür. Niederlagen zu verkraften, das ist charakterbildend. Aus heutiger Sicht war es damals ja eh nicht so schlimm. Es gab sogar unvergessliche Highlights! Zwei Derbysiege in der Saison 1999/2000. Ich durfte dabei sein und zehre bis jetzt davon. Heute registriere ich jedes Jahr aufs Neue, wie der FC Bayern seine nächste Meisterschaft auf dem Balkon des Münchner Rathauses feiert. Die Sonne scheint dann auch immer noch.

Als emotional nicht involvierte Person stellt sich da große Skepsis ein. Ist das alles nicht unglaublich fad? Muss man nicht zwischendurch richtig darben, um sich dann gscheid zu freuen? Gut, die Sechzger übertreiben es seit Jahren mit dem Darben, aber das ist eine andere Geschichte.

Bei den Roten herrscht dagegen Erfolgszwang. Bayern-Coach Julian Nagelsmann sagte: „Wir verdienen viel Geld und dafür wollen wir Leistung zeigen.“ So weit, so unromantisch. Aber mit dem Folgenden hat er sich einen saubernen Shitstorm eingefangen: „Wir sind hier nicht bei der Freiwilligen Feuerwehr Südgiesing.“ Die digitalen Dipferlscheißer prangerten Nagelsmann sogleich an, beschuldigten ihn der groben Missachtung sämtlicher ehrenamtlicher Engagements. Der Dampfplauderer musste Buße tun und besuchte die FFW Schwabing, um sich zu entschuldigen und seine Wertschätzung zu beteuern. Die FFW Südgiesing konnte er nicht besuchen, die gibt es nämlich gar nicht.

Der Ruf nach echten Typen im Fußball wird regelmäßig laut. Wenn dann einer einfach so daherredet und dabei vielleicht etwas Schräges rauskommt, ist es auch wieder nicht richtig. Dann wird gern jedes Wort auf die Goldwaage gelegt und empört dagegen angetwittert. Das Phänomen Shitstorm ist naturgemäß noch recht jung. In der illustren bayerischen Geschichte gibt es so manche Aussage, die sich heute niemand mehr leisten könnte. Ich denke an König Ludwig I., der bekanntermaßen über die Affäre mit der bezaubernden Tänzerin und Lebenskünstlerin Lola Montez gestolpert ist.

Er sechzig - also nicht fußballtechnisch, sondern altersmäßig -, total verknallt, sie 25, verführerisch und gewieft. Bevor sie seine Majestät bis zur Abdankung becircte, ließ sie sich ihren kostspieligen Lebenswandel vom liebestrunkenen Ludwig spendieren. Der wiederum hat die teure Liaison ganz staatsmännisch abgerechnet: Seine Lola kostete ihn so viel wie die Feldherrnhalle! Sapperlot! Gut, ehrlicherweise hat der König das nicht selbst gesagt, sondern ein späterer Biograf. Diese historische Ungenauigkeit erlaube ich mir hier zwengs der Drastik. Die monetäre Aufrechnung einer Frau, das hat sich später noch Gerhard Polt bei der Präsentation seiner „Mai Ling“ erlaubt. Aber dann eben noch der schnöde Vergleich mit einem Bauwerk, heute undenkbar! Die Kommentarspalten würden explodieren.

Außerdem geben das die gegenwärtigen Bauten gar nicht her. Welche Frau möchte sich finanziell denn mit dem Luise-Kiesselbach-Tunnel messen oder mit der Generalsanierung des Deutschen Museums? Am Ende muss sich eine noch gegen den Umbau des Grünwalder Stadions verrechnen lassen. Ich persönlich bin da nicht empfindlich. Mein Gegenwert darf ruhig in Baumasse angegeben werden. Dafür würde ich das Aubinger Feuerwehrhäusl vorschlagen. Obacht! Damit möchte ich in keinster Weise die Leistungen der Freiwilligen Feuerwehr Aubing schmählern. Ganz im Gegenteil! Die FFW Aubing gibt es im Gegensatz zur FFW Südgiesing tatsächlich und zwar schon seit 140 Jahren. Das wird im September groß gefeiert. Herr Nagelsmann ist sicher auch herzlich eingeladen.

Claudia Pichler

Claudia Pichler ist Münchnerin und Kabarettistin. Sie hat ihre Doktorarbeit über Gerhard Polt geschrieben. Aktuell ist sie mit ihrem Programm „Eine Frau sieht weißblau“ unterwegs, in München am 4.5. im Lustspielhaus. www.claudiapichler.com