Interview

(N)achtgefragt: Alicia Fricke

Alicia Fricke alias Alicea

Wir stellen jungen Persönlichkeiten der Münchner Kunst-, Kultur- und Partyszene acht Stichpunkte. Sie geben uns Einblick in ihr Schaffen – bei Tag und vor allem bei Nacht. Diesmal: Alicia Fricke alias Alicea.

Selbst noch Newcomerin und bereits Vorbild für weibliche Nachwuchs-DJs: Alicia Fricke (27) organisiert und begleitet mit dem DJ-Kollektiv WUT feministische Partys und monatliche DJ Workshops für Anfängerinnen und fördert Diversität in der Münchner Elektro-Szene. Als DJ Alicea spielt sie ihren liebsten elektronischen Soundmix aus House, Tech House und (Dub) Techno.

1. München

Als ich 2016 für ein Praktikum von meinem Studienstandort Bayreuth nach München zog, hab ich nur gehofft: „Oh, Gott, hoffentlich sind hier nicht alle Spießer.“ Doch schnell habe ich realisiert, dass man überall tolle, gleichgesinnte Menschen treffen kann. Oft bekam ich zu hören, dass ich mit meiner Lebensweise und Einstellung viel besser nach Berlin passen würde. Aber dort gibt es doch schon genug bunte Vögel! Viel schöner finde ich es ein Teil einer kleinen Subkultur in München zu sein. Ich habe hier während des Praktikums so viele tolle Menschen abseits des spießigen Klischees kennengelernt, dass ich im Anschluss unbedingt in München studieren wollte (a.d.R. Medienkulturwissenschaften an der LMU München). Mit Vorlesungen, Hausarbeiten schreiben und jobben hatte ich allerdings leider kaum Zeit für Hobbys oder soziales Engagement. Doch als ich dann mit dem Master fertig war und bei einer Medienagentur angefangen habe, hat sich das Ruder gedreht …

2. Eigenart

2018 habe ich ein Interview mit Julia Bomsdorf gelesen, der Gründerin von WUT. Darin hat sie erzählt, dass viel zu wenige Frauen in der Szene aktiv sind und einfach kein Gleichgewicht in Bezug auf Veranstalter, Produzenten oder DJs herrscht. Der Artikel hat mich total aufgewühlt, da ich selbst schon seit Ewigkeiten als Partygängerin in der Szene aktiv war und mir noch nie wirklich Gedanken über das Auflegen von Musik oder Feminismus im Nachtleben gemacht habe. In meinem Freundeskreis waren tatsächlich etliche DJs, aber darunter keine einzige Frau. Doch für mich war schnell klar: Das möchte ich auch machen! Was aber viele unterschätzen: Wie bei einem Musikinstrument ist dann erstmal viel üben angesagt.

3. Leidenschaft

Ich war anfangs noch nicht bereit öffentlich aufzulegen, aber ich wollte mich zusammen mit dem WUT-Kollektiv für eine Veränderung in der Nachtkultur einsetzen. Auf unseren Veranstaltungen spielen nicht nur DJs, wir versuchen auch mit ‚Awareness‘-Konzepten (a.d.R. engl. für Bewusstsein/Wahrnehmung/Achtsamkeit) ein sicheres und angenehmes Feiern zu ermöglichen. Das funktioniert so, dass wir in Zweier-Teams auf unseren Partys unterwegs sind und wachsam sind, ob jemand (sexuell) belästigt wird. Außerdem treten mit den Gästen in Kontakt, zum Beispiel durch unseren „feministischen Bauchladen“ mit Menstruationsartikeln, feministischer Literatur oder selbstgebackenen Vulva Plätzchen.

4. Bewegung

Seit August 2019 organisieren wir in Kooperation mit der Alten Utting monatlich DJ- Workshops für Anfängerinnen. Warum nur für Frauen? Wir wollen diese kostenlosen Kurse dafür nutzen, einen geschützten Rahmen anzubieten, wo keine Technik-Frage ‚zu blöd ist‘ und erste Möglichkeiten zur Vernetzung geschaffen werden. Mit der ersten Female Newcomer Open Decks Night am 31. Januar auf der Alten Utting wollen wir einen weiteren Schritt wagen. Hier können sich bereits erfahrene weibliche DJs mit professionellem Club-Equipment vor Publikum ausprobieren. DJ-Gigs sind sehr schwer zu bekommen, wenn man nicht vernetzt ist oder sich in einem Kollektiv engagiert. Somit entsteht in München eine neue Plattform für DJ-Anfängerinnen, um sich auszutauschen und Gleichgesinnte zu treffen.

5. Stillstand

Ich hoffe, dass es irgendwann ein Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern in der Nachtkultur geben wird. Dann wird es auch hoffentlich keine Vorurteile geben, wie, dass weibliche DJs nur wegen ihrem guten Aussehen gebucht werden und nicht wegen ihres Sounds. Im Moment sieht es aber eher danach aus, dass wir ein ganz anderes Problem haben: Das große Clubsterben in Berlin und München ist schon lange Realität und nun in den großen Medien und in der Politik angekommen. Ich hoffe, dass Clubs in naher Zukunft als Kulturstätten statt als Vergnügungsstätten betrachtet werden. Es muss in diesem Bereich dringend etwas passieren, sonst trifft es uns alle!

6. Stammplatz

Ein Stammplatz hat etwas von Einschränkung. Ich bin immer auf der Suche nach neuen ‚Abenteuern‘, deshalb liebe ich Zwischennutzungen und unscheinbare, aber spannende Orte. Ich fühle mich wohl in großen Städten, deshalb bin auch gerne zu Gast in Berlin. Aber zum Durchatmen flüchte ich gerne in die Natur, am liebsten in die Berge oder in die schöne fränkische Schweiz, meine Heimat.

7. Nacht

Die Nacht ist da, um sie zu genießen und abzuschalten. Dabei passiert jedes Mal eine kleine Verwandlung: Alltägliche Bürokleidung wird eingetauscht in Partyoutfit, das Smartphone bleibt in der Hosentasche und nur der Moment zählt. Zur späten Stunde passieren manchmal die unvergesslichsten Erlebnisse oder man trifft auf Menschen, die man tagsüber vielleicht nie kennengelernt hätte. Ob Tanzfläche oder DJ-Pult, es ist mein Zeitpunkt, um mich auszuleben.

8. Morgen

Ich hoffe, dass sich durch die DJ-Workshops und Open Deck Session viele Frauen ermutigt fühlen, den Stein ins Rollen zu bringen und selbst aufzulegen. Darum: Frauen, traut euch, den ersten Schritt zu machen!

Interview: Sabrina Witte

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