Ortsgespräch

„Ein Kraftwerk der Vielfalt“

Max Wagner im HP8
+
Kann die Eröffnung kaum erwarten: Max Wagner

Gasteig-Chef MAX WAGNER kann endlich mal wieder durchatmen: Mit dem schicken HP8-Areal direkt an der Isar in Sendling eröffnet er am 8. Oktober das neue Kulturzentrum.

Ein Ort, der eigentlich temporär gedacht ist, so lange in Haidhausen umgebaut wird. Aber schon jetzt möchte man dort kaum mehr wieder weggehen. Warum sich nicht nur der Geschäftsführer spontan verliebt hat.

Herr Wagner, wie groß ist denn der Stein, der Ihnen direkt aus Ihrem Herzen in die Isar gefallen ist, als dann doch abzusehen war, dass trotz aller Anspannungen und kleineren Probleme zwischendurch, klar war, dass die Münchner und Sie die Eröffnung des Gasteig-Ausweichquartiers in Sendling plangemäß feiern können?
Ich muss sagen: Der Stein fällt erst dann wirklich, wenn wir am 8. Oktober die Eröffnung hinter uns haben.
Immer noch so vorsichtig?
Es ist einfach sehr viel zu tun vor so einer Eröffnung - auch gerade mit den aktuellen Bestimmungen. 
Wie meinen Sie das?
Jetzt können wir plötzlich doch noch mit einer Vollbesetzung planen. Zunächst hatten wir immer nur mit viel weniger Gästen kalkuliert – wegen der bisherigen strengeren Corona-Auflagen. Es sind eben stets viele Dinge, die aktuell umgestellt werden und bei denen wir reagieren müssen. Man weiß dieser Tage fast bis zuletzt nicht genau, was alles noch kommt. Deswegen würde ich sagen: Der Stein fällt erst ganz am Ende, wenn der erste Wirbel vorbei ist. 
Aber dann fällt er doch wohl so tief ins Sendlinger Isar-Wasser, dass zumindest die gesamte Ostseite der Gebäude vom Fluss her ordentlich nass gespritzt wird?
Mal sehen. Ich bin ja Optimist. Deswegen habe ich stets darauf vertraut: Das kriegen wir hin!
Die Entstehungsgeschichte des HP8, wie auch der oft steinige Weg hin zu den nötigen Beschlüssen für die eigentliche Gasteig-Generalsanierung, war ja gelegentlich eine Zitterpartie.
Es ist fast wie ein Wunder. 
Warum?
Weil wir nur während der Pandemie gebaut haben. Baubeginn war im März 2020. Da hatte ich zwischendurch schon immer wieder die Sorge, dass uns die Baustelle geschlossen werden könnte. Aber das hat ja alles geklappt. Richtig knifflig waren eher andere Dinge, weniger das Grundsätzliche. Etwa das Glasdach der denkmalgeschützten Halle, das ausgerechnet mitten im Winter neu gedeckt werden musste. Das war einer dieser Momente, in denen ich sehr stark gebangt habe um den Zeitplan für unser Projekt. 
Was viele Leute, die selbst die bleierne Zeit erlebten, als strenger Lockdown herrschte, oft gar nicht so recht mitbekamen: Auf vielen Baustellen, zumindest auch auf der Ihren, wurde weitergearbeitet.
Dafür bin ich natürlich unseren Bauarbeitern vor Ort sehr dankbar. Sie kamen ja teilweise von weit her - also etwa aus Rumänien oder Bulgarien. Es war klasse, dass bei uns so diszipliniert und konzentriert weitergearbeitet wurde. Wir hatten natürlich auch großes Glück, was die Lieferketten anging. Und auch bei den Preisen hatten wir Glück. Holz ist ja zwischenzeitlich plötzlich so wertvoll wie Gold. Wir hatten den Vorteil, dass wir es rechtzeitig geordert hatten - noch zu den alten Preisen. 
Jeder Hausherr kennt das angespannte Gefühl, wenn man vor großen Einladungen noch zuhause sitzt und darauf hofft, dass die lang herbeigesehnte Party auch wirklich ein Erfolg wird und die Gäste zufrieden sind. Wie sieht das bei Ihnen so wenige Tage vor der Eröffnung aus: Mehr Stolz? Oder auch ein wenig Sorge, ob der Funke auch sofort überspringt, sobald das erste Mal die Türen für ein neugieriges, aber möglicherweise auch kritisches Publikum aufgehen?
Bei mir überwiegt die Freude! Aber es ist ja tatsächlich nichts Alltägliches, so ein neues Areal mit einem komplett neuen Konzertsaal in dieser Größe und Güte dem Publikum zu übergeben. Ich empfinde das auch wie eine Renaissance!
Ein echter Aufbruch!
Es geht wieder los. Und es wird das erste Mal sein, dass wir wieder einen vollen Saal haben. Am 10. März im vergangenen Jahr fand bei uns das letzte Konzert in der Philharmonie statt. Seitdem haben wir nie mehr vor vollem Saal spielen können. Daher freut es mich ganz außerordentlich, dass wir jetzt wieder dem Orchester, aber auch dem Publikum dieses Erlebnis bieten können. Es wird ein volles Haus werden. Und ein Ort, an dem man endlich wieder gemeinsam Musik erleben kann. Die Orchester der Stadt und die großen und kleinen Veranstalter finden hier eine Heimat, solange der Gasteig saniert wird. Wie wunderbar!
Wie würden Sie denn das neue Areal den Münchnern, die bislang die neuen HP8-Gebäude nur vom Vorbei-Radeln oder vom Stau am Mittleren Ring aus kennen, einmal beschreiben: Ist es ein Mini-Gasteig? Auf der anderen Straßenseite steht das Heizkraftwerk. Ist das HP8 nun das Kulturkraftwerk? 
Das Bild passt ganz gut. Die Metaphorik vom Kraftwerk gefällt mir gut, weil wir alle noch enger zusammenrücken werden und so auch Energie entsteht. Die Philharmonie im Gasteig hatte bislang einen eigenen Eingang. Im HP8 ist das ganz anders: Hier rückt alles zusammen – mit dem Juwel der denkmalgeschützten Halle E im Zentrum. Sie verbindet alle Nutzungen, alle Besucher gehen durch diese Halle - in die Isarphilharmonie oder in die Bibliothek oder zur Anmeldung der Volkshochschule. Dort vermischen sich die Besucherströme und es entsteht ein Kraftwerk der Vielfalt. Der Gasteig soll ja eine Plattform sein für die verschiedensten Gesellschaftsschichten und die unterschiedlichsten Themen, die gerade die Gesellschaft bewegen. Es ist ein Ort, wo man sich gern aufhalten wird, wo man nichts konsumieren muss. Man muss nichts machen, man darf einfach da sein. 
Es gibt ja auch das neckische Klischee über die Münchner Vorliebe, fürs Sehen und Gesehen-Werden. In der zentralen Halle, die auch etwas Theatralisches hat, dürfte das künftig ganz gut funktionieren?
Man wird gesehen und tritt zu Menschen in Beziehungen. Dieses „Sehen und Gesehen-Werden“ im Sinne der Schickeria ist nicht das, was wir erreichen wollen. Aber es geht ums gegenseitige Wahrnehmen. Das ist ja etwas, was oft gar nicht mehr so oft möglich ist. Wir möchten, dass sich die Menschen begegnen können. Oft schaffen wir es an anderen Orten ja gar nicht mehr so richtig, uns außerhalb unserer Blase zu bewegen. Im HP8 wird das einfach automatisch der Fall sein. Allein schon wegen der umlaufenden Galerien in der Halle E wird man miteinander in Blickbeziehungen treten. Und die Galerien und die Emporen liebe ich ganz besonders für ihre schönen Perspektiven. Aber auch die neue Isarphilharmonie ist so ein spannender Ort: Sie sieht von außen ja relativ unscheinbar aus. Und dann tritt man durch die Halle E hinein – und wird überrascht von der magischen Anmutung des Saals. Ich freue mich sehr auf solche Überraschungsmomente!
Ihre Vorfreude wirkt ja regelrecht ansteckend. 
Der Gasteig HP8 wird ein Schmelztiegel. Bei uns stoßen die verschiedenen Geschichten aufeinander. Wir sind mitten drin im Viertel, an der Isar, in direkter Flaucher-Nähe, ganz in Sendling. 
Trotz aller Begeisterung: Sie hatten sicher auch viele anstrengende Tage auf dem Bau verbracht – oft mit Helm und schweren Stiefeln. Nun dürfte es endlich entspannter und gemütlich werden im Gebäude. Verraten Sie uns schon mal Ihren neuen Lieblingsort, an dem Sie mitten im zu erwartenden Besuchertrubel Ihren Posten beziehen werden?
Mein Lieblingsort in der Halle E ist die Empore im ersten Stock, wo die Stadtbibliothek auch Veranstaltungen stattfinden lassen wird. Sie nennt diesen Ort „Generator“. Man hat von hier aus einen wunderschön ausgewogenen Blick auf diese „Kathedrale der Kultur“ – und nach oben das wundervolle Glasdach. Das ist ein Ort genau in der Mitte: Für mich ist das wie der Goldene Schnitt dieser Halle. Mein absoluter Lieblingsplatz. Aber auch die Isarphilharmonie ist so ein Ort, der mich immer wieder verblüfft.
Warum das? Sie müssten die Pläne ja bis ins letzte Schraubendetail kennen?
Bei der Philharmonie finde ich so faszinierend, dass sich die Perspektiven jeweils komplett ändern - je nachdem, wo man sich gerade im Raum befindet. Von der Bühne aus betrachtet, wirkt alles relativ klein. Wenn man dann auf den Rang geht, erlebt man plötzlich ein Gefühl von der Größe des Raums. Trotzdem ist man noch nah dran am Geschehen. Diese Veränderungen der Perspektive sind für mich immer aufs Neue ein echtes Erlebnis. Außerdem finde ich die „Fuge“ so großartig. 
Was meinen Sie damit? 
Ich meine den lichtdurchfluteten Übergang von der Halle E zur Isarphilharmonie, der alt und neu verbindet. Die Architekten nennen das die „Himmelsleiter“. Es gehen ja auch wirklich auf beiden Seiten Stufen nach oben, die so ein wenig an die majestätischen Treppen in der Alten Pinakothek erinnern. Für mich ist dieser Aufgang auch ein Symbol für Demokratie und für Offenheit. Die Fuge verbindet verschiedene Etagen. Es gibt ja Konzertsäle, bei denen sich verschiedene Besucherebenen voneinander abtrennen. Bei uns ist das genau anders: Es ist hier alles offen. Und in der Pause kann man sich – egal wo man sitzt - durch alle Bereiche bewegen und lustwandeln.
Innerlich „lustwandeln“ Sie ja offenbar jetzt schon unruhig auf und ab. 
Na klar. Ich kann die Eröffnung kaum erwarten. Und es wir mir eine Freude sein, die Besucher zu treffen, zu beobachten und kennenzulernen. Die IN-Leser wissen ja jetzt auch ganz genau, wo Sie mich vor Ort antreffen werden.

Weitere Infos zum neuen Areal finden Sie bei uns.

Max Wagner

Ein Künstler als oberster Baustellen-Manager: Vermutlich hätte MAX WAGNER nie geahnt, dass Baustellenhelm und schwere Stiefel mal zur Arbeitskleidung werden. Der Geschäftsführer der Gasteig München GmbH kann allerdings schon lange Gegensätze geschickt austarieren – nicht zuletzt ist er auch ein begeisterter Tänzer. Wagner ist nicht nur studierter Jurist, sondern auch ebenso studierter Sänger. Nicht ganz unpraktisch, wenn man die Interessen der Kulturveranstalter und Institutionen berücksichtigen sowie auch noch einen geschulten Blick fürs Kleingedruckte haben muss. Alle Infos zur HP8-Eröffnung und den Festaktionen, die sich gestaffelt über viele Wochen hinziehen werden, gibt’s hier: https://www.gasteig.de/gasteig-hp8.html

Das könnte Sie auch interessieren