Ortsgespräch

Kultur in der Roten Sonne: Claudia Illi, Dorothea Zenker und Joerg Geissler im Interview

Joerg Geissler, Claudia Illi und Dorothea Zenker vom Club Rote Sonne München
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Von links: Joerg Geissler, Claudia Illi und Dorothea Zenker

Staunen statt tanzen: Die Rote Sonne verwandelt sich für die erste Nodance-Ausstellung mit dem Künstler Elliott Jamal Robins ab 15. Oktober in einen multisensorischen Klang- und Kunst-Tempel. Wir haben uns das von Machern Claudia Illi, Joerg Geissler und Dorothea Zenker mal erklären lassen.

Starke Ideen als starkes Heil- und Gegenmittel in Krisenzeiten: Wie kamen Sie eigentlich auf die Idee, aus der Roten Sonne nun auch einen Ausstellungsort für Visual Soundscapes zu machen?
Joerg Geissler: Es ist ja nicht so, als ob die Rote Sonne zur Galerie wird. Die Idee zu dieser temporären Ausstellung ist durch ein paar Zufälle entstanden. Zunächst war ich am letzten offenen Abend vor Corona in der Roten Sonne. Es war die Release Party der letzten LP von Bernd Hartwig, an der er jahrelang gearbeitet hatte. Ein Tag vorher ist er gestorben, und die Band spielte zum ersten Mal ohne ihn. Das war sehr berührend.

Dann hatte ich vor Jahren einmal eine Ausstellung von Brian Enos Skulpturen in Paris organisiert. Das schwierigste daran war ironischerweise, eine perfekte „Black Box“ herzustellen, und in der Roten Sonne muss man dafür fast nur das Licht ausmachen. Dann war ich im Sommer in Berlin und habe mit der Galerie Nagel Draxler überlegt, was in diesem Kontext Sinn machen könnte. So sind wir auf Elliott Jamal Robbins gekommen. Einen jungen, amerikanischen Künstler, der sich mit aktuellen, politischen Themen beschäftigt. Das war zunächst alles nicht so einfach, wie ich mir das vorgestellt hatte. Aber durch die tolle Zusammenarbeit mit Claudia als Kuratorin und Dorle als Betreiberin der Roten Sonne ist es jetzt doch möglich geworden.

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Ein großartiger Clubabend war ja oft selbst schon ein privates Gesamtkunstwerk, in der sich viele Inspirationen mischten. Wie gut lässt sich mit „Nodance“ an diese Schwingungen, an die Magie eines Raums anknüpfen?
Claudia Illi: Ein gelungener Clubabend IST ein Gesamtkunstwerk! Daran möchten wir mit „Nodance“ anknüpfen – und neue Kunstwerke an diesem Ort entstehen lassen.

Notgedrungen schlummerte die Rote Sonne ja nun gleich mehrere Monate dem Sonnen-Wiederaufgang entgegen: Beschreiben Sie doch mal das Gefühl, wenn man die Tür voller Vorfreude und Anspannung wieder aufsperrt.
Dorothea Zenker: Absolutes Bauchkribbeln... Wir „reißen“ die Türen sehr gerne auf!

Die Notiz- und Telefonbücher der Booker im Club werden ja oft für ihre Dicke bewundert. Wie schwer war es allerdings, die Fühler in die Kunstwelt und zu den Galerie-Partnern auszustrecken?
Joerg Geissler: Letztendlich war das möglich, weil ich schon lange in verschiedenen Projekten mit der Galerie Nagel Draxler zusammengearbeitet habe. Auch bei den Gesprächen mit Brian Eno spielt der langjährige Kontakt eine große Rolle. In der Kunstwelt spielt Vertrauen eine große Rolle, besonders in diesem Fall. Es ist ein Experiment, das letztendlich Corona geschuldet ist, und so Neues auslotet.

Der Club blickt ja selbst schon auf eine stolze, wendungsreiche Historie: Sie werden doch aus der Roten Sonne nicht am Ende ein Museum machen?
Dorothea Zenker: Ja, einen Ort, den es zu besuchen lohnt, unbedingt.

Die Kollegen vom Momem in Frankfurt, mit denen Sie unter anderem kooperieren, wollen ein Museum für moderne elektronische Musik aufbauen. Geht das überhaupt? Wie muss man sich das vorstellen?
Joerg Geissler: Tatsächlich ist elektronische Musik wahrscheinlich das letzte, was man mit einem Museum verbindet. Das gilt auch für die Club-Kultur. Mal davon abgesehen, dass mit Techno vielleicht das letzte Mal eine große, konsistente Jugend- oder Alternativkultur entstanden ist. Aber die Musik als identitätsstiftende Größe hatte auch immer ihre visuellen, haptischen Erscheinungen. Das kann die Inneneinrichtung eines wichtigen Clubs wie dem Omen sein, oder auch das Kling-Klang-Studio in Düsseldorf, in dem Kraftwerk in den 1970er Jahren produziert hat. In Zeiten der Cloud und leistungsstarken Laptops gibt es auch eine neue Sehnsucht nach dem Haptischen, der „Manufaktur“ und dem „echten Erlebnis“. Das fehlt uns mit Corona derzeit am meisten. Wie das Momen das zukünftig umsetzen wird, bleibt spannend. Die Rote Sonne ist aber in jedem Fall eine passende Verlängerung in die aktuelle Club-Realität und bleibt damit alles andere als museal.

Mit der Nodance#1-Ausstellung rund um Elliot Jamal Robbins setzen Sie gleich zum Auftakt auch ein politisches Statement. Wie wichtig, wie schwer ist es in diesen Zeiten, sich mit Gesellschaftskritischem Gehör zu verschaffen?
Claudia Illi: Der gesellschaftliche Aspekt in der Kunst ist für mich schon immer immens wichtig. Aber besonders in dieser Zeit, die Diskrepanzen noch weiter verstärkt. Das sichtbar zu machen, ist ein großes Anliegen. Es freut uns, dass dieser Ansatz auf so viel Resonanz stößt. Die Kunst ist da ein großartiger Denk- und Begegnungsraum.

Warum scheint vielen Verantwortlichen - bei allen berechtigten Sorgen rund um Ansteckungswege und die Hoffnung, Corona rasch in den Griff zu kriegen - das Verständnis für den Kulturbereich, für die Sub-Szenen und für die Nacht so schwer zu fallen?
Claudia Illi: Den Künstler*innen erschwert teilweise ihr Selbstverständnis die Bildung einer schlagkräftigen Lobby, die ihre Interessen entsprechend vehement durchsetzen könnte. Viel liegt aber an Politiker*innen, denen Einblicke in die Arbeitsprozesse von Künstler*innen fehlen – und die sich damit nicht genügend auseinandersetzen. Auch die Bedeutung von Kultur als Kitt in unserer Gesellschaft wird da leider noch viel zu sehr unterschätzt.

Wer Nodance-Abende besucht, kann eine halbe Stunde lang im Club bleiben. Reicht diese Musikanwendung bereits, um gegen den sehr akuten langen Trennungsschmerz zu lindern?
Dorothea Zenker: Der Besucher kann eine halbe Stunde in der Installation verweilen und in Ruhe etwas trinken. Er kann auch die Augen schließen, tief einatmen und an früher denken, ob das reicht? Ich fürchte nicht.

Wie wichtig sind aus Ihrer Sicht Wiederholungsbehandlungen?
Claudia Illi: Das gemeinsame physische Live-Erleben von Kunst ist enorm wichtig. Daher sind Wiederholungsbehandlungen unbedingt empfehlenswert.

Interview: Rupert Sommer

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