Interviewreihe

Seit 250 Tagen im Shutdown - Stimmen aus dem Münchner Nachtleben

Peter Fleming vom Club Harry Klein und Dominic Mölzl & André Resch von der Krake Bar
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Peter Fleming vom Club Harry Klein und Dominic Mölzl & André Resch von der Krake Bar

Im vierten Teil unserer Interviewreihe aus dem Münchner Nachtleben haben wir Harry Klein-Macher Peter Fleming und die Eventveranstalter von Wild Warehouse und Betreiber der Krake Bar, Dominic Mölzl und André Resch, befragt

Seit fast genau 250 Tagen ist das Münchner Nachtleben coronabedingt nahezu zum Erliegen gekommen. Am Freitag den 13. März gaben die meisten Clubs ihre vorübergehende Schließung bekannt und Veranstaltungen wurden abgesagt. Zeit für uns die Betreiber und Veranstalter aus dem Münchner Nachtleben zu ihrer Situation, aber auch zu ihren Gefühlen und Hoffnungen zu befragen.

Interviewreihe: Seit 250 Tagen im Shutdown - Stimmen aus dem Münchner Nachtleben

Hier gehts zum ersten Teil mit Michi Kern von der Eventlocation Utopia in Schwabing und Peter Wacha vom Club Rote Sonne / Hier gehts zum zweiten Teil mit Oliver Reif vom Crowns Club und Barbetreiber Max Gradl (Ory, Herzog, Kubaschewski) / Hier gehts zum dritten Teil mit World League-Veranstalter Tom Hilner (Greenfields, u.a.) und Call me Drella-Head Martin Putz / Hier gehts zum fünften Teil mit Michael Perlinger von der Milchbar und Alexander Kaufmann vom Bar-Restaurant Jams

Club Harry Klein / Peter Fleming

Peter Fleming vom Club Harry Klein

Seit 250 Tagen kämpft das Nachtleben mit den Folgen des ersten Lockdowns und nun folgt der Lockdown Light im November: welche Gefühle löst das bei dir aus?
Da ich mich selbst als einen realistischen Menschen einschätze, bin ich eher pragmatisch. Mein Mitgefühl trifft hauptsächlich das interessierte Publikum, dass sich nun ein weiteres mal einschränken muss und ein sehr eingeschränktes Kulturangebot nutzen kann. Ich bin mir allerdings sicher, dass sich unsere demokratische Gesellschaft hier mehrheitlich einig darüber ist diesen Lockdown Light mitzutragen. Leid tut es mir weiterhin um unser Personal, das fast komplett in Kurzarbeit steht, bzw. die vielen Minijobber*innen die überhaupt nichts erhalten. Wir stehen weiterhin im Kontakt mit dem Personal und freuen uns über deren Zuspruch, weiterhin für uns arbeiten zu wollen.

Wie habt ihr den 1. Lockdown bisher überstanden?
Es ist natürlich schrecklich ein Berufsverbot mit all seinen Konsequenzen zu erhalten. Jedoch haben wir diese Zeit für uns recht positiv nutzen können. Unser Livestreams finden viel Beachtung und wir erhalten ausschließlich positive Rückmeldungen. Zudem hat es uns die Möglichkeit gegeben mit vielen lokalen Künstler*innen zu sprechen, sich so besser kennenzulernen und so hatten wir über diesen Zeitraum, natürlich arbeitsbedingt, viele soziale Kontakte. Und wie viele wissen ist hierdurch unser Projekt „Haralds Kollektivgarten“ im Weißenseepark daraus entstanden.  (Anmerkung der Redaktion: ein Biergarten im Sommer mit elektronischen Beats. Der Name Harald an Anlehnung an Harry Klein)

Was hat euch über Wasser gehalten?
Aus finanzieller Sicht vor allem die Überbrückungshilfen durch den Bund und den Freistaat Bayern. Aber auch durch die 416 Unterstützer*innen unserer Corona-Crowdfunding-Kampagne, die uns z. B. ermöglicht hat auch noch im Juni 2020 unser jährliches Marry Klein Clubfestival als Livestream durchzuführen. Unsere Vermieterin zeigte sich ebenfalls entgegenkommend, sowie die vielen Möglichkeiten Kosten zu stunden bzw. weitestgehend zu reduzieren. Natürlich hat man trotzdem Geld verloren und es bleibt fraglich ob das je ausgeglichen werden kann.

Was für mich jedoch viel wichtiger ist, sind die vielen kleinen Erfolge, die in dieser Zeit zu verbuchen sind. So freut es mich z. B. sehr, dass die BR-Kultursendung Capriccio zwei Livestreams aus dem Harry Klein übertragen hat und wir laut Redaktion eine erstaunlich hohe und gute Ressonanz hat. Das gibt mir Hoffnung, dass die elektronische Musik in Zukunft noch stärker als kulturelles Gut anerkannt wird.

Plant ihr eine Konzeptänderung für euren Club (z.B. reinen Barbetrieb o.ä.), um besser über die Runden zu kommen?Nachdem wir am 12.03. bereits geschlossen haben, starteten wir am 18.03. mit dem ersten Livestream. Ich glaube schneller konnte man kaum agieren. Eine Konzeptänderung in Form einer Nutzungsänderung kam für uns bisher nicht in Frage. Wir sind ein Club und keine Bar. Bei uns hört und spürt man die Musik. Das soll so bleiben.

Wie bewertest du das bisherige Vorgehen der Politik und was wünschst du dir künftig von der Exekutive?
Ich meine die Politik agiert innerhalb ihres aktuellen Wissens und zeigt sich krisenfest. Da mag die ein oder andere Entscheidung vielleicht nicht immer schmecken, jedoch sehe ich persönlich die Werte unserer Gesellschaft hierdurch gestärkt und ich bin sehr glücklich darüber in einer so standhaften Demokratie zu leben. Mein Wunsch wäre es ein wenig besser zu differenzieren. Ich fürchte jedoch, dass dies an den Kapazitäten scheitert und dafür habe ich Verständnis. Und natürlich erwarten wir, also die vielen Kulturbetriebe, dass die Überbrückungshilfen so lange fortgesetzt werden, wie uns diese Einschränkungen auferlegt werden.

Was hast du in der Corona-Krise für dich gelernt?
Ich kann jetzt ein paar leckere Gerichte mehr zubereiten, wie z.B. Kaspressknödel. Aber im Ernst: vom Clubbetreiber wurde ich zum Livestream-Produzenten. Das war spannend. Sich umzustellen und auf Sicht zu fahren, anstatt langfristig zu planen war und ist ebenfalls eine neue Erfahrung. Und das der Mensch in Krisen zu mehr Leistung befähigt wird. Ich kann mich zudem nicht erinnern, je in einer so außergewöhnlichen Lage gewesen zu sein. Zur Zeit der Ölkrise in den 70gern war ich noch zu jung und das zu verstehen.

Wird das Münchner Nachtleben jemals wieder so werden wie früher?
Nein, aber das muss es auch nicht. Die Welt ist immer schnelllebiger. Da gehört es dazu sich anzupassen. Wer das erwartet ist in meinen Augen schon etwas träumerisch unterwegs. Es wird sicherlich Pleiten geben und es werden neue Möglichkeiten entstehen. Ich sehe das als eine positive Entwicklung unserer Nachtökonomie in der Stadt. Die lokale Politik hat zudem endlich erkannt, wie wichtig diese Kultur für alle ist und wir arbeiten jetzt daran dies in die richtigen Bahnen zu lenken.

Wie können euch eure Stammgäste momentan am besten unterstützen?
Vor allem in dem sie unsere Livestreams beachten, die ja auch „In München“ über die Facebook-Seite teilt. Wir haben einen Shop, in dem man ein paar schöne Goodies kaufen kann und vielleicht starten wir demnächst nochmal eine Crowdfunding-Kampagne. Am liebsten wäre es uns jedoch, wenn sie uns einfach gewogen bleiben. Wir kommen zurück und werden es, unter welchen Auflagen auch immer, gebührend feiern.

Krake Bar und Events von Wild Warehouse / Dominic Mölzl & André Resch

Dominic Mölzl & André Resch von der Krake Bar und Eventveranstalter von Wild Warehouse

Seit etwa 250 Tagen hat uns Corona fest im Griff. Welche Gefühle löst das bei euch aus?
Dominic Mölzl: Wir sind, wie viele andere auch, der ständigen Berieselung durch die Medien überdrüssig. Der Stillstand, die Existenzangst und die Planungsunsicherheit machen durchaus depressiv.

Wie habt ihr die Lockdown-Zeiten bisher überstanden? Was hat euch über Wasser gehalten?
André Resch: Wir sind den Weg nach vorne angetreten und haben versucht, durch virtuelles Business und kreative Konzeptanpassungen (zumindest in den Monaten, in denen wir Teilgeschäft machen konnten) finanzielle Löcher zu stopfen. Einen großen Anteil, dass wir uns im Sommer über Wasser halten konnten, hatte der Erfolg unserer Sommer-Location „Upside Summer“ zusammen mit den Betreibern der Eventlocation Upside East, Irina und Renée Arndt.

Wie bewertet ihr das bisherige Vorgehen der Politik, speziell auch die aktuellen Hilfsangebote?
Mölzl: Krisenmanagement hat im Politik- oder Wirtschaftsstudium maximal Wahlfach-Charakter. Auch wenn man sich als Außenstehender immer sehr leicht mit Kritik tut, denken wir, dass Politik – aufgebaut auf Angst und Verboten – nicht der richtige Weg ist, aus einer Krise zu führen bzw. diese zu managen. Bezogen auf die Hilfen, wurde am Anfang der Krise aktiv gearbeitet und auch schnell gehandelt, Stichwort Soforthilfe. Vom ersten Topf der Überbrückungshilfe aber sind nach unserer Kenntnis knapp zwei von 40 Milliarden ausgezahlt worden. Verhungert an der Bürokratie – so etwas darf einem souveränen Staat wie unserem nicht passieren.

Deswegen bleibt für uns das derzeitige Hilfsangebot, welches im übrigen noch immer nicht beantragbar ist und auch zu versteuern sein wird, nur ein Angebot, solange es nicht schnell und unbürokratisch ausgezahlt ist. Sollte dies geschehen und auch in der prozentualen Höhe für den Dezember gelten (so dass dieser auch für die Gastronomie ein „Zero Profit“-Monat bleiben wird), ist unserer Branche wirklich geholfen und sie hat eine Chance weiter zu leben.

Was wünscht ihr euch für die nächsten Monate von der Exekutive?
Resch: Transparenz, keine Eitelkeiten der Entscheider, weniger „Politik“, mehr kluges und verständliches Handeln, weniger Angst und Doppelmoral, Gleichbehandlung der verschiedenen Sparten. Letztendlich: Mehr Kopf, weniger Kehlkopf!

Was habt ihr in der Corona-Krise für euch persönlich gelernt?
Mölzl: Dass Netflix auch seine Grenzen hat.

Wird die nächtliche Münchner Barkultur jemals wieder so werden wie früher?
Resch: Das Wichtigste für eine sozial funktionierende Gesellschaft waren schon immer Brot und Spiele. Es gibt bestimmt ein paar Anpassungen, Wechsel und Verbesserungen. Aber ja – wir werden uns bei guten Drinks, Musik und feinem Essen wieder in den Armen liegen, unsere große Liebe kennenlernen, die besten Geschäftsideen haben, Freunde fürs Leben finden und unser Leben genießen. 

Wie können euch eure Stammgäste momentan am besten unterstützen?
Indem sie uns nicht vergessen, uns in den sozialen Medien nennen, sich an die guten Zeiten erinnern und mit uns die größte und längste Party feiern, sobald wir wieder aufmachen. 

Interviews: Corina Kaiser und Alex Wulkow

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