Kolumne

Belästigungen von Michael Sailer

Michael Sailer

Von der unheimlichen Macht des Millionstelprozents (Komma zwei fünf)

War in dieser Kolumne in letzter Zeit von Zahlen die Rede? (Räuspern in den vorderen Reihen, die übrigen sind aus hygienischen Gründen leer.) Na gut, mag sein, aber Zahlen sind ja auch etwas ganz Famoses und beeinflussen unser Leben oft auf eine Weise, deren Gewaltigkeit sich das pompöseste Zauberkunststück – etwa die Verwandlung einer Taube in einen Flugzeugträger – höchstens respektvoll nähern kann (um staunend Beifall zu klatschen).

Jedes Schulkind weiß zum Beispiel, was herauskommt, wenn man die Zahlen 64 und 2 etwas ungeschickt kombiniert: nicht 32 oder 128 oder irgend so ein Pipifax, sondern ein Berg von Reiskörnern, den unser Universum eventuell fassen, aber keinesfalls hervorbringen kann. Das gleiche mit Papier: Das faltet man zwei-, drei- oder viermal und meint, es könne doch keinerlei Problem darstellen, den Wisch achtmal zu falten. Ätschibätsch! grinst die Zahl. Ähnlich – ich weiß es aus zeitnaher Erfahrung – kann es einem gehen, wenn man einen Schuppen baut und sich an einer beliebigen Stelle um einen lächerlichen Millimeter vermißt. Plötzlich werden aus gerade noch verläßlichen Kanten unauslotbare Breiten, Tiefen, Längen, und am Ende steht etwas da, was vielleicht dem Herrn Hundertwasser Freude bereitet hätte, Amseln und Spinnen (die es gewohnt sind, ihre Nester in pfeilgeraden Neunzig-Grad-Ecken zu errichten) jedoch nicht. Wenn überhaupt etwas dasteht. Manchmal können einen dermaßen schiefen Hunaglschupfen alle Schrauben des Universums nicht in eine Grundhaltung zwingen – klickeradoms! war die Arbeit umsoms.

Nicht nur der hypermoderne Handwerker, der nach drei Lehrjahren außer Baumarkt, Spax und Rigipsplatte wenig kennt, hat mit Zahlen seine Konflikte. In anderen Wissenschaften können kleinen Unschärfen noch wesentlich weiterreichende Konsequenzen entspringen als ein Haufen Bretterschrott. Zum Beispiel – und da sind wir wieder im aktuellen Zeitgeschehen, so ungern ich mich da hineinbegebe – in der Statistik, vor allem wenn sie mit anderen Bereichen kombiniert wird, etwa (sorry!) der Virologie.

Nehmen wir mal an: Ein Virologe entdeckt einen neuen Virus. Das kommt bisweilen vor; bei bestimmten Krankheiten, die mindestens jedes Jahr den Virus wechseln müssen, um nicht aus der Mode zu kommen, kommt es sogar recht häufig vor. Leider kann man Viren normalerweise nicht sehen, weil sie – ähnlich wie gewisse Zahlen – winzigklein, aber um so tückischer sind. Weil der Virologe ein erfahrener und gewandter Mann seines Fachs ist, ertüftelt er schnurstracks einen Test, mit dem man den Virus über fünf Ecken herum nachweisen kann. Das geht so ähnlich wie bei Sherlock Holmes, der ein Stück Faden und ein Staubkorn findet und sofort messerscharf schließt, wer der Mörder ist. Solche Tests (nennen wir diesen als Laien mal „PCR“, ohne nachzuschlagen, was das bedeutet) sind oft sehr zuverlässig. Zumindest wenn Symptome hinzukommen, kann man ziemlich schnell und genau feststellen, welcher Virus da sein übles Werk verrichtet. (Allerdings sind bei Krankheiten immer mehrere davon am Werk, meistens regelrechte Multikultikommunen, zu denen sich Horden und Banden von Bakterien, Sporen und sonstigen zwielichtigen Keimgenossen gesellen und ihr Scherflein zum Elend beitragen. Aber das soll uns jetzt nicht kümmern.)

Bei dem neuen Virus ist die Sache mit den typischen Symptomen ein bißchen verwirrend: Die ändern sich im Tages- bis Wochenrhythmus. Erst hieß es: trockener Husten und Fieber. Dann: Atemnot, Herzrasen, Kopfweh, Schnupfen, Durchfall, Gliederschmerzen, irgendwas mit Blutkörperchen, und wer weiß, was gerade aktuell wird, bis dieser Text erscheint. Fieserweise zeigen zudem offenbar die meisten, die der Virus befällt, überhaupt keine Symptome. Und die, die er nicht befällt, leiden unter derartigen Angst-, Hysterie- und sonstigen psychischen Störungen, daß man sich überhaupt nicht mehr auskennt. Zum Glück gibt es den Test des Virologen, ohne den der Virus möglicherweise überhaupt nicht aufgefallen wäre und spätestens Ende April die letzten Schneuztücher der alljährlichen Rotz-und-Wasser-Welle in Gebüschen und Kläranlagen gelandet wären.

So aber wissen wir bescheid, können zählen, rechnen, in atemloser Furcht den neuesten Zahlen lauschen und alle möglichen Maßnahmen verfügen, die vor zwei oder drei Monaten was bewirkt hätten und jetzt immerhin für die Wiederwahl gewisser Leute sorgen (sollen). Einen kleinen Fehler indes hat der Test. Den haben so gut wie alle Tests. Selbst wer anhand von zwei Zehnerlmünzen überprüfen möchte, ob eins und eins wirklich zwei ergibt, staunt möglicherweise über ein Ergebnis von 1,9999993, wenn eine der Münzen oft genug am störrischen Briefmarkenautomaten gerieben wurde.

Der Fehler hat mit Zahlen zu tun. Im Falle des PCR-Tests ist es (unter anderem, was uns jetzt nicht stören soll) so, daß der Test in 1,4 Prozent aller Fälle positiv ausfällt, obwohl er negativ ausfallen sollte. Das ist so gut wie nichts – eine Lohnerhöhung von 1,4 Prozent brächte wohl höchstens die schärfsten Profitmaximierer unter den „Arbeitgebern“ auf die Medienbarrikaden, und wenn 1,4 Prozent zu wenig Bier im Maßkrug ist, lasse nicht mal ich nachschenken. Aber jetzt kommen die Zahlen ins Spiel. Die müssen nur groß genug sein, dann wird das winzige Fehlerchen plötzlich doch interessant. Dann nämlich stellt man fest: Wenn man tausend vollkommen gesunde Menschen dem PCR-Test unterzieht, sind (durchschnittlich) immer 14 davon positiv, obwohl sie den Virus gar nicht haben.

Stellt man weiterhin fest, daß man unbedingt mehr „Infizierte“ braucht, um zum Beispiel Künstlern weiterhin die Ausübung ihrer Tätigkeit verbieten und mit Steuermilliarden bankrotte Flug- und andere Konzerne „retten“ zu können, ohne daß es in Biergärten und Kneipen zu revoltenträchtigen Empörungszusammenrottungen kommt, – dann muß man nur genug Leute testen. Hunderttausend Tests = 1.400 „positive“ Ergebnisse, und wenn es mehr sind: um so besser! Dann ist am Ende wirklich jemand krank, den man zur Schreckung vorzeigen kann. Man mag einwenden, daß der Schabernack irgendwann ein Ende finden muß, wenn alle getestet sind. Pfeifendeckel! Wer heute negativ getestet wurde, kann morgen schon positiv getestet werden! Und für den Fall, daß eines Tages wirklich jeder mal positiv war und folglich der Lehre gemäß immun gegen das Virus sein sollte, hat man vorsorglich schon mal „herausgefunden“, daß das gar nicht sicher ist, weil angeblich ein Chinese schon zum dritten Mal immun und wieder krank geworden ist.

Man kann also bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag frohgemut weitertesten, je nach Bedarf: Werden die „Lockerungen“ ein bisserl zu frech interpretiert, testet man einfach doppelt so viel, schon „schnellen“ die Zahlen wieder „hoch“ und der nächste „Lockdown“ ist unausweichlich. Bis irgendwann endlich der heilige Impfstoff kommt, die Pharmaindustrie ein paar Fantastillionen scheffelt – und unser Virologe schnurstracks einen neuen Virus entdecken und einen Test dafür ersinnen muß. Es ist eine seltsame Welt, in der wir da unversehens gelandet sind, und leider weiß ich viel zu wenig von all den erwähnten Fachgebieten, um eine Prognose stellen oder einen Rat geben zu können.

Die Zahlen abschaffen? Da sträubt sich die Natur. Dem Virologen und der Pharmaindustrie nicht mehr alles glauben? Na ja, wer weiß denn schon, wo und wann die schwindeln? Und wer darf es sagen, ohne dafür als „Verschwörungstheoretiker“ im Spießrutenlauf durch die sozialen Medien gehetzt, für alle Zeiten gebrandmarkt und aus sämtlichen öffentlichen Gesprächen hinausgeschmissen zu werden? Keine Ahnung. Als schimmerloser Laie baue ich lieber weiter an meinem Schuppen und hoffe diesbezüglich auf die Gnade der Zahlen. Das Hütterl hat übrigens keine Hausnummer. Wenn mich die Tester suchen und nicht finden, störe ich also die Statistik. Allerdings nur um 0,00000125 Prozent, und was macht das schon? (Die vorderen Reihen verlangen ein Schachbrett, das aus hygienischen Gründen niemand dabeihat.)

Autor: Michael Sailer

Noch viel mehr von Michael Sailer und den Schwabing Schaumschlägern findet Ihr hier sailersblog.de

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