Ortsgespräch

Kollektiv Irrlichter: „Kultur wieder sichtbar machen“

Julia Weigl, Anna Eigl, Anna Steinbauer, Julia Loibl, Theresa Hanich (beide Theater Mathilde Westend) und Michael Stadler

Rund um das Theater Mathilde Westend, das Café Sehrwohl und die Film- und Kulturproduktion Anna Paroli GbR stellen Anna Eigl, Michael Stadler, Anna Steinbauer und Julia Weigl vom Kollektiv Irrlichter tolle Gartenlesungen, Kneipenkino und Wandertheater auf die Beine.

Sommernächte haben eine besondere Magie. Glühwürmchen kennt man in der Stadt fast nicht mehr. Trotzdem: Wie kommen Sie auf den schönen Namen Irrlichter und was bedeutet er für Sie?
Uns gefällt die Vorstellung, dass es diese kleinen, leuchtenden Erscheinungen gibt, die unvorhersehbar an verschiedenen Orten in der Dunkelheit aufflackern. Irrlichter umgibt ein Geheimnis, und sie bringen die Menschen zum Staunen. Als wir einen Namen für unsere kleine, spontane Reihe gesucht haben, hat Irrlichter einfach gut gepasst. Wir hatten das Gefühl, derzeit ein bisschen in der Dunkelheit zu sitzen, besonders im Hinblick auf das Kulturleben und den künstlerischen Austausch. Mit Irrlichter wollten wir ein paar Lichtpunkte setzen und Kunst und Kultur an verschiedenen Orten der Stadt wieder sichtbar machen.

Das Irrlichtern setzt eine gewisse Leichtigkeit, fast schon Flatterhaftigkeit voraus: Wie schwer ist es, die in ernsten Corona-Zeiten aufrecht zu erhalten?
Auf der einen Seite bringt Corona natürlich viele Schwierigkeiten mit sich, wenn es darum geht, Leute an einem Ort zu versammeln. Allerdings haben wir schnell festgestellt, dass derzeit auch vieles möglich gemacht wird, was ansonsten unvorstellbar wäre. Wir haben vom Bezirksausschuss Schwanthaler Höhe und dem Münchner Kulturreferat sehr spontan und so unbürokratisch es nur möglich ist finanzielle Unterstützung bekommen – und dürfen auf Plätze ausweichen, die uns sonst versperrt geblieben wären. Vor drei Monaten hätten wir es uns nicht träumen lassen, eines unserer Irrlichter tatsächlich in der Alten Kongresshalle veranstalten zu können. Am Sonntag, als unsere Open Air Veranstaltung auf dem Platz vor der Alten Kongresshalle buchstäblich ins Wasser gefallen wäre, hat die Edith-Haberland-Stiftung es uns ermöglicht, die Veranstaltung in die Halle zu verlegen, was wirklich toll war!

Das Kulturtreiben der Stadt ist an vielen Orten fast ganz zum Erliegen gekommen. Trotzdem blühen an vielen Ecken beeindruckende, Mut-machende neuen Ideen auf. Woher nimmt Ihre Initiative die Energie und die guten Ideen?
Alles begann bereits Ende März, mitten im Lockdown. Wir haben uns in vielen Video-Meetings ausgetauscht und waren uns einig, dass Kultur auch in Corona-Zeiten ermöglicht werden muss. Wir wollten ein solidarisches Projekt auf die Beine stellen, das lokalen Künstler*innen Auftrittsmöglichkeiten bietet. Unsere Ideen entstehen aus dem Austausch untereinander und mit den Künstler*innen, mit denen wir zusammenarbeiten. Wir wollten Dinge aufgreifen, die es schon gibt, und dann thematisch daran anknüpfen, so wie wir das mit dem Dorothy-Parker-Stück gemacht haben, das aus dem Repertoire des Mathilde Westend stammt. Dazu haben wir den Film “Can You Ever Forgive Me?” ausgesucht, in dem eine Schriftstellerin Briefe berühmter Leute, zum Beispiel Dorothy Parker, fälscht, und ein thematisch passendes Programm daraus gemacht.

Vieles, was die aktuellen Irrlichter-Aktionen ausmacht, hat mit dem Westend zu tun. Was macht das Viertel für Sie so besonders?
Irrlichter hat im Westend begonnen, weil unsere ersten Programme in Zusammenarbeit mit Theresa Hanich und Julia Loibl entstanden sind. Theresas kleines Theater Mathilde Westend ist im Viertel eine Institution. Wir kennen und lieben das Westend alle. Es ist ein kreatives, lebendiges Viertel, einige von uns wohnen oder wohnten auch dort. Der Bezirksausschuss Schwanthaler Höhe hat unser Projekt mit großem Engagement aufgegriffen und gefördert, so dass wir uns im Westend für unsere ersten Irrlichter gut aufgehoben gefühlt und dort nach Locations gesucht haben.

Eine der Wahlsprüche Ihrer Initiative ist, dass Kultur "lebensnotwendig". Warum muss man das aktuell immer extra betonen und warum gibt es Ihrer Meinung nach so viele Bremser, die das leider nicht so sehen?
Wenn man auf die letzten Monate zurückblickt, wurden freischaffende Künstler*innen und Kulturinstitutionen meist als allerletzte berücksichtigt, wenn es um Fördermaßnahmen ging. Wir sind es gewohnt, dass Kultur einfach da ist und gemacht wird. Dass viele Menschen – Institutionen, Künstler*innen, Autor*innen, Techniker*innen, Journalist*innen – aber auch damit ihr Geld verdienen, wird dabei leider oft vergessen. Wir wollen deshalb Kultur im öffentlichen Raum wieder sichtbar machen, um ein Zeichen zu setzen.

Unter den Corona-Anforderungen, an deren Ziel, möglichst viele Mitmenschen zu schützen, ja kaum ein Zweifel bestehen kann, leiden die Kulturschaffenden besonders hart. Um wieviel wichtiger ist es, nicht nur zu jammern, sondern auch bei Lösungen tatsächlich einfallsreich und kreativ zu bleiben?
Aus unserer Sicht ist das enorm wichtig – den Kopf in den Sand zu stecken, bringt uns als Kulturschaffende nicht weiter. Nun geht es darum, kreative Lösungen zu finden, wie wir uns an die gegebene Situation anpassen und trotzdem weiterarbeiten und stattfinden können. Das birgt natürlich Risiken, aber auch große Chancen. Mit etwas Mut ist im Moment vieles möglich!

Normalerweise buhlen ja viele Veranstalter gleichzeitig um die Gunst des üblicherweise so verwöhnten Münchner Publikums. Wie wichtig ist es, in besonderen Zeiten solidarisch zu sein und zu bleiben?
Unsere gesamte Veranstaltungsreihe steht im Zeichen der Solidarität. Wir kooperieren mit kleinen Institutionen, die gerade nicht oder nur wenig auftreten können. Kultur ist nur überlebensfähig, wenn sie solidarisch ist. Aus dieser Solidarität entsteht aber auch eine große Kraft - auch das ist eine Erfahrung, die uns diese Zeit gelehrt hat.

Letzte Frage: Viele sehen in der Kultur ja auch so etwas wie Seelentrost. Welche tollen Bücher, welche starke Musik, welche Filme oder welche anderen Kunst-Kostbarkeiten haben Ihnen bislang ganz persönlich in der Krise Halt geboten und was muss man davon unbedingt weiterempfehlen?
Wir haben uns in unseren drei Programmen besonders auf Autorinnen konzentriert deren Werke wir wirklich toll finden: Dorothy Parker hat unter anderem einfach großartig bissige Kurzgeschichten geschrieben. Zu Irmgard Keun haben wir am nächsten Sonntag eine Lesung, die das Mathilde Westend bestreitet, und wir haben eine musikalische Theateradaption von Keuns “Das kunstseidene Mädchen” aus Berlin eingeladen - beides zeigen wir auf dem Platz vor der Alten Kongresshalle. Wer Keun noch nicht kennt, sollte das unbedingt nachholen, beziehungsweise seine Erinnerung auffrischen. Und wir hatten eine Lesung aus “Shakespeare & Company”, den Memoiren der legendären Pariser Buchhändlerin Sylvia Beach - auch das ist absolut empfehlenswert. Und natürlich würden wir uns freuen, wenn die Leute diese und andere Bücher in Läden wie der Büchergalerie Westend kaufen würden.

Interview: Rupert Sommer

Mehr Informationen auf www.irrlichter.space.

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