Interview

Im Interview: Kieser, Kern und Sharegh über das Lovelace

Lovelace Macher: Cambis Sharegh, Elisabeth Kieser und Michi Kern

Das Kultur- und Hotelprojekt "Lovelace" ist in aller Munde. Wir haben die Macher Elisabeth Kieser, Michi Kern und Cambis Sharegh zum Interview gebeten.

Es ist die gute Stube der Stadt. Und Ort für ein sehr ambitioniertes Happening, hinter dem unter anderem die Multi-Gastronomen und Betreiber der Schwabinger Kultbuchhandlung Lost Weekend stecken. In den ehemaligen Räumen der Bayerischen Staatsbank in der Kardinal-Faulhaber-Straße 1 öffnen sich die Türen für das „Lovelace“. Einen Ort, an dem man feiern, debattieren, genießen – und übernachten kann. Und wenn es nach Michi Kern und seiner Frau Elisabeth Kieser geht, steigt hier im nächsten Jahr auch eine „Unsicherheitskonferenz“ – ein freundlich-friedliebendes Gegenprogramm zum Militärtreffen gegenüber.

Was wird denn das Lovelace nun genau? Nicht jeder traut sich ja, einfach so in ein Hotel reinzuspazieren?
Kieser: Wir haben eine öffentliche Tagesgastronomie, wo alle kommen können – Münchner, Touristen, einfach jeder. Es wird eine Destination für die Neugierigen.

Kern: Jedes Hotel ist natürlich irgendwie öffentlich. Aber was macht man dann dort? Hier bei uns soll es etwas zu erleben geben.

Kieser: Wir haben ja nur 35 Zimmer – aber über 3000 Quadratmeter Platz. Allein daran merkt man schon: Das Verhältnis geht in eine ganz andere Richtung.

Allein der prachtvolle alte Bank- Eingang wirkt bislang aber auch ziemlich wuchtig. Gut möglich, dass hier Geschäftsleute gerne mal eingeschüchtert und in gebückter Haltung eingetreten sind. Vielleicht kein Ort, wo man einfach mal so hineinschaut.
Kern: Genau! Und genau deswegen soll es unten gleich eine Espresso-Bar und einen Kiosk geben. Es soll wirklich eine echte Empfangssituation sein.

Kieser: Die Architektur hat lange genau so funktioniert. Es ging lange um Abschirmung, Hierarchie und Einschüchterung. Wir wollen das ganz neu besetzen. Unsere erste Maßnahme ist, dass wir den Eingangsbereich komplett öffnen. Die Türen stehen auf – hier unten geht’s gleich los. Für unseren Café-Kiosk kooperieren wir mit Tyler Brûlé.

... dem Herausgeber von „Monocle“, dem weltweit Hipster, aber auch auf seinen Erfolg eifersüchtige Verleger zu Füßen liegen.
Er macht ja schon länger Monocle-Stores. Die Cafés sind jetzt sein neues Lieblingsding. Es ist eine Kombination aus Espresso- Bar plus seinen Magazinen plus der internationalen Tagespresse. Der Clou dabei ist das Print-on-Demand-Prinzip.

Soll heißen?
Im Café steht ein Drucker, mit dem man sich aus jeder Heimatstadt der Welt seine Lieblingszeitung ausspucken lassen kann.

War das eine Fernliebe oder war Tyler Brûlé vor Ort im Lovelace?
Kieser: Er war in den vergangenen Wochen gleich mehrfach hier. Er ist ein großer München-Fan.

Sie sind ja alle schon länger im Nachtleben tätig. Trotzdem haben Sie ja eigentlich was ganz anderes gelernt: Wie wird man eigentlich von der Kunsthistorikerin zur Hotelbetreiberin? 
Kieser: Stimmt, nicht gerade der aller naheliegendste Weg. Das Hotel ist uns wie zugefallen. In Wirklichkeit halten wir uns ja für eine Kulturinstitution.

Sharegh: Man muss dazusagen: Das Hotel ist nur ein Teil des Gesamtkonzepts. Es wird ein Happening. Wir sind kein Übernachtungsbetrieb im klassischen Sinne. Was uns schon länger vorschwebt, ist viel größer als ein Hotel. Lovelace wird eine Meltingpot-Institution. Es geht um Erlebnisse und Inhalte – viel mehr als ein übliches Hotel bieten kann. Der Hotelier ist nur ein Teil der Gesamt-Persönlichkeit, die wir sein werden. Wir haben ja alle unsere ganz individuellen Hotel-Erfahrungen und wissen daher recht genau, wie wir es aufregender und schöner in so einem Kosmos machen können.

Kieser: Vielleicht sind wir keine Experten als Hotel-Betreiber – aber als Hotel- Nutzer. Unser Haus wird wirklich 24/7 bespielt.

Eher ein Hotel, in dem man nicht schläft?
Kieser: Doch, natürlich auch!
Sharegh: Wir haben tolle Betten. (lacht) Da kann man drauf schlafen. Auf die eigene Privatsphäre und den Komfort haben wir schon sehr geachtet. Es muss eine gute Mischung geben – zwischen dem Rückzugsraum und dem öffentlichen Erleben.

Normalerweise haben Sie ja eher mit Leuten zu tun, die nicht ins Bett gehen. Wer kann denn von Ihnen Betten bauen oder versteht sich auf Room-Service?
Kern: Wir sind ja weit gereist. Da bekommt man so einiges mit.

Sharegh: In jeder Großstadt sind die Hotels mit ihren Lobbys und Bars wahre Hotspots – gerade auch für die Stadtbewohner. Das kennt man natürlich vor allem aus New York. In Deutschland war das zuletzt in der Ära der Grand Hotels der Zwanziger Jahre ganz groß. Dort hatten sich alle getroffen. Und genau das wollen wir wiederbeleben. Wir interpretieren die traditionelle Idee für das 21. Jahrhundert neu.

Die Idee, das Haus aber als Hotel „vorzuwärmen“, weil das der Besitzer längerfristig selbst einmal machen will, war aber nicht Teil des Deals für den Zwischennutzungs-Zuschlag an Sie?
Kern: Die wollten ja Büros daraus machen. Wir kamen quasi in letzter Minute noch mit unseren Ideen daher. Und die haben gut gefallen.

Perrier-Jouët Event am 29.06.2017 im The Lovelace

Wie bewirbt man sich denn überhaupt für so ein ehrgeiziges Projekt?
Kieser: Wir machen es eigentlich immer so, dass wir unser Konzept der Location anpassen. Wir gehen nicht mit einem fertigen Plan raus – und suchen uns dann einen Ort, wo wir uns damit bewerben können. In München gibt’s natürlich auch eine enorme Knappheit an Immobilien in Innenstadtlage, die überhaupt für solche Ideen in Frage kommen. Schon in der Vergangenheit haben wir immer wieder versucht, unter einem Dach unterschiedliche Konzepte miteinander zu verbinden – etwa gastronomische und kulturelle.

Ist das Lovelace die Großvision vom Lost Weekend? Dort stehen ja manchmal viele Leute vor der Tür – und kommen gar nicht mehr rein. Platzprobleme haben Sie hier nicht.
Kern: Der Traum ist, ein Haus zu haben, in dem viele Dinge gleichzeitig stattfinden können. Hotel, Gastronomie, Event, Essen, Trinken, Kultur, Vorträge – quer durch. Musik, Mode und Kunst werden natürlich auch eine große Rolle spielen – in vielerlei Ausprägung.

Aber kein reiner Partytempel?
Sharegh: Auf keinen Fall.

Kern: Ein bisschen eine Vorgeschichte hat das Lovelace schon. Wir hatten mal etwas Ähnliches für ein Gebäude auf der Praterinsel geplant. Mit Hotel, Restaurant und vielem mehr. Alles ein bisschen kleiner.

Kieser: Aber mit Yoga-Studio, Biergarten, Fahrrad- Verleih, einem sozialen Projekt. Und alles als Ausbildungsbetrieb ...

Darunter machen Sie’s nicht, oder?
Kern: Das hatte der Stadt gut gefallen. Und auch dem Hausbesitzer. Sie haben’s aber trotzdem verkauft. Dann war die Chance halt weg.

Wie lange sind Sie denn schon ums Lovelace-Gebäude herumgeschlichen und haben geplant?
Kieser: Nicht lange. Seit Mitte Dezember.

Erfahrungen, Kulturveranstaltungen schnell auf die Beine zu stellen, darf man bei Ihnen ja voraussetzen. Hotels werden aber doch in der Regel über Monate und Jahre hinweg geplant.
Sharegh: Das ist genau die Herausforderung, die uns kickt. Wir haben ein Pop-up-Konzept. Das heißt auch, dass man schnelle Entscheidungen fällen muss. Wenn das drei Jahre geplant wird, ist es kein Pop-up mehr.

Was heißt das fürs Alltagsleben?
Kieser: Wir können schon noch gut schlafen. Aber halt nicht so lang. Sie holen sich ja viele Partner ins Haus – unter anderem für temporäre Shops, aber auch für das „Monocle“- Café.

Was heißt das für Ihre Rolle: Sind Sie so etwas wie eine Intendantin? Oder Zirkusdirektorin? 
Kieser: Viele Verantwortungen werden wir schon selbst auf die Beine stellen. Aber wenn ich mir selbst diese Frage stelle – und das tue ich oft -, kann man das am ehesten mit solchen Begriffen fassen. Mit Rollen, die aus der Kunstund Theaterwelt kommen. Dort ist es auch so, dass das Programm kuratiert wird, dass wir aber auch die ganzen unterschiedlichen Bühnen den Leuten, die wir einladen, zur Verfügung stellen. Wir sorgen dafür, dass das Eine zum Anderen passt – und dass es zum Schluss wirklich spannend wird. Unser Programm wird auf keinen Fall beliebig.

Stapeln sich bei Ihnen die Vorschläge auf dem Tisch? Was muss man tun, um als Künstler zum Lovelace-Konzept zu passen?
Kern: Es haben sich schon viele gemeldet, wir haben aber immer noch Platz für mehr.

Weil viele vielleicht gedacht haben, es wäre zu nobel?
Kern: Oder es wäre alles schon komplett fertig. So ist es aber nicht. Alles soll in den nächsten zwei Jahren wachsen. Wir kuratieren das Projekt – aber es ist ja nicht in sich abgeschlossen. Nichts ist bei uns in Stein gemeißelt.

Sharegh: Wir stehen für Vielfältigkeit. Und die ist für viele noch nicht vorstellbar. Viele hängen mit ihren Konzepten oft in einer Dimension. Ich will nicht sagen, dass sie befangen sind. Aber wir streben Offenheit an – auch abseits der gängigen Veranstaltungsformate. Da müssen viele offenbar erst einmal sehen, was uns vorschwebt, wenn wir ein paar losgelegen.

Kieser: Ich sehe das ein bisschen anders, weil ich ja die kulturellen Projekte mitbetreue. Es gibt sehr viele Leute, die unser Konzept jetzt schon verstehen und unbedingt mitmachen wollen. Es ist nur derzeit so, dass ich nicht hinterherkomme. Ich weiß oft nicht, wem ich als erstes antworten soll. Das Bedürfnis, bei uns mitzuziehen ist riesig – vor allem aus den Bereichen bildender Kunst, Theater, aber auch Gastronomie. Jedenfalls von allen, die gerne schon unterschiedliche Dinge zu mischen versuchen. Es gibt für all diese Kreativen in unserer Stadt einfach keine Räume.

Mit tollen Partys hätten Sie die Räume schnell voll. Es soll bei Ihnen aber schon etwas Gehaltvolles sein und keine Rabatt-Drink-Sausen?
Kieser: (lacht) Lieber nicht, so was passt nicht. Die Leute sollen aber schon Spaß bei uns haben. Und es wird auch mal eine Party geben. Musiker können sich gerne bei uns melden. Für die haben wir extra den Dienstag reserviert – mit unseren Sofa-Sessions.

Montags kommt Kino?
Kieser: Kino – im weitesten Sinne. Weniger auf den Entertainment-Gedanken abgestellt. Es geht letztendlich um Screenings. Das kann auch in Richtung bildende Kunst gehen. Oder um die Verbindung von Bild und Ton. Es kann aber auch eine Lesung mit Sound und Visuals werden.

Mindestens einmal pro Monat müssen Sie „Deep Throat“ schon spielen?
Kern: (lacht) Wahrscheinlich.

Sharegh: (lacht) Den müssen wir parallel in zwei Räumen zeigen. Wegen der großen Nachfrage.

Mit dem Namen haben Sie der Stadt erst einmal das größte Rätsel gestellt. Wer hat sich den denn einfallen lassen?
Kieser: Ich nicht.

Kern: Den Namen haben wir uns nicht einfallen lassen. Der kam zu uns – über Ada Lovelace.

Die britische Mathematikerin aus dem 19. Jahrhundert? Musste ich googlen.
Kern: Wir haben ja eine Buchhandlung. Im letzten Jahr ist eine Biografie über sie erschienen. Schon der Klappentext hat mich neugierig auf diese tolle Frau gemacht. Und dann musste ich sie auch googlen. Ihr Name ist super!

Sie hat aber nichts mit dem Finanzwesen zu tun – was zum Ex-Bankgebäude passen könnte?
Kern: Im weitesten Sinne vielleicht. Aber mir ging’s in erster Linie um den Klang des Namens. Ganz spät habe ich erst mitgekriegt, dass es auch eine andere Lovelace gibt.

Linda Lovelace aus „Deep Throat“.
Kern: Das fand ich dann aber auch spannend – und gar nicht schlimm. Sie ist ja auch jemand, die sich emanzipiert hat. So steht’s zumindest in ihrem Wikipedia- Eintrag. Lovelace hat sich später stark gegen die Pornoindustrie engagiert. Das fanden wir natürlich auch gut. Uns gefällt, wenn sich jemand auf die Hinterfüße stellt.

Kieser: Ich weiß nicht, wie weit man bei den Erklärungen und Assoziationen gehen will. Wir haben uns mehr oder weniger intuitiv für den Namen entschieden – und erst im Nachhinein festgestellt, wie gut er eigentlich passt. Für mich passt er perfekt. Ada Lovelace war diejenige, die den ersten Algorithmus geschrieben hat.

Viele Preise in der Mathe- und Programmiererwelt sind nach ihr benannt. Ihre Pioniertat ist grundlegend für die digitale Welt, in der wir heute leben. Dieser Gegensatz von der analogen und der digitalen Welt ist ein Thema, das wir in unendlichen Ausprägungen durchspielen. Der Algorithmus ist die mathematische Formel – und die Geste, die aus dieser Handlungsanweisung hervorgeht, ist das Happening.

Passt ja! Ihr Interesse ist aber schon eine sehr analoges. Man muss sich schon „in echt“ treffen und austauschen. 
Kieser: Absolut! Interaktion und Kommunikation – das ist uns das Wichtigste. Gute Gespräche und Inspirationen haben wir uns auf die Fahnen geschrieben.

Kern: Wir erreichen das zum einen schon über die Öffnungszeiten. Im Prinzip kann man bei uns ab 7.30 Uhr in der Früh reinrauschen. Zum anderen über die Mischung: Wir werden über den Tag verteilt hier ganz verschiedene Altersgruppen zusammenbringen. Bei all den ambitionierten Club-Geschichten, die es in der Stadt gibt, muss man ja auch sehen: Um zehn Uhr in der Nacht erst auszugehen, scheidet für viele Leute einfach aus. Ist ja klar. Aus Altersgründen. Oder auch aus Faulheitsgründen. Junge Eltern brechen halt nicht erst um Mitternacht auf. Wenn es so klappt, wie wir uns das vorstellen, ist das bei uns um vieles einfacher.

Verständlich.
Kern: Bei uns gibt’s keinen Platz für Schwellenängste – etwa vor dem Nachtleben als solchem oder Türstehern. Wir freuen uns auf eine viel offenere Gesellschaft, an der man leichter teilnehmen kann. Wer hier tagsüber schon mal einen Kaffee bei uns trinken war, hat viel weniger Hemmungen, abends noch für eine Lesung, eine Modenschau oder einen Clubabend zurückzukommen.

Wer sich bei Ihnen geistig erschöpft hat, kann sich zur Not immer noch ein Zimmer nehmen.
Kern: (lacht) Na klar. Selbst wenn er an der Bar zusammenbrechen sollte, tragen wir ihn dann freundlich in sein Bett.

Interview: Rupert Sommer

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