Ortsgespräch

Autor Andreas Bernard: „Athletisch miserabel, technisch gut“

Autor Andreas Bernard
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War seit jeher Bayern-Fan, trägt aber auch Duisburg-Trikots: Andreas Bernard

Eine Jugend auf dem Bolzplatz: Autor Andreas Bernard stellt am 17. Mai im Stadion an der Schleißheimer Straße sein Buch „Wir gingen raus und spielten Fußball“ vor. Pflichttermin!

Herr Bernard, Loriot wird ja gerne immer wieder für allgemeine Lebensweisheiten bemüht. Wie vorstellbar, aber dann eben doch vermutlich sinnlos wäre für Sie ein Leben, vor allem eine Jugend, ohne Ball gewesen?
Es wäre sinnlos gewesen und nicht einmal vorstellbar.

Sie sind ja in München aufgewachsen. Und wenn man Ihrem Buch glauben darf, war das auch eine Jugend auf dem Bolzplatz. Wo genau lag eigentlich „Ihr“ liebster Fußballplatz und was machte seinen Charme aus?
Es war ein Areal unterhalb vom Harras in Sendling, in einem großen Park. Oben gab es den „Abenteuer“, das waren zwei Steinplätze, wo es eher rustikaler zuging, mit gemischtem Publikum. Unten war der „Gummi“, ein Tartanplatz, auf dem die ernsthafteren, fast ausnahmslos bei Vereinen spielenden Fußballer sich trafen.  

Heute spricht man ja schnell mal von Helikoptereltern. Gleichzeitig werden die eigenen früheren Freiheiten oft ein wenig übertrieben. Dass nach der Schule allerdings lange, vielleicht allzu lange Fußball gespielt wurde, kann ich selbst nur bestätigen. Wie sah für Sie ein typischer Bolzplatznachmittag aus – und wie dunkel wurde es dann später noch?
Ich bin selbst Vater eines Sohnes, und die Freizügigkeit unserer Eltern damals, auch ihr Vertrauen in die Kinder, kommt mir von heute aus wirklich beeindruckend vor. Diese Erzählung hört man ja oft, sie ist fast ein Klischee inzwischen, aber es stimmt einfach: Man kam um eins von der Schule, schlang kurz was zu essen hinein und war ab zwei auf dem Platz, bis es dunkel wurde und weit darüber hinaus. Jeden Tag, über viele Jahre hinweg, ab der 1. oder 2. Schulklasse.

Was können Sie denn über die eigenen Stärken verraten: Früherer (und vielleicht aktueller) Dandl-Rekord? Tricks? Bevorzugte Spielposition?
Ich war ein klassischer Zehner, athletisch miserabel, technisch gut. Typ „schlampiges Genie“, aber leider ohne Genie. Den Ball hochhalten konnte ich relativ oft. Unser Meister war aber ein etwas älterer Spieler aus dem Verein, Herbert Steinhart, der auf dem Heimweg abends immer nach Hause dandelte, 10 oder 15 Minuten, ohne dass der Ball ein einziges Mal herunterfiel. Wir gingen manchmal ehrfurchtsvoll neben ihm her wie bei einer Prozession.

Zum Fußball gehört ja auch unvermeidlich dazu, dass vermeintlich gescheite Leute darüber reden: Trotzdem, was waren aus Ihrer Sicht die – wie man so schön sagt - wichtigsten Lebenslektionen, die man so früh auf dem Bolzplatz lernte?
Ich glaube, ich habe alle späteren Erfahrungen der Zugehörigkeit und der Erniedrigung auf dem Fußballplatz erlebt. Das Glück der Gemeinschaft und Freundschaft, die Euphorie, dass einem etwas gelingt, aber auch Isolation, Scham, das Gefühl, „nicht mitspielen zu dürfen“.

Sie wollten ja selbst mal Profi werden. Mittlerweile sind Sie längst Profi auf ganz anderen Gebieten. Inwieweit war Ihr tolles Fußballbuch eine Wiedergutmachung oder eine Herzensangelegenheit in eigener Sache?
Ich habe schon lange vorgehabt, es zu schreiben, insofern ist es schön, dass es das Buch jetzt gibt. Aber im Verhältnis zum Glück des Spielens ist es nur ein Surrogat. Ich würde das Buch sofort gegen die Möglichkeit eintauschen, noch einmal ein paar Jahre mit gesundem Knie zu spielen.

Wie lässt es sich eigentlich in einer lange so unbayerischen Stadt wie Berlin leben und zu welchem Verein bleibt oder wird man neu treu?
Ich bin immer noch sehr oft in München. Und da ich schon Bayern-Fan war, bevor ich denken konnte und meiner selbst bewusst war, werde ich es wohl immer bleiben.

Wie fühlt es sich an, in einem echten Stadion wie dem schönen Stadion an der Schleißheimerstraße zu lesen, und wandert der Blick dort nicht ständig abgelenkt zu den Sehnsuchtstrophäen?
Ich war da noch nie als beteiligter Autor, aber ich glaube, es gibt kaum einen schöneren Ort, um aus einem Fußball-Buch zu lesen.

Letzte Frage: Wenn Sie ein Trikot wählen müssten für den Lese-Abend – welches denn und warum?
MSV Duisburg, blau-weiß gestreift, mit dem „Diebels Alt“-Schriftzug. Weil es das erste Trikot war, das ich besaß am Ende der Siebziger.

Interview: Rupert Sommer

Eine Kindheit in den 70ern in München: Andreas Bernard liest am 17. Mai im Stadion an der Schleißheimer Straße aus seinem Roman „Wir gingen raus und spielten Fußball“, aktuell erschienen bei KiWi. Alle Infos gibt’s hier.