Ortsgespräch

Roberto Di Gioia: „Deutschland ließ seine Künstler im Stich“

Max Herre und Roberto Di Gioia
+
Max Herre und Roberto Di Gioia

Der bayerisch-italienische Jazz-Pianist Roberto Di Gioia ist ein enger Musik-Weggefährte von Max Herre. Ihr neues Album „Web Max“ tut der Seele gut.

Lieber Herr di Gioia, Gratulation zum wunderschönen neuen Web Max Album. Können Sie uns ein bisschen helfen? Wer den Begriff Spiritual Jazz nicht kennt: Was muss man sich darunter vorstellen und warum hatten Sie selbst Freude daran, sich einmal auf ein Album dieser Art einzulassen?
Erst einmal vielen Dank für das schöne Kompliment. Nun, ich bin wahrlich nicht besonders gut mit Begrifflichkeiten. Insofern kann ich gar keine absolute und gültige Definition des Begriffs Spiritual Jazz angeben. Für uns war und ist wichtig, dass die Musik die wir machen, „ehrlich“ ist, aus unserem tiefsten Inneren kommt und somit die größtmögliche Aussagekraft und Authentizität hat. Das kann man nicht künstlich erzwingen, sondern man muss der Musik dienen, und sie nicht benutzen, um etwas zu erreichen.
Mit Max Herre haben Sie ja schon wiederholt zusammengearbeitet. Wer von Ihnen beiden hat zuletzt stärker auf das neue Album gedrängt?
Da Max und ich gute Freunde sind, uns in vielen Dingen austauschen und nahe stehen, hat sich der Gedanke sozusagen in uns beiden gleichzeitig aufgedrängt, dieses Album zu machen. Das passierte quasi automatisch, als ob ein reifer Apfel vom Baum gefallen wäre.
Wie schwer fällt es Ihnen beiden, die jeweils eigenen Vorstellungen von neuen Songs und Projekten unter einen Hut zu bringen?
Gar nicht. Es ist ein wechselseitiger Austausch und Inspiration. Irgendwann weiß man einfach, was ein Stück braucht. Ist es zu langsam, fehlt da was oder dort? Will man eine Beatbox einsetzen oder doch lieber eine akustische Trommel usw. Das sind Entscheidungen, die wir gemeinsam treffen. Und bisher war es noch nie der Fall, dass wir so unterschiedlicher Meinung waren, dass man ein Stück wegen diverser Ansichten nicht fertig stellen konnte.
Wie sieht die Arbeitsteilung beim Entwickeln von Ideen und beim Songschreiben bei Ihnen eigentlich genau aus?
Oft ist es so, dass der Eine eine Idee hat, der Andere, wenn er sie gut findet, darauf anspricht und seine Ideen und Vorstellungen dazu kund tut. Dann wird das Stück immer weiter voran getrieben, bis es „Halt“ schreit. 
Gerade in Zeiten, in denen man zuletzt oft nicht ganz freiwillig zum Zuhausebleiben und zum Rückzug gedrängt war, wirkt das Album wie ein Fenster: Wie wichtig ist Ihnen diese Weltoffenheit?
Nun, da ich seit 1984 als Musiker in der Welt umher reisen durfte und unzählige schöne und besondere Begegnungen mit anderen Kulturen, Menschen, Landschaften, Städten hatte, begreife ich unser Album auch als eine Art Hommage an die eigene Vergangenheit. Das Schönste und Wichtigste in der Musik ist ja eben der interkulturelle Austausch. Denn sonst dürfte ich ja auch, weil ich ein bayerischer Italiener bin, entweder nur Zwiefacher oder Tarantella spielen. Oder beides gleichzeitig… Aber da wird es dann auch wieder interessant:)
Wie haben Sie eigentlich selbst die oft harten Monate der vergangenen Zeit verbracht: War das eher eine bedrückende Beschränkung oder vielleicht sogar auch mal eine Chance, besonders konzentriert und intensiv zu arbeiten? 
Es hatte teilweise auch was Gutes an sich, zuhause in Ruhe zu arbeiten. Das ist aber mehr der Tatsache geschuldet, dass ich, egal in welcher Situation ich stecke, immer das Beste daraus zu machen versuche. Ich rede mir ein: für irgendetwas wird es schon gut sein. An dieser Stelle darf ich aber mal dezent darauf hinweisen, dass Deutschland sich so gerne eine Kulturnation nennt, aber seine eigenen Künstler kläglich im Stich gelassen hat. Eine Schande ist das. Traurig.
Die künstlerischen Welten, in denen Sie sich bewegen, sind ja vom Austausch und von Begegnungen geprägt: Wie gut klappt so etwas eigentlich, wenn oft Stillstand herrscht oder wenn man nur vor Zoom hängt?
Vorstellungskraft ist alles. Man kann auch in einem Gefängnis frei sein (hört man immer wieder).
Vieles auf Web Max wirkt wie eine Zeitreise: Welche Epoche, welche Kollegen sind es genau, vor denen Sie sich einmal mit verbeugen wollen?
Letztlich ist das alles gar nicht so eindeutig, und deshalb auch nicht so wichtig zu nehmen. Ich habe mit sechs Jahren Beatles gehört, mit 12 Jahren Coltrane, auf dem Gymnasium dann Klassisches Klavier gelernt, in den Pausen dann Hendrix oder Kraftwerk. Ich verneige mich vor allen Musikern, die wunderbare Musik machen. 
Sie gehen mit den neuen Songs ja auf Tour: Wie groß war Ihr Bammel, wie groß war die Vorfreude, endlich wieder regelmäßiger live vor Publikum zu treten?
Es ist schön, endlich wieder mit seinen Freunden auf der Bühne zu stehen, um das zu machen, was man am besten kann: musizieren.

Interview: Rupert Sommer

Alle Infos zum bei Compost Records erschienen Album Web Web x Max Herre „WEB MAX“ gibt’s hier: https://webweb.bandcamp.com/album/web-max

Das könnte Sie auch interessieren