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Chanson-Komikerin Christin Henkel im Interview: „Ich bin Infaulenzerin“

Interview Christin Henkel
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Christin Henkel

Mit Charme und Humor durchstarten: Rundum-Multitalent Christin Henkel hat sich auf „Kla-Ka-Son“ spezialisiert. Hier verrät sie, was sie damit meint.  

Frau Henkel, Waldbaden, Zuhause-Kochen, Ferien auf deutschen Bauernhöfen statt Fernreisen auf die Malediven, ganz viel Yoga, am besten gleich Meditation: Ihr witziges neues Buch „Achtsam scheitern“ war sicher nicht auf den erzwungenen neuen Lebensstil dieser angespannten Tage zugeschnitten. Wie fühlt es sich für Sie an, wenn er plötzlich dann doch so frappierend passend wirkt wie Mandelmilch in der Bio-Latte?
Momentan ganz okay. Wenn man erst mal weiß, wie der Herd angeht und den richtigen Yoga-Livestream gefunden hat, kriegt man die Zeit zu Hause schon irgendwie rum. Ich bin nur noch einen weiteren Lockdown vom eigenen Hochbeet und der selbst gemachten Marmelade entfernt.

Es ist ja nicht so, dass Sie Ihren Fans Ihren hintersinnigen Witz vorher vorenthalten hätten. Aber wie wichtig ist der Klappentext-Hinweis dann offenbar doch: „Diese Buch enthält Humor“?
Im Buch geht es unter anderem um Nachhaltigkeit und den neuen #greenlifestyle. Auch wenn ich die übertrieben dogmatischen Ökolifestyler und Achtsamkeits-Muttis ordentlich durch den Kurkuma-Latte ziehe, sind mir Umweltschutz und eine nachhaltige Lebensweise sehr wichtig. Das wollte ich gleich im Klappentext klarstellen. 

Wenn man dick auftragen würde, könnte man Sie ja als Rundum-Multitalent bejubeln: Welche Ihrer vielen möglichen Berufsbezeichungen - Musikerin, Autorin, Bühnenkabarettistin - würden Sie als erstes in das berühmten schraffierten Feld eintragen?
Infaulenzer. 

Wie kommt eigentlich bei Ihnen ein Song zustande: Vom Text zur Musik und dann wieder zurück. Oder doch lieber umgekehrt
Zusammen. Habe ich eine Textidee für einen Refrain ist auch automatisch eine Melodie dazu da. 

Ihre Programme wurden mal als „Kla-Ka-Son“, als „klavierkabarettistische Chansons“ beschrieben. Was muss man sich darunter vorstellen - und braucht man einschlägige Vorbildung?
Ich bin häufig in Kabarett-Formaten aufgetreten. Das hatte sich so ergeben. Da ich mich selbst nicht als klassische Kabarettistin sehe, erschien mir die Bezeichnung „Kla-Ka-Son“ passender. Eine Mischung aus Klavier, Kabarett und Chanson halt. 

Wie tröstlich ist es, in diesem schauerlichen Jahr quasi „vom Fach“ zu seine und daher die Dinge trotz allem mit Humor nehmen zu können?
Ich komme von Zeit zu Zeit an meine Grenzen. Aus Aufrufen zum Denunzieren von Nachbarn beispielsweise, kann auch ich keine leichtfüßige Satire mehr machen. Solche Entwicklungen sind schlicht und ergreifend nicht mehr lustig. 

Als Künstlerin lebt man ja vom Kontakt zum Publikum: Wie richten Sie sich in Zeiten, wenn mal wieder die Bühne, das Husten, Geraschel, aber auch der Begeisterungsschweiß vor der Bühne wieder fehlt, eigentlich mental wieder auf?
Ich nutze die Tage, um Dinge zu tun, für die ich in den letzten Jahren nie Zeit hatte. Ich habe endlich freie Abende, um zu lesen oder Klavier zu spielen. Nur so für mich. Oder ich schlüpfe in den Neo und hüpfe in den Eisbach. Das habe ich zuletzt 2013 gemacht. 

Sagen Sie jetzt aber nicht auch noch: So produktiv wie zuletzt war die Zeit noch nie. Viele Kollegen haben neue Bücher, CDs oder Lebensentwürfe ausgebrütet. Geht das überhaupt, wenn man in Gedanken vermutlich gar nicht so richtig frei ist?
Bei mir ging zeitweise gar nichts. Ich habe dieses Jahr mehr an meiner Bräune gearbeitet als an künstlerischen Projekten. Es ist ein ständiges Auf und Ab. 

Sie sind ja schon länger Herzens-Münchner, unterstelle ich mal. Wie kam es eigentlich etwa zu Kooperationen mit den Philharmonikern oder der jüngst erst wieder von Ihnen besungenen „Maxvorstadt, Baby“-Liebe?
Ich bin seit zehn Jahren glückliche Wahlmünchnerin und kann mir aktuell keinen anderen Ort zum Leben vorstellen, auch wenn man gerade nicht vorm Dinatale sitzen oder durch die Pinakotheken schlendern kann. Die Zusammenarbeit mit den Philharmonikern war eine große Ehre für mich und kam im Rahmen eines Wettbewerbs zustande. Den fertigen Song kann man überall hören.

Letzte Frage: Einfach mal wieder richtige München genießen, wie es „vorher“ war. Auf welchen Ort, welches Ritual, welchen Exzess freuen Sie sich am meisten?
Beim Afterwork in der Kunsthalle spontan Freunde treffen und diese dann schwungvoll und innig umarmen, nachdem man einen Schluck Spritz-irgendwas aus ihrem Glas stibitzt hat. 

Interview: Rupert Sommer

In den „Maxvorstadt, Baby“-Song kann man hier auf Spotify reinhören und das neue „Achtsam scheitern“-Buch im Eulenspiegel-Verlag findet man hier

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