Ortsgespräch

„Aufstehen für Kultur“- Organisatorin Veronika Stross im Interview

Demo-Organisatorin Veronika Stross
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Demo-Organisatorin Veronika Stross

Pflichttermin: Die Bratschistin Veronika Stross hat für die von ihr organisierte „Aufstehen für Kultur“-Demo am 24. Oktober um 12.00 Uhr auf dem Königsplatz namhafte Unterstützer zusammengetrommelt.

Liebe Frau Stross, durch die Kultur- und Veranstalterszene der Stadt dürfte ein Aufatmen gehen, dass Sie unterstützt mit so namhaften Mitstreitern endlich den Sorgen der Kulturbranche auf einer Demo eine Stimme geben. Wie schwer war es denn, Mitstreiter wie etwa Professor Nida Rümelin zu gewinnen? Oder Gerhard Polt, von dem Sie eine Video-Botschaft zeigen werden?
Das war eigentlich gar nicht besonders schwer. Die Redner haben mir alle spontan und ohne Zögern zugesagt. Allerdings war es für mich wichtig, bei meinen Anfragen in der jeweils richtigen Stimmung zu sein. Ich weiß noch, wie ich im Frühsommer im Garten war und plötzlich dachte: Jetzt schreibe ich an Gerhard Polt! Es ist dann ein sehr langer und emotionaler Brief geworden, aber es war eben das, was ich in dem Moment empfunden hatte. Bei den Künstlern ist es interessanterweise etwas schwieriger. Einige sind sehr vorsichtig und haben Bedenken, sich im Moment kritisch zu äußern.

Die massiven Existenzprobleme der Künstler, aber auch die große Sorge um den Erhalt des Kulturangebots sind natürlich den Kreativen selbst, aber auch weiten Teilen ihrer Fans und des Publikums längst bekannt. Warum hat es doch so lange gedauert, politischen Druck aufzubauen?
Ich glaube, dass wir Künstler oft introvertiert und sehr mit uns selbst und unserer Kunst beschäftigt sind. Vielen von uns liegt es fern, sich zu vernetzen und sich politisch zu engagieren. Das meine ich gar nicht wertend, ich schließe mich da selbst mit ein. Wir haben - anders als die meisten anderen Wirtschaftsbereiche - auch keine große Lobby. Das ist ein Problem, das sich aber vielleicht im Zuge dieser Krise jetzt ändern wird.

In wie fern messen die Entscheider im Land mit zweierlei Maß, wenn etwa im Flugverkehr oder in Zügen Menschenmengen auf engem Raum zusammenkommen, Theater- oder Kino- Zuschauerreihen aber schwer kariös aussehen müssen?
Naja, sie beantworten es ja schon selbst, es wird mit zweierlei Maß gemessen! Natürlich kann man argumentieren, dass die Menschen in der vollbesetzten U-Bahn zur Arbeit fahren müssen oder gar zum Arzt. Es ist halt leider so, dass das was auf dem Kultursektor stattfindet eben, um mit diesem schrecklichen Ausdruck zu sprechen, nicht „systemrelevant“ ist. Es ist nicht wichtig genug. Ich möchte an dieser Stelle den wunderbaren Gerhard Polt zitieren, der in seiner Video-Botschaft genau darüber spricht: „Mei, es ist halt so wie in La Fontaines Fabel. Die Ameise, die ist wichtig, die schafft was, die baut was auf, aber die Grille, die zirpt. Und zirpen hat keine große Relevanz, aufs Zirpen kann man verzichten.“

Der Kultursektor fühlt sich oft fast vergessen und mit seinen Nöten wie abgehängt: Wie kann man aus Ihrer Sicht zerstörtes Vertrauen und gesellschaftlichen Rückhalt wieder aufbauen?
In dem man ihm endlich das Gefühl gibt, dass man ihn ernst nimmt und dann natürlich auch Taten folgen lässt. Das fängt bei angemessenen finanziellen Förderungen an und hört bei den Publikumszahlen in den Sälen auf. Der Kultursektor ist gerade in Bayern ein immens wichtiger Wirtschaftsfaktor. Es heißt, dass z.B. jedes zweite Hotelbett im Zusammenhang mit Kulturveranstaltungen gebucht wird. Und man darf man auch nicht außerachtlassen, wie wichtig die Kultur für unsere Gesellschaft ist, gerade in diesen Zeiten! Kultur verbindet, sie gibt Mut und Kraft und ja, sie heilt sogar.

Was ist aktuell Ihre wichtigste Forderung an die Politik?
Für mich ist es folgende Forderung: „Der Zugang zu unser manigfaltigen Kultur ist ein wichtiger Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge, dazu hat sich die Kultur zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor entwickelt. Wir fordern Anerkennung und Gleichberechtigung!“. Ich finde, damit ist eigentlich schon fast alles gesagt.

Warum werden die Betroffenen so selten selbst gehört: Wie gut glauben Sie, dass Theater-, Musik- und Kunstfreunde nicht tatsächlich selbst vernünftig die Risiken abschätzen und bei Kulturveranstaltungen Abstand halten können?
Wenn Sie das Publikum meinen, ja das ist eine gute Frage. Ich weiß es nicht. Ich finde, ein ganz großes Problem ist, dass man dem Publikum nicht zutraut, sich bei einer Kulturveranstaltung verantwortungsvoll zu verhalten. Gerade im Bereich der klassischen Musik, aber auch bei Theaterveranstaltungen und Lesungen ist es doch immer schon so, dass das Publikum mucksmäuschenstill nebeneinander im Saal sitzt, alle schauen nach vorne, es gibt quasi keine Interaktion. Warum sollte das jetzt in dieser Situation anders sein? Ja, sicher kann man unserm Publikum genug Verantwortungsbewusstsein zutrauen.

Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass die „Aufstehen für Kultur“- Demo konkrete Verbesserungen erwirken kann?
Ich habe vor allem die Hoffnung, dass unsere Demonstration bei den Betroffenen etwas bewirkt. Viele von uns Künstlern, aber auch ein Großteil des Publikums finden sich mit der jetzigen Situation ab. Wenn wir aber wollen, dass es auch in ein paar Jahren noch Kulturveranstaltungen gibt, bei denen Menschen aus Fleisch und Blut auf der Bühne stehen, müssen wir uns herauswagen und unsere Stimme erheben. Sei es bei Demonstrationen oder in Form von Protestbriefen usw. Und dann wird sich auch bei den Regierenden etwas bewegen. Ich hoffe es zumindest.

Letzte Frage: Wie sehr hat Sie eigentlich persönlich die Arbeitseinschränkung in Corona-Zeiten getroffen und wie motivieren Sie sich immer wieder selbst, den Kopf nicht komplett hängen zu lassen?
Mich persönlich haben die Einschränkungen der letzten Monate vor allem emotional getroffen. Klar haben mein Mann, selbst freischaffender Musiker, und ich viel Geld durch abgesagte Konzerte verloren. Aber das Schlimmste ist, dass wir nicht spielen können. Dass wir unserem Beruf, nein unserer Berufung nicht nachgehen können. Mir fehlen die Konzerte, meine Kollegen, aber auch der Applaus des Publikums unendlich! Deshalb fangen wir an, selbst Konzerte zu organisieren. Im kleinen Rahmen, aber immerhin.

Den Kopf lasse ich immer mal wieder hängen. Seit ich diese Demonstration organisiere, geht es mir aber viel besser. Wenn ich mal wirklich völlig mutlos bin, dann bauen meine opernbegeisterten Kinder mich mit einem Zitat aus der Operette „Im Weißen Rössl“ wieder auf: „Ick schaff es, ick schaff es!“

Interview: Rupert Sommer

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