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Gerd Baumann: „Ich bin kamerascheu“

Gerd Baumann
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Gerd Baumann

Musiker-Filmkomponist, Mitgründer des Labels Millaphon Records, Professor an der Musikhochschule, Bühnen-Spezl von Filmemacher Marcus Rosenmüller – und jetzt auch noch Kinostar: Von der Energie des „Weltraumtouristen“ Gerd Baumann kann man sich mitreißen lassen.

Herr Baumann, mit dem Dreiviertelblut-Film geht es jetzt in den Weltraum. Respekt! Heißt das aber, dass es in so ungemütlichen Zeiten eher drunten kaum mehr auszuhalten ist?
Die Ausflüge mit der Rakete stehen schon in einem solchen Zusammenhang. Es geht ja auch in vielen Dreiviertelblut-Songtexten um die Perspektive von außerhalb, der Blick auf uns Menschen vom Universum aus gesehen. Es ist unfassbar, wie die Menschheit es immer wieder schafft, sich ohne Not das Dasein auf der Erde maximal schwer zu machen.

Sie waren mit der Band einer der Ersten, der wieder auf öffentlichen Bühnen zu hören war - und Sie spielen zum Glück wie der Deifi aus Ihrem Song. Woher nehmen Sie die Energie und die Durchhaltekraft?
Man schleudert viel Energie nach draußen und bekommt mindestens genauso viel Energie zurück. Live-Spielen ist ja wirklich im schönsten Sinne ein Geben und Nehmen.

Mit Marcus Rosenmüller zusammenzuarbeiten, wird ja für Sie zum Glück kein Eingewöhnen bedeuten. Trotzdem: Wie fühlt es sich an, wenn man vor und hinter den Kulissen auch mal selbst zum Protagonisten eines gemeinsamen Films wird?
Das war schon gewöhnungsbedürftig: Wenn man von einem so engen Freund vor die Kamera gezogen wird und über Dinge redet, die man zu weit auch sonst bespricht - nur eben mit dem Unterschied der laufenden Kamera. Ich sehe mich in dem Film auch nicht als Protagonisten, es ist die ganze Band und - vor allem - die Musik.

Sie stehen natürlich als Musiker vor Publikum und als Professor vor Studenten. Wie schwer ist es trotzdem, nicht kamerascheu zu werden?
Ich bin kamerascheu! Es macht mir zwar große Freude, auf der Bühne zu stehen, und ich freue mich auf jede Herausforderung vor Publikum, mit der Kamera verhält es sich aber ganz anders. Das ist viel abstrakter, und ich bin auf einmal nicht mehr ganz ich selbst… Das ist die große Kunst von Co-Regisseur und Kameramann Johannes Kaltenhauser, dass er so geschmeidig im Hintergrund scheint, obwohl er einem das Objektiv direkt ins Gesicht hält! Da vergisst man nach einer gewissen Zeit die Anwesenheit der Kamera und man wird wieder der, der man glaubt, zu sein, Haha...

Im Moment ist es bekanntlich nicht ganz leicht, seine Zuhörer zu erreichen: Inwiefern kann da nun auch ein Musik-Film helfen?
„Weltraumtouristen“ ist ein sehr schön-seltsames Portrait mit vielen Konzert-Ausschnitten. Wer Dreiviertelblut mag, wird diesen Film wahrscheinlich allein deshalb auch mögen. Aber das ist gar nicht so wichtig. Es sind momentan schwierige Zeiten für viele. Theater, Clubs und Kinos sind besonders betroffen. Wir freuen uns über jeden Einzelnen, der ins Kíno geht. Nicht nur in unseren Film.

Vergleichsweise wenige Zuschauer, kontrollierte Ekstase im Publikum: Was ist denn für Sie derzeit am markantesten anders, wenn Sie mit der Band öffentlich spielen?
So ist’s! Vergleichsweise wenige Zuschauer, kontrollierte Ekstase. Aber es ist etwas anderes hinzugekommen: Das Bewusstsein, dass nichts selbstverständlich ist. Für das Publikum nicht, für uns auch nicht. Jeder schöne Konzert-Moment ist ein Geschenk, den man dankbar annehmen sollte.

Was richtet Sie persönlich auf: Wie schafft man es, auch in diesen Tagen nicht den Kopf einzuziehen?
Es ist wichtig, sich hin und wieder aus allem Geschehen um einem herum auszuklinken. Keine Nachrichten, kein Computer, Internet, erst recht kein Telefon. Die ständige Penetration mit Informationen ist ein Stress-Faktor, der nicht zu unterschätzen ist. Je mehr Informations-Kanäle es gibt, umso schwerer wird es, sich dem zu entziehen. Ich schaffe das eigentlich nur vollständig, wenn ich Musik mache.

Dreiviertel-Takte können ja gern etwas Gemütliches, Wiegendes, Behütendes haben: Wie kam es eigentlich auf den Band-Namen, und wie wichtig ist er Ihnen?
Wir wollten uns ursprünglich Sonnwendschwestern nennen, das wurde aber im Freundeskreis abgeschmettert. Dann mein Vorschlag: Dreiviertelbrut. Und der weitere Vorschlag von Sebastian. Blut anstatt Brut.

Interview: Rupert Sommer

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