Kolumne

Pfiat di, Karstadt! – Ein Abschied in Anekdoten

Karstadt am Nordbad: Bunte Plakate kündigen die baldige Schließung an
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Karstadt am Nordbad: Bunte Plakate kündigen die baldige Schließung an

Morgen ist der letzte verkaufsoffene Tag für die Karstadt-Filiale am Nordbad. Unser Autor verabschiedet sich und reminisziert für Sie.

Nun macht er endgültig zu, der Karstadt am Nordbad. In der Schleißheimer Straße in Schwabing-West. Direkt gegenüber von da, wo ich wohne. Seit zehn Jahren. Immer hab ich aus dem Fenster schauen und diesen groben Klotz, der irgendwie an Kindheit, Früher und Geborgenheit erinnert, sehen können.

Fine Dining à la Karstadt

Ich bin direkt zu Beginn meiner Studentenzeit in die Schleißheimer Straße gezogen und war noch ziemlich unselbständig. Kochen konnte ich überhaupt nicht. Da kam der Karstadt gerade recht. Damals gab es im ersten Stock noch ein „Restaurant“. Ab 18 Uhr haben die da den Schweinsbraten für ca. 5 Euro verkauft. Der wurde zu meiner Überraschung zwar immer mit Sauerkraut serviert, war aber nicht schlecht. Dann saß ich da umgeben von wohlig schmatzenden Rentner*innen und hab es mir günstig schmecken lassen. Irgendwann haben sie das Restaurant zugemacht, die Fläche aber nicht anders genutzt. Bis zum heutigen Tage war da einfach dieses dunkle, leere Eck im ersten Stock des Hauses. Neukunden sahen darüber hinweg, für uns Stammgäste hatte es aber doch etwas unterbewusst Unheilvolles.

Last-Minute Unterhosen

Ein Geständnis: Manchmal, wenn ich richtig faul war und wegen des Regens oder genereller Unlust nicht zum Waschsalon spazieren wollte, bin ich schnell rüber und hab mir für 15 Euro ein Dreierpack Boxershorts von Manguun oder K-Town oder irgendeiner anderen Galeria-Eigenmarke gekauft. Um so wieder etwas Frische-Unterhosen-Puffer aufzubauen. Gab es vor einem Date in meinen frühen 20ern mal nix fesches zum Anziehen durfte es auch mal ein feineres Poloshirt der Eigenmarke Rover & Lakes sein. Der ganze Chic britischer Landaristokratie war in den Hemden dieser Marke untergebracht. Zumindest sah ich das damals so.

In den letzten Wochen konnte ich jeden Tag zuschauen, wie die Schnäppchenjäger*innen dich auseinanderpflückten. Und ich hab fröhlich mitgemacht. Ein paar Unterhosen mit Schließungsrabatt sollten es doch noch sein. Ein neuer Kochtopf kam auch hinzu. Gäbe es das Restaurant noch, ich bräuchte es nicht mehr. Zumindest nicht mehr zum Überleben.

Petition zur Neuplaung des Grundstücks

Ein Ausblick

Im Hausflur bei mir hängt eine Petition. Sie richtet sich gegen den Abriss und die Neuplanung des Grundstücks. Aktueller Stand: 30.000 Quadratmeter Bürofläche ohne Wohnungen sollen entstehen. Auch ein Supermarkt, Bäcker, eine Paketannahmestelle und evtl. eine Kindertagesstätte sind miteingeplant. Die bereits angefertigten Bildsimulationen der Ariston Grundbesitz GmbH schauen eigentlich ganz gut aus. Sprecher und Anzugträger -wahrscheinlich ein Ensemble aus Manguun und Rover & Lakes- Stefan Pfender fügt hinzu, dass das Gebäude mit zu viel Parkfläche aktuell schlecht strukturiert sei.

Hm, über vieles muss nachgedacht werden, aber ich denke, ich unterschreibe die Petition.

Nun noch ein Gruß an all die Verkäuferinnen und Verkäufer, die mir dort über die Jahre Unterhosen und Töpfe verkauft, Käse empfohlen, Schuhe besohlt und gern auch mal für einen kurzen netten Ratsch ihre Aufmerksamkeit geschenkt haben. Ich hoffe, es geht bei Ihnen Allen gut weiter.

Servus und Danke!

Autor: Franz Furtner

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