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Best of Angespielt 2022

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Best of Angespielt 2022
Die Alben des Jahres von: Father John Misty, Aldous Harding, Kevin Morby, Wet Leg, Dekker, Plàsi, Kurt Vile, Phoenix, Angel Olsen und Porridge Radio © Labels

Die Alben des Jahres von: Father John Misty, Aldous Harding, Kevin Morby, Wet Leg, Dekker, Plàsi, Kurt Vile, Phoenix, Angel Olsen und Porridge Radio

1.) Father John Misty - Chloë and the Next 20th Century

Wunderschön, andersartig, nostalgisch, charmant… Retro-Zeitgeist erkannt, denn gleich zu Beginn verzaubert Joshua Michael Tillman aka Father John Misty seine Hörerschaft mit einer ganz und gar bezaubernden und augenzwinkernd-schelmisch daherkommenden 20s-to-30s-Ballroom-Swing-Nummer, und lässt den Crooner Bryan Ferry dabei - ähem - fast ein bisschen alt aussehen. Es folgt countryeskes Fingerpicking; „Goodbye, Mr. Blue“ ist ein traumhaft-schwelgerischer Americana-Song zum Dahinschmelzen. Noch breiteres, zufriedenes, beglücktes Lächeln… Vereinnahmend dann auch „(Everything But) Her Love“, das im gemächlich schwungvollen Walzertakt daher tänzelt. Etwas schwermütig dann die umwerfend soulige Blues-Ballade „Buddy’s Rendezvous“. Ja, man kommt aus dem Staunen und Schwärmen gar nicht mehr raus. Full-Range-Pop im Großformat mit starken Harmoniewechseln inklusive Spinett-Einsatz, Glockenspiel und hüpfenden Streicherarrangements á la Divine Comedy hat „Q4“ im Angebot, „The Next 20th Century“ hätte es ohne Gesang wohl locker in den nächsten Winnetou-Soundtrack geschafft - gesetzt den Fall die grandios-verstörende Gitarrenekstase (Solo des Jahres!) im Mittelteil wäre rausgeschnitten worden -, Salsa- und Bossa-Fans kommen schließlich bei „Olvidado (Otro Memento)“ auch noch auf ihre Kosten, während „Funny Girl“ locker an die ganz großen Songs und Interpretationen von Frank Sinatra auf seinem Meisterwerk „The Wee Small Hours“, Dean Martin, Willie Nelson (auf „American Classics“) oder selbst einen Paul Anka („Put Your Head On My Shoulder“) heranreicht. Es ist wahrlich nur schwer zu beschreiben, welche Glücksmomente dieses Album einem bereitet, und ganz grundsätzlich: wie genial dieses epochale Werk ist, wie genial Tillman auf dem Zenit seines Schaffens agiert. Für mich das Größte, momentan… Ein Vergnügen, ein Rausch, ein Fest, nennen darf das jede/r wie sie/er will, aber hören sollten das alle.

2.) Aldous Harding - Warm Chris

Wäre die Begrifflichkeit des „Sensationellen“ nicht so überaus abgelutscht, auch Aldous Hardings großer Pop-Moment „Warm Chris“ ist nämlich genau das: Sensationell ! Schön geartworkt zudem: Harding vorne und hinten kaum zu erkennen aber hochglänzend, denn innen (im Klappcover) war der Platz bereits vergeben, wahrscheinlich an ihre Lieblings-Schildkröte, mit Namen: Chris, vermutlich, daher vielleicht - reine Spekulation versteht sich - der Titel. Und schon stoße ich an Grenzen, zu erklären wer oder was Hannah Sian Topp aka Aldous Harding eigentlich ist, was sie da so macht und wen das eigentlich interessieren soll. Ha! Jetzt staunt ihr, gell!? Um es kurz zu machen: Aldous Harding ist - neben dem schwedisch-griechischen Singer/Songwriter Plàsi, dem Wet Leg-Debüt (sh. beide weiter unten), Father John Misty (s.o.) und der jungen Münchner Indie-Chansonette Malva (sh. „Heimspiel“-Best Of) - das Beste (u.a. auch Neuentdeckte) , was mir dieses Jahr musikalisch passiert ist. So eigen, so unangepasst, so wurscht-was-ihr-alle-denkt-meint-sagt-tut… so einfach, so genial. Aldous Harding hat zusammen mit dem PJ Harvey-Vertrauten John Parish ein minimales, mal schrulliges, mal herzerwärmendes, immer aber höchst eigensinniges und gleichermaßen liebevolles wie liebenswertes Wunderwerk an freigeistigem Indiepop komponiert und produziert, das nur schwer in Worte zu fassen ist, denn: Beschreibe unermessliches Glück!? Ist doch am Ende für jeden was anderes… Egal, muss man hören, muss man lieben… ’nough said!

3.) Kevin Morby - This Is A Photograph

Dem neuen Kevin Morby-Album liegt ein traumatisches Ereignis zu Grunde: Sein Vater war bei einem Familienessen vor den Augen aller Anwesenden am Tisch in sich zusammengebrochen und musste ins Krankenhaus eingeliefert werden. Auch Stunden später spürte Morby den Schock und die Angst noch in seinen Knochen, weswegen er - um sich abzulenken - in einer Kiste mit alten Familienfotos blättert. Unter diesen auch solche, die seinen Vater als jungen Mann zeigten, voller Lebensmut und Kraft. All das ereignete sich im Januar 2020 und es folgten die Monate der Pandemie und die damit verbundene dramatische Veränderung der Welt, wie wir sie kannten… Dabei spürte Morby eine unheimliche Ähnlichkeit zwischen seinen Gefühlen in jener Nacht und der Atmosphäre jener Frühlingstage: Furcht, Angst, Hoffnung und Unverwüstlichkeit, die nahtlos ineinander übergingen und ein klassisches Gedankenkarussell in Bewegung setzten: Geschichte, Trauma, der Kampf gegen die Zeit, mithin also die Vergänglichkeit, verpackt in melodische Underground-Pop-Juwelen. Für Fans von Kurt Vile bis Cat Power und von Mac De Marco bis Aldous Harding.

4.) Wet Leg - Dito

Rhian Teasdale und Hester Chambers trafen den Nerv der Zeit. „Traurige Musik für Partygänger und Partymusik für traurige Menschen“ schlug das Info zur Einordnung deswegen sehr treffend vor. Und fürwahr, ihre drei Vorabsingles „Chaise Lounge„, „Wet Dream„ und „Too Late Now„ huldigen mit Katharsis dem Zeitgeist, es wird sich abreagiert, der ganze Pandemiescheiß, der Klimascheiß, der Kriegsscheiß, der Müllscheiß, die Scheißwelt und überhaupt eine sich desaströs, instabil und deswegen sich auch scheiße - im Sinne von inakzeptabel - verhaltende Menschheit, all das lähmt gleich mehrere Generationen und Wet Leg haben dem etwas entgegenzusetzen und bieten der Orientierungslosigkeit der Stirn mit: Eskapismus, Stoizismus, Fatalismus, Epikureismus. Wenn ich schon nix ändern kann, dann aber bitte mit Spaß dabei. Genial. Wet Leg bleiben trotz allem den Umständen entsprechend anständig und freundlich, verständnisvoll und angemessen fröhlich. Und ihre freche und unangepassten Songs irgendwo zwischen Punk und Pop sind nicht zuletzt deswegen ein kleiner aber sehr feiner Hoffnungsschimmer für jene Millionen, die die Schnauze aber so was von gestrichen voll haben.

5.) Plàsi - Foreign Sea

„Es ist meine Platte des Jahres. Bis hierher versteht sich. Gut möglich aber, dass der Plàsi auch am Ende noch ganz vorne liegt.“ So begann ich meine Review bei Erscheinen des Albums im Februar. Für ganz nach oben hat’s dann doch nicht gereicht… Dennoch der griechisch-schwedische Singer/Songwriter wärmt mein Herz auch Ende des Jahres mit seiner überwiegend akustischen Ausrichtung des Folkpop. Diese kann man ganz prima da einsortieren, wo sich Alexi Murdoch, José Gonzáles, Roo Panes, William Fitzsimmons, Damien Rice und all die anderen hörenswerten Leisetreter, normalerweise so bewegen. Wunderschöne Harmonien, toller, eindringlicher Gesang, alles in allem wirklich gute Songs. Zerbrechlich, introvertiert und meditativ streichelt Plàsi unsere Seele mit gezupften Akustikgitarrenklängen, unaufdringlichen Kompositionen, lieblichen Instrumentierungen und sehr viel musikalischer Zärtlichkeit.

6.) Kurt Vile - Watch My Moves

Witziger Anfang, irgendwie. „Goin On A Plane Today“ könnte so auch von Daniel Johnston sein, wäre es etwas zappeliger und unkonzentrierte interpretiert: Kinderklavier, Kinderakkorde und gespielte Beiläufig- und Teilnahmslosigkeit … Und auch „Flying (Like A Fast Train)“ entsagt einer gewissen Infantilität und kindlichen Herangehensweise nicht. Hier aber scheint das Interesse des störrischen Balgs sich immer mehr zu fokussieren und auch die Harmoniefolgen beginnen sich erwachsener anzufühlen und -hören, wenngleich ein vergeistigtes Dahingesumme immer wieder gespieltes Desinteresse erahnen lässt. Doch mit „Palace Of OKV In Revers“ ist Kurt Vile dann wieder im Hier und Jetzt: Stoisch, düster, psychedelisch und dennoch immer noch sympathisch verspielt, insgesamt aber wirkt er jetzt gesammelt. „Like Exploding Stones“ verfestigt den Eindruck und so entspinnt sich nach und nach ein gar wunderbares, ein abgehobenes, ein grandioses, kaum greifbares und womöglich stark von Drogen beeinflusstes Album, das auch beim siebten, 20sten und womöglich auch 300sten Mal Hören noch eine klangliche Überraschung bereithält. Nicht so das gradlinig daher wackelnde „Cool Water“. Dieses ganz und gar fantastische Americana-Juwel sitzt aufgrund seiner relativen Eindimensionalität schon beim ersten Durchlauf und darf ab sofort auf keiner Genre-Playlist, die etwas auf sich hält, mehr fehlen.

7.) Dekker - I Won’t Be Your Foe

Brookln Dekker, der Mann, der sein Antlitz stets unter einem ausladenden Sonnenhut versteckt, erklärt kurz mal um was es ihm geht: „Ich habe mich fast immer verloren gefühlt – unsicher, wer ich bin oder was ich hier mache. Ich bin ein Gefühlsmensch, der nur durch das Schreiben und Musikmachen lernt wer er ist. Wenn ich auf die Jahre 2020 und 21 zurückblicke, erkenne ich jetzt, dass ich viel Angst hatte und zeitweise in einer Spirale steckte. Ein ständiger Kreislauf des Unwohlseins. Ich habe vermutlich bewusst versucht, eine Platte zu schreiben, die im Gegensatz zu meiner wirklichen Realität stand“. Hach! Herzchen! Die Welt, zumal die musikalische kann ja eigentlich gar nicht so schlecht sein, bedenkt man, dass Dekkers Songs seines Debütalbums bislang mehrere Millionen Mal gestreamt wurden. Mögen die behutsam vorgetragenen, sachte rollenden, immer aber einen ins große Folkpop-Herz schließenden Songs des Nachfolgers aber bitte locker mal die Milliarden Grenze durchbrechen, verdient haben sie es alle mal. (Sehr schlauch das dazugehörige Konzert Anfang Juni in der Milla.

8.) Phoenix - Alpha Zulu

„Woo ha, Singing Hallelujah, pray to your god, cover your lies, god or guru, hey hey hey…“ - Zeilen die so nur der Pop schreibt. Dazu eine blendend aufgelegt Rhythmusgruppe und ein Thomas Mars, dessen Stimme Mitte der 80er keinen Deut anders geklungen hätte. Macht mega Laune, auf Anhieb! Und sofort tauchen Metronomy, Scritti Politti und Vampire Weekend vor dem geistigen Ohr auf… Was insofern extremen Sinn macht, gibt doch eben jener Ezra Koenig den Featured-Artist beim gleich darauf folgenden „Tonight“. Auch ein Knaller, keine Frage. Funky, mit billigen Keyboardsounds und hoch gepitchen Douhdouhdouh-E-Drum-Patterns, Pet Shop Boys-Hook und dezenter Depeche Mode-Düster-Bridge garniert dann „The Only One“. Ein Hauch von Prefab Sprout liegt über „After Midnight“, bevor man bei „Winter Solstice“ dann das erste mal wieder zu atmen wagt. Phoenix sind mutig. Und auf gewisse Weise auch berechenbar. Denn, es konnte einem durchaus klar sein, dass sie all der Welten Unbill in 2022 nicht anficht. Sie tun einfach was sie am besten können, dem tristen Alltag ein Lächeln abverlangen und unbeirrt zum Tanz aufspielen. „All Eyes On Me“ ist der nächste Dancefloor-Killer, bis das introvertierte „My Elixier“ in Lo-Fi-Manier daher wackelt und einen „Identical“ mit straightem Beat und versöhnlichen Harmonien entlässt. Die Platte gegen den Herbst-Blues und die drohende Winter-Depression.

9.) Angel Olsen - Big Time

Schwere Kost, leichte Kost, todtraurig und dennoch von Dankbarkeit und kleinen Glücksmomenten durchdrungen. Die Ambivalenz von Angel Olsens „Big Time“ ist nur schwer in Worte zu fassen, geschweige denn zu ertragen, und doch kündet es von Zuversicht und Wärme in Zeiten der tiefen Trauer. Olsen hat sich frisch verliebt, daraufhin entschied sie endlich ihren Eltern von ihrer Homosexualität zu erzählen. Ein Coming-Out, befreiend zum Einen, im Nachgang allerdings zutiefst traurig. Denn nur drei Tage nach dem klärenden Gespräch verstarb ihr Vater. Auf der Beerdigung war Olsen in Begleitung ihrer frischen Liebe und stellte diese der Familie vor. Zwei Wochen später der nächste Schicksalsschlag: Die Mutter in der Notaufnahme, was folgte waren ein kurzer Aufenthalt im Hospiz und eine weitere Beerdigung. So viel Leid, so viel Trauer, kaum auszuhalten. Doch da war ja andererseits auch die neue Liebschaft, glückliche und tröstende Gemeinsamkeit und ein Hauch von Zukunft. Ein Wechselbad der Gefühle, so melodramatisch wie es normalerweise nur Drehbuchautoren in Hollywood schreiben, oder halt das Leben selbst. Angel Olsen setzte sich schon drei Wochen nach der Beerdigung ihrer Mutter in den Flieger nach Los Angeles, um einen Monat im Topanga Canyon zu verbringen und dieses todtraurige, unglaublich schlaue, zugleich unbeschreiblich zärtliche und auf seine ganz spezielle Art wunderschöne neue Album aufzunehmen. Beim Konzert im Strom Anfang Oktober überwog das Glück der Liebe, über den Schmerz des Abschieds, und so zeigte sie sich witzig-ironisch in ihrer gelegentlich auch etwas überbordenden Kommunikation mit dem Publikum, und selbst ihre zum Teil sehr traurigen Songs kündeten von Zuversicht und Aufbruch.

10.) Porridge Radio - Waterslide, Diving Board, Ladder To The Sky

Dana Margolins Stimme hat etwas Getriebenes, Fiebriges, Unruhiges. Klar, die Zeiten sind danach. Und, begegnet man all dem - also diesem weltweiten Irr- und Unsinn - so wie Porridge Radio mit gradlinigem, treibendem, kraftvoll-emotionalem, dennoch aber stets hymnischem Postpunk, wahlweise (zwischen schlau-verspielt und kratzbürstig-kantig changierendem) Indiepop, könnte man sich auch gar keine andere als Margolin am Mikrophon wünschen, geschweige denn vorstellen. Es tut so gut mal zwischen all den Idles, Fontaines D.C., Shame, Interpol, Viagra Boys und wie sie alle heißen, mithin also im doch sehr männlich dominierten Post-Irgendwas-Punk, eine Frau an der Spitze einer großartigen Band zu hören. Und großartig sind Porridge Radio aus Brighton ganz bestimmt, nicht nur live, auch auf ihrem Album präsentieren sie sich unbeirrbar, wuchtig, mithin also: Wichtig! Demzufolge sind Porridge Radio nach und/oder mit Wet Leg und King Hannah eine der stilprägendsten femal-fronted Indiebands der Gegenwart. Sehr geil, sehr beeindrucken, bärenstark!

Autor: Gerald Huber

Und hier geht’s zu den Angespielt-Songs des Jahres 2022 auf Spotify

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