Interviewreihe

Seit 250 Tagen im Shutdown - Stimmen aus dem Münchner Nachtleben

World League-Veranstalter Tom Hilner und Club-Betreiber Martin Putz (Call me Drella)
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World League-Veranstalter Tom Hilner und Club-Betreiber Martin Putz (Call me Drella)

Im dritten Teil unserer Interviewreihe aus dem Münchner Nachtleben haben wir den World League-Veranstalter Tom Hilner (Greenfields, u.a.) und Call me Drella-Head Martin Putz befragt.

Seit fast genau 250 Tagen ist das Münchner Nachtleben coronabedingt nahezu zum Erliegen gekommen. Am Freitag den 13. März gaben die meisten Clubs ihre vorübergehende Schließung bekannt und Veranstaltungen wurden abgesagt. Zeit für uns die Betreiber und Veranstalter aus dem Münchner Nachtleben zu ihrer Situation, aber auch zu ihren Gefühlen und Hoffnungen zu befragen.

Interviewreihe: Seit 250 Tagen im Shutdown - Stimmen aus dem Münchner Nachtleben

Hier gehts zum ersten Teil mit Michi Kern von der Eventlocation Utopia in Schwabing und Peter Wacha vom Club Rote Sonne / Hier gehts zum zweiten Teil mit Oliver Reif vom Crowns Club und Barbetreiber Max Gradl (Ory, Herzog, Kubaschewski) / Hier gehts zum vierten Teil mit Harry Klein-Macher Peter Fleming und Eventveranstalter von Wild Warehouse und Betreiber der Krake Bar, Dominic Mölzl und André Resch / Hier gehts zum fünften Teil mit Michael Perlinger von der Milchbar und Alexander Kaufmann vom Bar-Restaurant Jams

World League / Tom Hilner

World League-Veranstalter Tom Hilner

Seit 250 Tagen geschlossen, welche Gefühle löst das bei dir aus? Vor allem wenn du an den Anfang zurückdenkst als du leider den Gig von Sven Väth trotz Locationwechsel doch noch absagen musstet.
Ja, eine sehr lange Zeit und es fühlt sich noch immer, oder eigentlich immer mehr total unwirklich an. Ich glaube wir alle vermissen das Tanzen, Ausgehen und (laute) Musik im Club extrem.

Wie habt ihr diesen Lockdown bisher überstanden?
Wir kämpfen uns durch. Es waren und sind viele Anträge zu stellen. Aber es reicht natürlich hinten und vorne nicht.

Was hat euch über Wasser gehalten?
Wir haben bisher einmal die Soforthilfe von 9000€ erhalten. Ansonsten sind die Umsätze natürlich auf Null gefallen. Den Rest kann man sich denken...

Plant ihr eine Konzeptänderung, um besser über die Runden zu kommen?
Viele Veranstalter und Clubbetreiber haben in den letzten Wochen und Monaten natürlich immer wieder überlegt, was man machen kann. Aber ich habe bisher kein Konzept gesehen, dass auch mich überzeugt hat bzw. unter dessen Umständen ich aufsperren würde. Wir machen Clubevents und Open Airs, das ist unter den aktuellen Gegebenheiten einfach nicht durchführbar. „Sofaraves“ sehe ich überhaupt nicht. Aber natürlich kann es sein, dass ich meine Meinung dazu in zwei oder drei Monaten ändern muss, damit wir irgendwie doch überleben können. 

Wie bewertest du das bisherige Vorgehen der Politik und was wünschst du dir künftig von der Exekutive?
Wir Clubbetreiber, Veranstalter, DJs, etc. laufen da natürlich fast komplett unter dem Radar. Auf der anderen Seite muss man sagen, dass es bei uns in Deutschland zumindest jetzt ein paar Hilfen gibt, die es so in anderen Ländern gar nicht gibt. Wenn man so will, geht es uns vergleichsweise also noch gut. Trotzdem wünsche ich mir natürlich ein Umdenken, dass erkannt wird, dass wir uns sehr mit der Situation auseinander gesetzt haben und sie extrem ernst nehmen, Hygienekonzepte entwickelt haben, unter denen zumindest im kleineren Rahmen auch Indoor Events durchführbar wären. Ich befürchte aber, dass es nicht so schnell dazu kommen wird.

Was hast du in der Corona-Krise für dich gelernt?
Einerseits viel Solidarität erfahren, andererseits gesehen, dass unsere Branche einfach nicht die Wertschätzung erfahren hat, die sie eigentlich verdient. Wir sind nicht nur „Partyveranstalter“, sondern wir bieten vielen Menschen Lohn und Arbeit und unseren Gästen die Möglichkeit abzuschalten, loszulassen und sich in einem sichern Umfeld zu treffen. Ansonsten natürlich wie wichtig die wahren Freunde sind und dass man gesund ist.

Wird das Münchner Nachtleben jemals wieder so werden wie früher?
Schwer zu sagen, aber ich befürchte, dass es lange dauern wird. Trotzdem gilt wie immer, dass aus Krisen auch tolle neue Dinge und Ideen entstehen können. Ich bin also optimistisch!

Wie können euch eure Stammgäste - neben eurem Merchandise-Artikeln - momentan am besten unterstützen?
Das Merchandise (hier gehts zum Shop) ist natürlich eine Möglichkeit, aber davon können und wollen wir natürlich nicht leben. Wir freuen uns aber über die vielen aufmunternden Nachrichten in den sozialen Netzwerken. Das gibt uns Kraft!

Call me Drella / Martin Putz

Martin Putz vom Club „Call me Drella“

Seit 250 Tagen kämpft das Nachtleben mit den Folgen des ersten Lockdowns und nun folgt der Lockdown Light im November: welche Gefühle löst das bei dir aus?
Ich verstehe die Maßnahmen auch wenn sie mich natürlich nerven. Es gibt zwar ein bisschen staatliche Unterstützung die jedoch nicht so unbürokratisch ist wie immer versprochen und das auch nichts daran ändert das jeder Monat einfach ein Draufzahler ist. Was mich traurig macht ist das so viele einfach vergessen werden oder keinen Anspruch haben, unsere Künstler, Soloselbstständigen, die Zulieferbetriebe und viele andere fallen einfach durchs Raster und bekommen gar nichts.

Wie habt ihr den 1. Lockdown bisher überstanden?
Eigentlich ganz gut, wir haben viel aufgeräumt das liegengeblieben ist und an Konzepten gearbeitet um vorbereitet zu sein wenn die Party wieder starten kann.

Was hat euch über Wasser gehalten?
Wie viele andere auch mussten wir einen Kredit aufnehmen unsere Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken usw. Wir konnten uns, als es noch erlaubt war, mit kleineren privaten Veranstaltungen sowie Vermietungen an Filmproduktionen, Schulungen, etc. ganz gut durch die Zeit retten. Wir haben das letzte Jahr auch sehr gut gewirtschaftet und hatten ein paar Rücklagen, außerdem ist uns der Vermieter ein bisschen entgegenkommen.

Plant ihr eine Konzeptänderung für euren Club (z.B. reinen Barbetrieb o.ä.), um besser über die Runden zu kommen?
Wir sind ein Nachtclub und wollen das auch bleiben, natürlich haben wir auch darüber nachgedacht, sehen das aber aktuell nicht als zielführend. Außerdem ist es mit deutlich weniger Gästen und viel mehr Personal und Sicherheitsaufwand nicht rentabel, es gibt viele die jetzt mit großen Kosten und Aufwand ihre Gastronomien mit Trennwänden etc. ausgestattet haben und jetzt trotzdem zumachen müssen. Solange es keine Planungssicherheit gibt auch was zB. die Sperrzeiten angeht ist es auf jeden Fall keine Alternative.

Wie bewertest du das bisherige Vorgehen der Politik und was wünschst du dir künftig von der Exekutive?
Wir waren die ersten die zusperren mussten und werden die letzten sein die wieder aufmachen dürfen, gerade die Clubs haben leider in der Politik keine Lobby. Es fehlt völlig die Bereitschaft sich mit uns auseinanderzusetzen und sich die Konzepte anzuschauen die erarbeitet worden sind. Das wäre nicht nur existenziell wichtig für uns Betreiber und Mitarbeiter, sondern auch für unsere Gäste wohin es führt wenn es uns nicht gibt, hat man ja im Sommer an der Isar etc. gesehen und aktuell verlagert es sich eben ins private und illegale. Die Menschen - gerade die Jüngeren - brauchen den Austausch, die Kontakte auch mal das abschalten und loslassen. Gerade jetzt in dieser schwierigen Zeit wäre das wichtiger als je.

Was hast du in der Corona-Krise für dich gelernt?
Wie wichtig Familie, Freunde und ein tolles Team sind die hinter einem stehen.

Wird das Münchner Nachtleben jemals wieder so werden wie früher?
So wie früher bestimmt nicht, aber es gibt so viele tolle Gastronomen und Charaktere die sich nicht unterkriegen lassen und ihre Clubs, Bars, Restaurants, Cafés, Konzerthallen usw. mit Liebe, Leidenschaft und Passion betreiben. Corona wird uns bestimmt noch eine ganze Zeit begleiten aber es ist an uns damit leben zu lernen, neue Möglichkeiten zu finden wieder das zu machen was wir und unsere Gäste Lieben, Freiräume zu finden für Genuss, ausgelassenes Feiern und zwischenmenschliche Kontakte.

Wie können euch eure Stammgäste momentan am besten unterstützen?
Auch wenn es schwer fällt, haltet euch an die Auflagen, geht nicht auf illegale Raves und private Partys.

Interviews: Corina Kaiser

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