Interview

Happy Birthday Substanz – das alternative Wohnzimmer wird 30

Jürgen Franke ist es gelungen, sein Substanz 30 Jahre lang jeden Tag aufs Neue interessant zu gestalten. Wir haben ihn vor der Geburtstagsparty getroffen.

Wie schafft man es alleine und am gleichen Ort so erfolgreich zu bleiben?
Ich habe keinen langweiligen Job, man hat Konzerte, Auftritte und Partys – und ich kann immer wieder etwas Neues gestalten. Es ist ein Wohnzimmer, ein Club, so eine Mischung, die nie gleich sein soll! Man muss sagen, ich habe hier eine sieben Tage Woche und Urlaub ist auch nicht so oft. Die letzte Reise ging damals an die Donauschlinge bei Linz für fünf Tage… Aber irgendwie vermisse ich das auch gar nicht. Im Urlaub wüsste ich quasi gar nicht, was ich machen sollte.

Wie hat sich Dein Substanz in den 30 Jahren verändert?
Es hat sich dahin gehend gewandelt, dass hier in den ersten Jahren die Indie-Gitarren-Fraktion plus Punkrock ganz groß vertreten waren. Vor allem, weil in der Zeit das Cafe Normal und das Tanzlokal Größenwahn geschlossen haben. Da haben wir viele Leute – nicht nur Konzertpublikum – bekommen und es war so musikalisch klar festgelegt. Diese Generation ist nun auch schon um die fünfzig bis sechzig Jahre alt und sie geht jetzt nicht mehr so viel aus, um Leute kennen zu lernen. Wobei im Substanz der Besucher-Altersdurchschnitt immer gleichbleibend um die 25 bis 30 Jahre ist und war – jetzt ist es ein bunt gemischtes Publikum, auch aus der Studentenecke.

Gibt es viele Stammgäste?
Manche kommen täglich, wie Stefan und Benjamin. Auch aus der ersten Stunde schauen noch Stammgäste vorbei. Und es gibt hier Stammtische, wie den Hip-Hop-Stammtisch, oder die Couchsurfer Truppe, die einmal im Monat da ist.

Auch hinter dem Tresen trifft man oft bekannte Gesichter.
Ja, wir haben sogar hinter der Theke schon zwei Doktoren mit Titeln gehabt, die gespült haben, weil sie es hier so gut fanden. Ein Meteorologe und ein Physiker. Wie ist aktuell musikalisch der Status quo? Jürgen Franke: Wir lassen unter der Woche Mixe laufen, es gibt unser Radio Substanz FM – Münchens Independent Webradio mit Alternative, Elektro, Indie, Rock, Soul und Co, sowie Kultur und Events. Am Freitag und Samstag sind DJs da mit Veranstaltungen wie „Champagne Supernova“ mit DJ Armin Linder.

Apropos Musik: Welche Bands zählen zu den Konzerthighlights der vergangenen 30 Jahre?
Es gab schon weit, weit über 1000 Konzerte im Substanz. Eben war zum Beispiel Philipp Dittberner ausverkauft… Das Spektrum reicht unter anderem von The Verve, The Charlatans, Ocean Colour Scene über Wilco, Cat Sun Flower bis zu Bevis Frond und G.Rag & die Landlergschwister.

Zum Motto „Fast eine Ewigkeit“ wurde groß der 25. Geburtstag begangen. Wie gestaltet sich die aktuelle Geburstagsparty?
Am Freitag den 13. und Samstag, den 14. März heißt es „1990 bis 2020, 30 Jahre Substanz Danke für Eure Treue!“ Darum gibt es pro Tag 100 Liter Tegernseer Hell als Freibier. Also nicht zu spät kommen! Dazu gibt es noch ein Rahmenprogramm. Übrigens, alles, was geplant ist, wird auch stattfinden!

Jürgen Franke

Wie sieht das Rahmenprogramm aus?
Am Montag, den 16. März wird der Film „Kommissar Süden und der Luftgitarrist“, der damals sechsfach mit dem Grimmepreis ausgezeichnet worden ist und hier von Dominik Graf im Subtanz gedreht wurde, gezeigt. Der Film läuft in Anwesenheit des Schauspielers Michael A. Grimm. Und weil Dominik Graf über das Buch von Friedrich Ani auf die Idee mit dem Substanz gekommen ist, schaut Friedrich Ani, der übrigens auch das Drehbuch geschrieben hat, ebenfalls vorbei. Dazu kommt Ulrich Spies von Grimme Preis e.V. und es wird eine Talkrunde geben. Ich bin übrigens sehr zufrieden, wie ich im Film dargestellt werde!

Was ist noch in der nächsten Zukunft geplant?
Es gibt weiterhin Konzerte, auch wenn seit jeher wegen den Anwohnern immer um 22 Uhr Schluss sein muss. Wir haben am 26. März Tonunion mit ihrem „Zero Gravity Album-Release-Konzert“ zu Gast. Tav Falco tritt im April auf. Wir arbeiten übrigens hauptsächlich mit zwei Agenturen zusammen, Unterhaltungsreederei und arcticmusic, die haben gleich ums Eck vom Substanz in der Lindwurmstraße ihr Büro. Dann bleibt so die Zusammenarbeit im Viertel.

Wie sieht es mit anderen Nachbarn wie dem Strom Club aus?
Zum Strom gibt es einen sehr guten Kontakt, so kommt zum Beispiel die Mannschaft vorbei, wenn dort Soundcheck ist und macht hier ihre Dienstplan-Besprechungen. Und wenn einmal ein Sack Eis fehlt, dann wird getauscht. Es kommen ab und an auch Bands, die dort spielen rüber: Am 21. Februar zum Beispiel trat dort der Monaco F auf und weil um halb ein Uhr nachts der Backstageraum leer sein musste, wurde ins Subtanz gewechselt. Mit dem ersten Strom Club haben wir übrigens auch Faschingspartys veranstaltet. Hier war einmal das „Krankenhaus am Rande des Wahnsinns“ mit Blutdruckmessen – wer den höchsten hatte, bekam ein Freibier.

Ein Markenzeichen vom Substanz ist der „Poetry Slam“.
Ja, Münchens legendären Dichterwettstreit gibt es seit diesem Februar nun genau 24 Jahre, davor hatte Karl Bruckmaier zwei Jahre lang seinen „Literatur Slam“.

Und wie sieht es im Substanz eigentlich tagsüber aus?
Wir haben nachmittags schon mal Hochzeitsfeiern, oder das ZDF war zum Beispiel eben gerade hier und hat Backstage für eine neue Serie gedreht.

Das Tauschregal im Substanz ist Kult. Wie lange existiert es schon?
Seit 2002. Skurril war der Inhalt eigentlich nie, es ist nur skurril, dass Leute, die hier auf eine Geburtstagsfeier gehen, einfach nur reinlangen und sich etwas heraus nehmen… Das Substanz ist ein Ort, der sich über die Jahre auch optisch immer wieder wandelt.

Wie ist da der Rhythmus?
Je nach Lust und Laune, die jetzige Deko kommt gerade sehr gut an und wird noch ein bisschen bleiben. Wir hatten zur Fußball WM einen Brasilianischen Regenwald, davor hatten wir Affen… 2010 gab es einen Fußballplatz inklusive Rasen.

Was ist abschließend Deine Definition vom Subtanz?
Dass alles möglich ist mit dem Ding!

Substanz, Ruppertstr. 28, täglich ab 20 Uhr, www.substanz-club.de

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