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Ecco Meineke: „Gehirnkastl g’scheit füllen und dann schütteln“

Ecco Meineke
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Plant viel fürs neue Jahr und möchte sich verlieben: Ecco Meineke

Wer jetzt schon wissen möchte, wie das neue Jahr 2022 wird und was alles kommt, muss Ecco Meineke fragen. Lohnt sich immer!

Herr Meineke, lieber Ecco, 2021 ist ja, wenn man auf die Hoffnung aus dem Vorjahr zurückblickt, doch recht ruppig und enttäuschend zu Ende gegangen – gerade für die Kulturfreunde. Mit welchen Silvester-Durchhalte-Parolen oder Selbstberuhigungsmärchen haben Sie eigentlich für sich selbst Kraft und Zuversicht geschöpft, dass es jetzt im neuen Jahr dann doch endlich wieder nur besser werden kann?
Als Kunstschaffender habe ich den schönen Satz „Unkraut vergeht nicht!“ bereits in meine Gene eingebaut. Das letzte Jahr hat mir ziemlich eingeschenkt: Wohnung verloren, Bühnenexistenz nahezu unmöglich, Beziehung geplatzt. Wenigstens Punkt eins ist wieder in trockenen Tüchern ...

Puh!
Gottlob habe ich in meinem Leben viele Fäden aufgenommen und tanze wie gehabt auf verschiedenen Seilen. Den lieben Mit-Münchner*innen kann ich fürs neue Jahr mitgeben: Nicht hängen lassen, fröhlich bleiben, Netzwerke knüpfen, denen helfen, die straucheln, Schultern hoch, Kopf hoch, Augen auf, viel trinken!

Und Prost! In Ihren vielen Talenten steckt ja auch die stark ausgeprägte Fähigkeit, dem Durcheinander und den Boshaftigkeiten des Alltags mit Humor, Ironie und sogar Gelassenheit zu begegnen. Wie viel besser kommt man als Profi der Leichtigkeit innerlich über die Runden?
Ein Profi der Leichtigkeit – schön wär’s! Aber ich gebe zu: Ich kann der Absurdität unseres Lebens immer Pointen abgewinnen. Mangels Live-Bühnen zum Beispiel online mit meinem „tagesecco“, den ich auf Instagram, Twitter und Facebook pflege.

Kabarettisten unterstellt man trotzdem auch gerne mal branchenüblichen Zynismus: Inwieweit sind arge Zeiten zumindest gutes Material für Texte und die Bühne – oder hat der Spaß längst ein viel zu großes Loch?
Von Zynismus war ich immer schon weit entfernt, Zynismus kann jeder, und helfen tut er niemandem. Ich kenne keine Kollegin oder Kollegen, die oder der sich schlimme Zustände wünscht, um darüber herzuziehen. Jenseits des Humors gibt es jede Menge, wo mir die Gelassenheit ausgeht: Die Flüchtlingssituation, der Rechtsruck in Deutschland, der die Spaltung der Gesellschaft herbeipostet und kräftig anheizt, die Wohnungsnot, der Umgang mit unserer Umwelt. Aber vieles davon kann ich durch meine Soloprogramme ja auf leichtfüßige Weise debattieren.

Ihre vielen Fans schätzen Sie als Wegbegleiter rund um den Jahreswechsel – und das nicht nur wegen der sonst so vielen tollen Innersoul-Konzerte an Silvester. Wie kamen Sie eigentlich einst auf die Idee mit den Turbo-Rückblicken aufs jeweils noch so ganz frische neue Jahr?
Ich erinnere mich noch genau: Eines Tages rief ich verschiedene Bühnen an und fragte nach, ob sie Interesse hätten an einem Jahresrückblick.

Über Ecco Meineke

Aus der Münchner Kulturwelt ist Ecco Meineke, der einst in Kaufbeuren zur Welt kam, aber hier aufwuchs und aufs Ludwigsgymnasium ging, nicht wegzudenken. Und das schon allein deswegen, weil er so breit aufgestellt ist – als Soul-, Jazz- und Chanson-Sänger ebenso wie als Kabarettist, Theaterautor („Watzmann“-Musical am Deutschen Theater), Instagram-Influencer, Fotokünstler oder Musik- und Tanzlehrer. Seine genialen Frühzünder-Jahresblicke sind längst Kult.

Den ersten Jahresrückblick 2022 zelebriert Ecco unter anderem am 26.1. im Schlachthof, am 29.1. im Hinterhalt in Gelting und am 30.1. in Germering. Alle Termine und viel mehr: www.ecco-meineke.de

Und?
Überall waren schon andere früher dran gewesen. Ich überlegte also, wann ich künftig loslegen muss. Da fiel mir der 1. Januar ein und ob es nicht sportlich wäre, schon nach drei Wochen auf ein angefangenes Jahr zurückzublicken. Die Abende erfreuen sich seitdem zunehmender Beliebtheit. Eine meiner Lieblingsbühnen, der „Hinterhalt“ in Gelting, hat im vergangenen Covid-Jahr unerschrocken einen Livestream daraus gemacht, der noch dazu über die „True Live“-Plattform zusätzliche Verbreitung gefunden hat. Es kommen immer mehr Bühnen dazu, und diverse Volkshochschulen überlegen, sich der Tour anzuschließen.

Aber haben Sie denn nie Sorge gehabt, dass die wenigen Tage bis zu Ihrem ersten Jahresrückblick – jetzt dann gleich wieder aufs Jahr 2022 wohlgemerkt – noch gar nicht genug Material hergeben?
Oh, ganz ehrlich nicht. Wenn ich erst mal anfange zu schreiben, kommt eins zum anderen.

Zeitbeobachter sind ja immer im Dienst. Kabarettisten können im Wirtshaus und in der U-Bahn mit XXL- Ohrwascheln wahrscheinlich kaum weghören: Wie wirkt sich so eine Rund-um-die-Uhr- Wachsamkeit eigentlich auf Ihren Alltag und auch aufs Privatleben aus?
Ich hoffe doch gar nicht! Wer mich kennt, weiß, dass ich viel Zeitung lese. Ich kann eigentlich nur jedem empfehlen, rund um die Uhr wachsam zu sein und den professionellen Journalismus für ein hohes und unersetzbares Gut zu halten.

Dass es in Ihrem Künstler-Sein mindestens zwei Hauptstränge gibt, merkt man ja schon an den zwei Ecco-Namensvarianten: Warum ist es Ihnen eigentlich wichtig, die Musik und etwa die Kabarett-Auftritte so deutlich auseinanderzuhalten?
Sie spielen auf die säuberliche Trennung von „Ecco Meineke“ und „Ecco DiLorenzo“ an - und es gibt noch weitere Pseudonyme, die ich verwende. Als „Ecco DiLorenzo“ fungiere ich, wenn ich mit meinem Jazz Quartett oder meinen Soulbrothers und -sisters unterwegs bin. „Meineke“ nenne ich mich, wenn ich Kabarett mache, Folksongs singe oder ein Chanson-Konzert gebe. Möge mich bei einem Kabarett-Abend niemand fragen, wo denn die DiLorettes-Chormädels bleiben, oder mitten in einer Soul-Show jemand fragen, warum ich mich nicht zur Ampel-Koalition äußere!

Kann schon kirre machen: Wer die vielen Felder verfolgt, auf denen Sie sich tummeln – bis hin zum Ausstellungsmachen oder zum Synchronsprechen -, kommt mit dem Etikettieren gar nicht mehr nach: Wenn Petrus mal nach der Berufsbezeichnung fragt, wie würden Sie die vielen Eccos beschreiben?
Ich bin der Bildenden Kunst seit meiner Kindheit verbunden und habe dann auch Kunstwissenschaft studiert. Meinen Herzenswunsch, eine Galerie zu haben, habe ich mir erfüllen können. Und wer eine sonore Synchronstimme sucht, kann sich ja via Youtube meinen Wirecard-Clip anschauen. Eine Berufsbezeichnung? Ja, hm. Ein Ecco, vielleicht. Ich könnte Petrus ja austricksen und behaupten, ich sei Virologe.

Gibt es eigentlich Pflicht und Kür bei Ihnen oder echte Lieblingsbeschäftigungen – und wenn ja natürlich welche?
Tanzen. Tanzen. Tanzen. Einige wissen es ja schon, ich bin Salsa-Freak und gebe auch Unterricht. Gott sei Dank, muss ich keine Work-Life-Balance-Verrenkungen machen, mein ganzes Leben ist eine einzige Lieblingsbeschäftigung.

Beneidenswert. Immer wieder zieht es Sie ja zu dem hin, was man in entspannten Zeiten so gern als blühenden Blödsinn bezeichnet hat: Wie kommt man eigentlich zu den Musik-Einfällen für den „Schuh des Manitu“ oder die vielen irren Ideen für die „Watzmann“-Neufassung?
Man muss nur das Gehirnkastl g’scheit füllen und dann schütteln. Ja, den „Superperforator Song“ hatte ich lange nicht mehr gehört, zum ersten Mal wieder im Deutschen Theater kürzlich. Bully bat mich einen Werbesong für einen Colt zu schreiben. Was macht der? Er perforiert. Und „Super“ ist das Werbewort Nummer 1. Fragen Sie ihren örtlichen Waffenhändler. Der Auftrag, das „Watzmann-Musical“ neu zu schreiben war eine große Verantwortung.

Glaubt man gern.
Die Ambros-Fangemeinde ist riesig und durfte nicht vor den Kopf gestoßen werden. Allerdings konnte ich nicht umhin die Saga umzudichten, denn die Alpenregionen leiden unter extremer Umweltzerstörung. In meinem Stück war der Berg das Opfer, nicht der Mensch. Für die Münchner Version des Musicals hatten Regisseur Sven Kemmler und ich eine formidable Crew von Lokalmatadoren zusammengestellt. Es wäre schön, wenn es demnächst zu einer Wiederaufnahme käme.

Na klar. Jetzt verraten Sie bitte noch das Meineke-Geheimnis: Wer oder was ist Ihre Muse, wie wirkt sie und könnte man da nicht auch am Merchandising-Stand mal ein kleines abgezapftes Fläschchen oder eine Tube davon anbieten?
Ich hatte mal eine Moritaten-Gruppe, die „Münchner Bänkelbande“. In den Pausen verkauften wir kleine Amphiolen mit einer grünen, minzigen Flüssigkeit, den „Hodelschwinghschen Hausgeist“, der gegen alles hilft, „einschließlich Harngrieß und Bronchial phi mose“. Vielleicht sollte ich die Geschäftsidee wieder aufnehmen?

Noch mal kurz zum anstehenden Bühnenprogramm mit den Jahresrückblicken: Wie geht es für Sie dann eigentlich danach weiter, haben Sie nach so zackiger Pflichterfüllung erst mal Ihren Teil getan und können für den Jahresrest die Haxen hochlegen?
Natürlich. Der Jahresrückblick wird sicher so massenweise besucht sein, dass ich bis Dezember auskomme mit dem Kupferkessel voller Sesterzen. Im Februar habe ich eine Ausstellung in der Berliner Galerie Bottega Barone, mit der ich seit einiger Zeit kooperiere. Allerdings stelle ich selbst aus, meine Fotoserie „11bilder77“. Mein Job als Musiklehrer an der Internationalen Montessori-Schule läuft ebenfalls weiter, neue Jazz- und Soul-Alben sind in Planung und tja ...

Wie tja? Mit welchem Projekt gehen Sie fürs neue Jahr noch schwanger? Jetzt machen Sie alle Fans neugierig?
Tja, irgendwann muss man die Katze aus dem Sack lassen. Ich arbeite seit einigen Monaten an einem musikalischen Theaterstück. Der jüdische Kinderarzt, Schriftsteller und Reformpädagoge Janusz Korczak ist jedem Polen ein Begriff. Er leitete über 30 Jahre ein Waisenhaus in Warschau, später im Ghetto. Er und die Waisenkinder wurden vor 80 Jahren in Treblinka ermordet. Ich möchte aber vor allem sein humanistisches Wirken bebildern und vertonen.

Was für ein Projekt.
Die Initiative „Wir sind Straubing“ ist Teil des Bundesprogramms „Demokratie leben!“. Sie beschäftigt sich schon seit Jahren mit diesem Mann und hat mich dazu inspiriert. Letzten Herbst haben wir uns in Warschau mit Marta Ciesielska, der Direktorin des „Korczakianum“ getroffen. Wenn alles gut geht, kommt das Stück noch dieses Jahr zur Aufführung, als bilaterales polnischdeutsches Projekt hoffentlich auch in Polen.

Und jetzt noch der Jahreswunsch: Von was träumen Sie privat?
Sich mal ein Jahr nur der Kunst zu widmen, ohne Geldsorgen, das wär’s. Und sich mal wieder in jemand zu verlieben, wäre auch ein reizvoller Gedanke.

Zu guter Letzt: Sie schlagen sich ja berufsmäßig die vielen langen, wilden Nächte um die Ohren. Wie sieht denn dann eigentlich für Sie als Kontrastprogramm ein ganz entspannter „normaler“ Feierabend aus?
Ein gutes Buch lesen, kochen, weggehen: Kollegen anschauen, zweimal die Woche Salsa, mal wieder reisen. Das entspannt mich.

Interview: Rupert Sommer

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