Ortsgespräch

„Laden aufmachen, jeden Quadratzentimeter in München tätowieren“ – Das Kollektiv Unegal stellt sich vor

Anne Marx, Eva Kellner-Schug und Sophie Neudecker vom Kollektiv Unegal
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In den Startlöchern: Anne Marx, Eva Kellner-Schug und Sophie Neudecker vom Kollektiv Unegal

Auch in der Corona-Zeit gibt es in München Kreative mit Initiative. So wie die Modedesignerinnen und Tätowiererinnen Sophie Neudecker, Eva Kellner-Schug und Anne Marx, die jüngst das Kollektiv Unegal gegründet und im Bahnwärter Thiel eröffnet haben.

Hi, beginnen wir doch klassisch: Könnt ihr ein bisschen über eure Hintergründe berichten?
Eva Kellner-Schug: Wir sind alle drei gelernte Grafikdesignerinnen und uns war nach dem Abschluss schnell klar, dass wir unsere Zukunft nicht in einer Werbe- oder Designagentur sehen, sondern unsere eigenen Projekte verwirklichen wollen.

Sophie Neudecker: Genau. Ich hab Kommunikationsdesign an der Hochschule München studiert und da Eva kennengelernt. In den letzten Jahren haben wir zusammen immer wieder verschiedene Ausstellungen mit Collagen etc. durchgeführt. Parallel spiele ich in mehreren Bands und veranstalte immer wieder Konzerte mit anderen Künstler*innen im Rahmen der Zombie Sessions. Auch da haben Eva und ich viel zusammen gemacht. Meine Liebe zum Tätowieren entstand auch durch meine Tante, die in mailand ein erfolgreiches Studio hat. Ich selbst tätowiere seit 3 Jahren professionell.

Anne Marx:  Ich machte meine Ausbildung zur Kommunikationsdesignerin an der Designschule München. Nach ein paar Jahren beruflicher Erfahrung kam dann die Entscheidung, mich selbstständig zu machen, erst als Grafikerin, dann kam die Liebe zum Siebdruck dazu. Meine erste eigene Werkstatt hatte ich in einem Gemeinschaftsatelier. Dort entstand mein eigenes Label „SNAB!“. Da drucke ich meine eigenen Motive auf fair produzierte Shirts, Hoodies und anderes. Wichtig ist mir dabei, möglichst viel in der Produktionskette selbst zu schaffen. Was geht, wird selbst genäht. Gedruckt wird immer selbst.

Eva Kellner-Schug: Ich habe zuerst eine Ausbildung zur Holzbildhauerin gemacht und dann eben an der Hochschule Kommunikationsdesign studiert. Tätowieren war schon immer fester Begleiter. Professionell tätowiere ich seit 6 Jahren. Sonst bin ich in verschiedenen Projekten politisch engagiert und Teil einiger musikalischer Projekte. Außerdem bin ich alleinerziehende Mutter meines wundervollen Sohnes.

Und wie kam es dann dazu, dass ihr Drei zusammen das Studio eröffnet habt?
Sophie Neudecker: Das war Evas Verdienst, da ihr die vielen Gemeinsamkeiten zwischen uns auffielen: alle wollten wir gemeinsam mit Gleichgesinnten arbeiten und das in einer gleichwertigen, hierarchielosen Gemeinschaft. Wir kamen zusammen und entdeckten, dass es sinnvoll für uns wäre, einen Raum zu finden, in dem wir unsere verschiedenen, aber sich immer wieder überschneidenden Ideen verwirklichen können.

Und diesen Raum habt ihr im „Bahnwärter Thiel“ gefunden. Wie erlebt ihr das Gelände als Standort für euren Laden/Studio?
Anne Marx: Der Bahnwärter bietet uns die Möglichkeit, unser Vorhaben unabhängig zu entfalten, gleichzeitig haben wir die Möglichkeit, uns mit anderen Künstler*innen zu vernetzen und auszutauschen. Schön ist, dass wir uns frei bewegen und unsere Projekte auf dem Gelände frei umsetzen können, obwohl wir „nur“ Mieterinnen sind.

Kollektiv Unegal“ ist ein cooler Name! Was bedeutet er für euch und inwiefern symbolisiert er den Ansatz an eure Arbeit?
Sophie Neudecker: Wie gesagt sind wir eine Gemeinschaft ohne Hierarchien. Bei uns werden alle Entscheidungen basisdemokratisch gefällt. Und wir sind alle drei weiterhin unabhängig selbstständig. Das fasst für uns der Begriff „Kollektiv“ gut zusammen.

Eva Kellner-Schug: Und „unegal“: Wir setzen uns alle in unterschiedlichen Feldern für unsere Ideologien ein. Anne für ihre Conscious Fashion, Sophie und ich im politischen und subkulturellen Bereich. Uns ist halt -salopp gesagt- einfach nicht alles „scheissegal“.

Auf Instagram findet man tolle Designs von euch. Oft als Skizze und dann vollendet auf der Haut. Wie geht ihr mit euren Kund*innen vor? Kommen diese mit Ideen, oder geben sie nur grob die Richtung vor und ihr erstellt die Designs?
Eva Kellner-Schug: Sowohl als auch. Kund*innen können aus unseren Wanna-Dos auswählen, aber gerne auch mit eigenen Ideen kommen, die wir dann umsetzen, sofern sie auch zu unserem Handwerk passen. Natürlich reden wir am liebsten mit den Kund*innen und kommen so zu Ergebnissen.

Ein leidiges Thema, aber leider nach wie vor aktuell und prekär: Corona. Wie habt ihr die Zeit bislang erlebt?
Sophie Neudecker: Dadurch dass wir unser Kollektiv in der Krise gegründet und unseren Laden am Bahnwärter haben, haben wir alle drei intensiv gearbeitet im letzten Jahr. Wir konnten trotz Krise viele unserer Pläne bereits umsetzen. Aber nun stehen wir schon ewig in den Startlöchern, zahlen Miete und jeder Tag ist aufs Neue ungewiss. Wann dürfen wir öffnen? Wann dürfen wir wieder tätowieren? Das ist leider nicht nur finanziell sehr kräftezehrend.

Der Inzidenzwert in München steigt leider unaufhaltsam. Und Bayern fährt bislang einen Sonderweg: Friseursalons durften öffnen, Tattoostudios bleiben geschlossen. Was würdet ihr euch in der aktuellen Situation wünschen?
Eva Kellner-Schug: Kurz und knapp: Gleichberechtigung! Entweder schließen alle körperlichen Dienstleistungen oder keine!

Angenommen die Welt ist bald wieder normal geworden: Welche Pläne wollt ihr unbedingt umsetzen?
Alle drei beinahe unisono: Durchstarten, Laden aufmachen, Leute einladen, fette Eröffnungsparty schmeißen, ganz viele Leute abknutschen, jeden Quadratzentimeter in München tätowieren und einfach geile Veranstaltungen für alle, die kommen wollen, starten. Peng.

Interview: Franz Furtner

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