Ortsgespräch

„Abstand halten, hilfsbereit bleiben“: Die Zwopr-Gründer Christian Ebert und Bernhard Koller im Interview

Die Zwopr-Gründer Christian Ebert und Bernhard Koller
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Die Zwopr-Gründer Christian Ebert und Bernhard Koller

Solidarität ist das Gebot der Stunde. Die Zwopr-Gründer Bernhard Koller und Christian Ebert wollen es Münchnern noch leichter machen, digital miteinander in Kontakt zu treten – und einander zu helfen. 

Herr Ebert, Herr Koller, es heißt ja immer, Menschen in der Großstadt gehen ihre eigenen Wege und kennen angeblich meist nicht mal ihre Hausnachbarn. Wie kann man denn dann aber auf ein digitales Geschäftsmodell rund um Hilfsbereitschaft bauen?
Koller: Ihre Frage trifft es auf den Punkt, denn das ist einer der Gründe, weshalb es Zwopr überhaupt gibt. Besonders die zunehmende Anonymität in Großstädten macht es uns schwer, auf nachbarschaftliche Hilfe setzen zu können. Und wenn man ehrlich ist, oft will man das ja auch gar nicht. Aber wenn es mal drauf ankommt, ist es wichtig, dass es schnell geht und funktioniert. Mit unserer Plattform machen wir das möglich. Wenn ich Helfer suche, kann ich mit wenigen Klicks ein Hilfegesuch erstellen und es in der von mir gewählten Umgebung anzeigen lassen. Durch unseren Algorithmus werden die passenden Helfer in der Umgebung gefunden und direkt informiert.

Ebert: Und wer Hilfe erhalten hat, wird dann auch gleichzeitig zum Helfer für die Community, denn man gibt auch an, wobei man anderen helfen kann. So kann es sein, dass ich bald selbst als Helfer gefunden werde.

Zumindest eines ist ja aus den besonders harten Corona-Lockdown-Zeiten in Erinnerung geblieben: Dass sich die Münchner gegenseitig aushelfen. Wie viel Rückenwind hat das auch Zwopr gegeben?
Ebert: Der Rückenwind war enorm. Wir haben in der Lockdown-Zeit eine sensationelle Hilfsbereitschaft in unserer Community gesehen. Die täglichen Neuanmeldungen haben sich in dieser Zeit verzehnfacht. Uns hat die Corona-Krise viele neue Wege aufgezeigt, und wir konnten unser Konzept weiter verbessern. Die Erkenntnisse haben wir in einer ganz neuen Zwopr-Version umgesetzt, die Anfang November gelauncht wurde.

Koller: Da wir als digitales Unternehmen auch den nicht-digitalen Bürgern die Hilfsbereitschaft der Zwopr-Mitglieder zu Gute kommen lassen wollten, haben wir im April dieses Jahres kurzerhand eine Kooperation mit dem DRK gestartet, um über eine Hotline erreichbar zu sein. Die Mitarbeiter des DRK haben Anfragen per Telefon angenommen und in unserer Datenbank die passenden Helfer ausfindig gemacht. Diesen Testcase haben wir in Berlin gemacht, wo wir ebenfalls sehr aktiv sind. Die Resonanz war immens. 

Ebert: Die Corona-Pandemie bietet eine Chance für eine neue Form des Zusammenlebens. Das zeigt die paradoxe Erfahrung, die wir gerade machen. Wir sind gezwungen, Abstand zueinander zu halten, aber gleichzeitig suchen wir die soziale Nähe zu unseren Mitmenschen. Wir sind es gewohnt, dass man fast alles kaufen kann, doch jetzt wird uns bewusst, dass man Hilfsbereitschaft nicht einfach so im Internet bestellen kann. Deshalb gibt es Zwopr.

Was sind denn in normalen, was in eher ausnahmeanstrengenden Corona-Zeiten die beliebtesten Nachbarschaftsdienste, die bei Ihnen angeboten werden?
Ebert: Während des Lockdowns waren Besorgungsfahrten und Lebensmitteleinkäufe sehr gefragt. In der Regel ist das Feld aber deutlich weiter und umfasst von Rasenmähen über Nachhilfestunden und Computer-Support auch handwerkliche Dienste wie Lampen montieren oder Möbel aufbauen. Manchmal ist auch ein Umzug dabei. Und ein echter Dauerbrenner ist Tiersitting.

Zuletzt war ja immer wieder zu lesen, dass zumindest Großstadthunde gut durch die Krise kamen und gut gelüftet wurden: Inwieweit ist Gassi-Gehen aus Ihrer Sicht zwischenzeitlich zum Münchner Lieblingsvolkssport avanciert?
Koller: Oh ja, das ist ein riesen Thema. Nahezu ein Drittel der Hilfegesuche dreht sich um Gassi-Gehen oder Haustier-Betreuung. Hier finden sich auch sehr schnell Helfer. Wobei wir uns nicht als Plattform speziell für Tierfreunde sehen, bei uns ist jeder willkommen.

Ihre Plattform will Menschen dabei helfen, sich gegenseitig im Alltag zu unterstützen. Funktioniert das beim Eigensinn der Leute überhaupt: Wie groß ist denn Ihre Sorge, dass Ihre Nutzer immer nur Leistungen abrufen, aber viel zu selten auch selbst etwas Gutes tun möchten?
Ebert: Dem ist nicht so. Ganz im Gegenteil. Wir haben von unseren Mitgliedern gelernt, dass die meisten wirklich gerne helfen und sich aktiv einbringen wollen.

Wer immer nur misstrauisch ist, könnte sich ja wundern, womit Sie sich selbst eigentlich über Wasser halten: Wie kann es funktionieren, dass die Zwopr-Dienste für Teilnehmer kostenlos sind?
Koller: Für den Start haben wir sehr viel eigenes Geld in die Entwicklung der Plattform gesteckt. Perspektivisch sind wir auf Einnahmen angewiesen. Wir denken beispielsweise über eine Bezahlversion für Organisationen oder Kommunen nach. Zugleich sind wir in Gesprächen mit nachhaltig orientierten Unternehmen und könnten uns Kooperationen gut vorstellen, sofern unsere potenziellen Partner von dem Hybrid-Ansatz aus Nachbarschaftshilfe und Nachhaltigkeit ebenso überzeugt sind wie wir.

Sie haben ja zuletzt ein „grünes“ Programm aufgesetzt und lassen Bäume pflanzen. Wie kamen Sie auf die Idee und wie muss man sich das in der Praxis konkret vorstellen?
Ebert: Nicht zuletzt durch Corona werden die Zeiten für viele von uns härter und da sehen wir ein kostenfreies Nachbarschaftshilfe-Konzept wie Zwopr als sehr hilfreich an. Jedoch gibt es ein noch größeres Thema, das uns alle angeht: Unser Klima. Wir sind der Ansicht, dass Klimaschutz und gesellschaftlicher Zusammenhalt – die wichtigsten Herausforderungen unserer Zeit – eine Selbstverständlichkeit für jedermann sein sollten. Mit unserem Leitsatz „Wir verwandeln Hilfsbereitschaft in Klimaschutz“ können wir hier gemeinsam mit unserer Community etwas in die richtige Richtung bewegen.

Koller: Wer Hilfe auf unserem Portal sucht, motiviert seinen Helfer durch das Pflanzen von Bäumen. Hierzu haben wir das Zwopr-Aufforstungsprogramm ins Leben gerufen. Von zehn Hilfesuchenden pflanzt bereits jeder Achte einen Baum. Um die Abwicklung zu finanzieren, erhalten wir einen Share von unseren Partnern. Die Bäume werden in Afrika von Einheimischen versorgt und dienen als Schutzwall vor der Wüste für eigene Anbaugebiete. Ein Konzept, von dem die Natur und die lokale Bevölkerung gleichermaßen profitieren.

Ebert: Für die Nutzer unserer Plattform machen wir das völlig transparent. Die dem Helfer als Dankeschön zugeschriebenen Bäume werden im Profil sichtbar gemacht. Zudem kann sich der Helfer mit jedem Hilfeeinsatz einen Score aufbauen, der dann – so unsere Planung – künftig auch mal mit Rabatten bei nachhaltigen Partnerunternehmen gekoppelt werden kann. Sozusagen eine Win-Win-Win-Situation für den Helfer, den Hilfesuchenden und die Natur.

Wo wird denn die Reise mit Zwopr hingehen: Welche Geschäftmodelle planen Sie für die Zukunft?
Koller: Wir wollen unserer Community verschiedene Möglichkeiten bieten, sich für den Umweltschutz einzusetzen. Denn es werden nicht nur Bäume gebraucht, auch das Thema Ocean Cleaning liegt uns sehr am Herzen. Mit derzeit 8.000 Nutzern verteilt sich die Community größtenteils auf München und Berlin. Wir rollen Zwopr gerade bundesweit aus und wollen im zweiten Schritt auch über die Landesgrenze hinaus bekannt werden. So könnten wir den Umweltschutz auf einem weitaus größeren Level unterstützen.

Sie haben ja Ihr Quartier im Werksviertel aufgeschlagen: Wie wichtig ist es für ein Startup, in einem inspirierend, angemessen quirligen Umfeld zu sitzen?
Ebert: Genau genommen sind wir im WERK1 – the most startup friendly place in munich, so die Selbstbeschreibung des Hauses. Wir stimmen dem voll und ganz zu. Dieses Umfeld ist perfekt für uns, weil wir hier unser Netzwerk ausbauen können und von dem Spirit und der kreativen Energie, die hier freigesetzt wird, enorm profitieren.

Letzte Frage: Sie werden bei Problemen mit dem Drucker auf dem Gang ja vermutlich nicht selbst zur Zwopr-App greifen. Aber in welchen Lebensbereichen lassen Sie sich privat einmal helfen? Und was können Sie selbst besonders gut?
Koller: Bei uns im Team hat jeder so seine besonderen Talente und kann diese für die Community einsetzen – sei es die Unterstützung beim Einrichten eines Computers oder das Montieren von Vorhangstangen oder Lampen. Reifenwechsel – das steht ja jetzt wieder an – mache ich auch immer mal wieder. Selber haben wir die Hilfsbereitschaft unserer Community auch schon oft in Anspruch genommen, zuletzt, als ich eine neue Waschmaschine in die Wohnung tragen musste und Hilfe dabei brauchte.

Interview: Rupert Sommer

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