Interviewreihe

Seit 250 Tagen im Shutdown - Stimmen aus dem Münchner Nachtleben

Michi Kern (Utopia) und Peter Wacha (Rote Sonne)
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Michi Kern (Utopia) und Peter Wacha (Rote Sonne)

Im ersten Teil unserer Interviewreihe aus dem Münchner Nachtleben haben wir gleich zwei legendäre und umtriebige Betreiber befragt: Michi Kern von der Eventlocation Utopia in Schwabing und Peter Wacha vom Club Rote Sonne am Maximiliansplatz.

Seit fast genau 250 Tagen ist das Münchner Nachtleben coronabedingt nahezu zum Erliegen gekommen. Am Freitag den 13. März gaben die meisten Clubs ihre vorübergehende Schließung bekannt und Veranstaltungen wurden abgesagt. Zeit für uns die Betreiber und Veranstalter aus dem Münchner Nachtleben zu ihrer Situation, aber auch zu ihren Gefühlen und Hoffnungen zu befragen.

Interviewreihe: Seit 250 Tagen im Shutdown - Stimmen aus dem Münchner Nachtleben

Hier gehts zum zweiten Teil mit Oliver Reif vom Crowns Club und Barbetreiber Max Gradl (Ory, Herzog, Kubaschewski) / Hier gehts zum dritten Teil mit World League-Veranstalter Tom Hilner (Greenfields, u.a.) und Call me Drella-Head Martin Putz / Hier gehts zum vierten Teil mit Harry Klein-Macher Peter Fleming und Eventveranstalter von Wild Warehouse und Betreiber der Krake Bar, Dominic Mölzl und André Resch / Hier gehts zum fünften Teil mit Michael Perlinger von der Milchbar und Alexander Kaufmann vom Bar-Restaurant Jams

Veranstaltungsort Utopia / Michi Kern

Michi Kern betreibt die Eventlocation UTOPIA in Schwabing

Seit etwa 250 Tagen hat uns Corona fest im Griff. Welche Gefühle löst das bei dir aus?
Ich bin im Krisenmodus – also relativ wenig Gefühle und viel Funktionieren. Volle Konzentration auf die Projekte und Unternehmungen. Tatsächlich finde ich jedoch, dass wir relativ gut durchkommen. Der Blick auf andere Länder und die Situation vieler anderer Menschen verbietet mir sowieso das Jammern.

Wie habt ihr die Lockdown-Zeiten bisher überstanden? Was hat euch über Wasser gehalten?
Unseren Unternehmen hat die Soforthilfe, das KUG, die Corona-Kredite und die Überbrückungshilfe sehr geholfen. Ohne all das hätten wir uns nicht über Wasser halten können. Ansonsten haben wir überall Glück mit unseren Vermietern.

Plant ihr eine Konzeptänderung für eure Hallen, um besser über die Runden zu kommen?
Wir haben im Moment auf ein reines Vermietungsgeschäft umgestellt: alles ohne Publikum, ohne Gastro. Damit kommen wir irgendwie durch. Sobald es geht, kehren wir allerdings gerne zum Publikum zurück.

Wie bewertest du das bisherige Vorgehen der Politik, speziell auch die aktuellen Hilfsangebote?
Ausgesprochen gut. Klar gibt es viele Unsicherheiten, Widersprüche und auch Ärgernisse. Hier muss man diskutieren, nachbessern, feinjustieren, ... ist doch klar. Aber insgesamt wirklich gut. Allerdings fallen die Solo-Leute durchs Raster. Das muss sich schnell ändern.

Was wünschst du dir für die nächsten Monate von der Exekutive?
Von der Regierung oder von der Polizei? Darf man sich da was wünschen? Ich wünsch mir von uns allen, dass wir weiter vernünftig sind, durchhalten, zusammenhalten, Veränderungen möglich machen, flexibel sind, uns um andere kümmern ... all so was.

Was hast du in der Corona-Krise für dich persönlich gelernt?
Es geht auch ohne Alkohol und Sex, aber nicht ohne Zigaretten und Yoga.

Wird das Münchner Nachtleben jemals wieder so werden wie früher?
Hoffentlich nicht – es wird natürlich viel besser werden! Ab dem nächsten Frühjahr und Sommer feiern wir vier Monate draußen. Endlich sind alle Open Airs erlaubt, endlich eine Bar neben der anderen am Isarstrand, die ganze Nacht Musik, jeder Platz ein Dancefloor, ...Summer of Love.

Club Rote Sonne / Peter Wacha

Peter Wacha ist Mitbetreiber des Clubs ROTE SONNE am Maximiliansplatz

Seit 250 Tagen geschlossen, welche Gefühle löst das bei dir aus?
Inzwischen bin ich da eher gelassen obwohl wir im November mit einem kleinen Barprogramm neustarten wollten, betischte Tanzfläche, experimentelle DJ Sets, kleine Live Shows, und Klanginstallationen des neu angedockten NoDance Kunst-Event Teams ... Es ist ein Hin- und Her und schon auch mal frustrierend, weil halt jede Idee und Aktivität schnell wieder ins Leere läuft.

Wie habt ihr diesen Lockdown bisher überstanden?
Wie so viele mussten wir alle DJ und Live Bands absagen, verschieben, auf neue Dates setzen, wo keiner weiss, ob das dann auch läuft. Also viel Arbeit ohne Gewissheit. It is like it is - diese Pandemie ist ein historischer Break, der Lockdown war wohl richtig und auch jetzt ist er grossteils nachvollziehbar.... ja, Mitte März sind wir aus dem „Hamsterrad der Routine“ rausgeflogen und wie viele habe ich die einsetzende Entschleunigung genossen, die leeren Strassen, die saubere Luft, den schönen Frühling. Es war und ist eine gute Zeit, einmal inne zu halten und zu reflektieren, privat, gesellschaftlich und geschäftlich - wohin geht die Reise, was ist wirklich wichtig ....

Die Pandemie hat wieder viele Missstände, Elend und Ungerechtigkeiten sichtbar gemacht, ich hoffe dass wird nicht vergessen und endlich mal angepackt. Wir haben dann anfangs aus dem Club gestreamt und haben einige Konzertveranstaltungen wie F.S.K., Chicks On Speed, Astralleib, Sasebo, DJ-Gigs mit Dr. Motte und Radio Champagne auf die spacige „Sommer in der Stadt“ Bühne im Olympiastadion verlegen können, im Import Export musikalische Lesungen mit Ted Gaier (Goldene Zitronen) oder Gereon Klug´s Oil unterbringen können, die - Glück im Unglück - einen wunderbare Aussenfläche dazubekommen haben.

Was hat euch über Wasser gehalten?
Erstmal die unglaubliche Solidarität, die wir seitens unserer Stammgäste und vieler Freunde erfahren haben, das war mehr als berührend. Wir konnten Soli-Tickets und T-Shirts, ich glaube im Wert von fast 20.000 € absetzen... und klar, dank der Soforthilfen, der Überbrückungshilfe, dem Kurzarbeitergeld und dem Spielstättenprogramm des Freistaats konnten die wichtigsten Fixkosten abgedeckt werden und wir blieben von einer Insolvenz verschont. Ich finde, von staatlicher Seite wurde klug gehandelt, und auf Druck unserer Verbände wie dem Popbüro Bayern, dem VdMK oder der Livekomm gabs nun auch eine bessere Absicherung der Live-Musikstätten. Falls unsere Neustart Kultur Anträge durchgehen, gibt das auch Hoffnung für eben diesen Neustart 2021.

Plant ihr eine Konzeptänderung für euren Club (z.B. reinen Barbetrieb o.ä.), um besser über die Runden zu kommen?
Wir haben schon an eine Volksküche gedacht. Es gibt genug geniale Köche und Köchinnen im Umfeld, aber eine richtige Vollküche einzubauen, das war uns dann letztendlich doch zu teuer und vom Platz her schwierig. Wie gesagt, betischte Tanzfläche erstmal, Bier, Wein, BioZisch und Chips, tolle Musik, Filme, Konzerte, Lesungen, Kunst, das würden wir gerne ganz schnell auf die Beine stellen. Die Rote Sonne kann durchaus noch mehr ein stabiler Ort für wilde, intensive, authentische, grenz-auslotentende - durchaus diskursive - Musik bleiben.

Wie bewertest du das bisherige Vorgehen der Politik und was wünschst du dir künftig von der Exekutive?
Die Hilfen, wie vorhin beschrieben, waren und sind glücklicherweise existenzsichernd. Gefehlt hat anfangs aber wirklich ein Programm für all die Solo-Selbstständigen, all die Künstlerinnen, Techniker, Grafiker und so fort, die ohne Fixkosten keinen Anspruch auf irgendeine Hilfe hatten. Wirklich zynisch fand ich, dass Studenten/-innen einen Kredit aufnehmen
sollen, wenn sie in einer masslos überteuerten Stadt wie München nicht zurecht kommen. Wir mussten fast 40 junge Leute ausstellen, die eben mehrheitlich studieren und die auf das Geld aus dem Bar- oder Garderobejob angewiesen sind. Wir hatten auch keine Möglichkeit Ihnen in irgendeiner Form unter die Arme zu greifen, für Minijobber gibt`s kein Kurzarbeitergeld.

Ich hätte mir auch gewünscht, dass seitens des Gesetzgebers den Vermietern Mietabschläge oder Erlässe aufgezwungen worden wären ... stattdessen wird über die Überbrückungshilfen Staatsgeld nach oben durchgereicht. Vereinzelt gab es solidarische Vermieter, erfreulich zu hören: bei uns - wie bei den meisten - laufen die alten Mieten weiter, als wäre der Laden offen.

Ich halte es im Übrigen nicht richtig, die Bühnen, Kinos, Galerien, also all die Kulturbetriebe zu schliessen. Gleiches, die Restaurants. Hier wurde - bis auf wirklich wenige Ausfälle - vorbildlich gearbeitet, was die Hygieneauflagen betrifft. Jeder weiss das. Und nun im Winter sind die wenigen Plätze, wo man vielleicht mal den Kopf frei machen und wo mal durchgeatmet werden kann, geschlossen. Schlimm das.

Was hast du in der Corona-Krise für dich gelernt?
Wie wichtig Freundschaften sind, wenn nichts ablenkt. Und gelassen bleiben, und nicht dem Gemeckere zuhören, sondern flexibel bleiben, andere Wege denken und machen was möglich ist.

Wird das Münchner Nachtleben jemals wieder so werden wie früher?
Manchmal denk ich wirklich, wird es jemals wieder diese verrückten Stagediving Shows mit Schlachthofbronx oder HGich.T geben, schwitzender Dancefloor, Acid, Techno, Dubstep? Können die Leute jemals wieder so ausgelassen sein? Ich hoffe, dass alle Kulturbetriebe überleben werden… Was seit dem Kahlschlag der Nazis in den letzten 70 Jahren aufgebaut wurde, ist so wertvoll für unsere, eine diverse Gesellschaft - das darf einfach nicht sterben. Die Subkultur ist enorm wichtig und strahlt in die gesamte Gesellschaft hinein. Ich glaube, dass uns Corona noch länger begleiten wird und wir uns inmitten einer Zeitenwende befinden und alles nicht einfacher werden wird.

Wie können euch eure Stammgäste - neben eurem Merchandise-Artikeln - momentan am besten unterstützen?
Wir haben nach den grossen Solidaritätsbekundungen unserer lieben Gäste erstmal alle Arten von Sales oder Spendenfunktionen eingestellt. Wir stellen gratis Podcasts online. Wir bekommen ja Hilfen. Und wenns wieder eng werden sollte, melden wir uns. Hier nochmals ein grosses DANKE! an alle Förderer!

Interviews: Corina Kaiser und Alex Wulkow

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