Ortsgespräch

Compost Records Gründer Michael Reinboth im Interview

Der Compost Records Gründer Michael Reinboth

Wo München nach großer weiter Welt klingt: Im boomenden Werksviertel schlägt das Herz von Compost Records.

Das ist das Zuhause für das stilbildende Label, das alle Partygänger mit dem langjährigen „Into Somethin’“-DJ, Musikkenner, Vinyl-Sammler und eben auch bestens vernetzten Klangtüftler Michael Reinboth verbinden. Zum vierteljahrhundertlichen Bestehen des Spezialhauses für Future Jazz, erlesenen House und Downbeat hat er mit „25 Jahre Compost Records“ eine wie üblich meisterlich handverlesene Sammlerbox herausgebracht, die es mit treuen Weggefährten wie Beanfield, Rainer Trüby, Kruder & Dorfmeister und Marsmobil wirklich in sich hat.

Herr Reinboth, 25 Jahre Compost: Wie hart trifft Sie der Schock des Historischen?
Och! Ehrlich gesagt hätte ich anfangs nicht damit gerechnet, dass das mal 25 Jahre gut gehen würde. Wenn ich jetzt zurückblicke, sieht das für mich schon wie ein kleines Lebenswerk aus. 25 Jahre lang eine Firma aufrecht erhalten, 25 Jahre diesen Job machen und so viele Platten rausbringen, das ist dann doch ganz enorm. Nochmal 25 Jahre schaffe ich nicht.

Wirklich nicht? Laufen etwa nicht schon heimlich die Vorbereitungen fürs 50-Jahre-Jubiläum an?
He, he: Ich glaube nicht, dass es dazu kommen wird. Ich bin jetzt knapp Sechzig. Da müsste ich ja schon ziemlich lange weiterarbeiten. Allerdings: Musik hält jung! Ich bin definitiv durch Musik, Ausgehen und Clubbing jung geblieben.

Na klar.

Vom Kopf her. Und von meiner Umgebung her, von den Leuten, mit denen ich arbeite. Ist ja eigentlich auch wurscht, ob ich noch 25 Jahre durchhalte. Ich mache mir derzeit eher Gedanken, an wen ich das alles mal übergeben werde.

Die Söhne sind noch zu jung?
Ich denke, die haben einen ganz anderen Musikgeschmack. Keine Ahnung, wie sie sich entwickeln. Vielleicht interessieren sie sich ja für mein Geschäft. Wäre schön, aber damit rechne ich nicht.

Was das Denken in historischen Abläufen angeht, haben Sie sich allerdings immer schon auch ein wenig selbst unter Druck gesetzt. Eine Ihrer Reihen heißt ja „Future Sound of Jazz“. Da müssen Sie ja die Zukunft jeweils vorhersehen, einholen und dann die nächste Zukunft vor Augen haben.
Die Serie lief auf Compost tatsächlich mit am erfolgreichsten. Und sie ist auch weiterhin noch ganz vorn dabei. Das vierzehnte Album ging im vergangenen Jahr raus. Ein halbes fünfzehntes habe ich auch schon in petto. Das Thema ist eben zeitlos – und kommt immer wieder. Zwischendurch gab’s zwar mal eine Phase, in der für drei oder vier Jahre kein „Future Sound of Jazz“ erschien. Dann war die Zeit plötzlich wieder reif dafür. Ich meine eben, dass ich noch jung genug bin und daher spüre, was draußen vor sich geht. Wenn genug geeignete Tracks da sind, dann gibt es wieder eine neue „Future Sound of Jazz“-Compilation.

Wie muss man sich bei Ihnen die Arbeit am Zusammenstellen einer guten Compilation vorstellen?
Man muss schon recht sorgfältige Entscheidungen treffen. Deswegen kann so was auch zwei bis drei Jahre dauern. Aktuell habe ich fürs nächste Album fünf bis sechs Tracks zusammen. Das ist aber noch keine Compilation. Ich bin halt sehr kritisch und wähle genau aus. Jede Sammlung muss etwas Besonders sein.

Aber was macht die gute Sammlung aus?
Es macht die Mischung aus raren Tracks aus, die nicht so bekannt sind. Also richtig ausgefallene Entdeckungen. Dazu müssen ganz neue Sachen kommen, damit das Ergebnis frisch ist. Und dann war bei mir immer auch etwas Älteres dabei. Solches Material ist schwer zu bekommen. Die Lizensierungsarie dauert dann oft auch noch mal ein Vierteljahr

Inwiefern? Weil nicht so leicht auszumachen ist, wer die aktuellen Rechte an den Songs hat?
Ich habe auf vielen Compilations auch Material aus den 80er oder 90er Jahren drauf. Da muss man erst mal den Lizenzgeber herausfinden. Der wechselt gerne mal. Oft sind die Rechte bei den ursprünglichen Labels verfallen. Dann muss ich den Künstler kontaktieren. So was kann dauern. Aber für die Auswahl der Songs sind diese älteren Dinge sehr wichtig. Ich stelle mir selbst immer im Vorfeld Playlists zusammen und vergebe dabei Sternchenwertungen. Bis dabei eine neue Platte inhaltlich so steht, dass ich sie herausbringen kann, vergehen schon mal zwei Jahre.

Jeder, der selbst Tapes aufgenommen hat, weiß ja, dass sich bei Song-Zusammenstellungen die Tracks vertragen müssen. Und dass sie zueinander in einer Spannung stehen sollten.
Na klar. Passendes gibt es viel. Aber die Mischung macht’s eben. Mit einem guten Ausgleich zwischen Underground, rarem Material sowie ganz neuen Sachen, die sich vielleicht sogar noch im Promo-Stadium befinden. Außerdem schaue ich schon auch im Internet nach, wie sehr die Songs verbreitet sind und wie sie bei den Fans aufgenommen werden. Wenn sie vielleicht mal auf Ablehnung stoßen, nehme ich lieber einen anderen Track. Es geht ständig ums Suchen und Finden.

Klar, es ist ein Klischee: Aber setzt sich da bei Ihnen das Mixtape-Komponieren fort, bei dem man einst mit heiligem Ernst und meist ziemlich verliebt für eine Freundin oder einen Freund aufgenommen hatte?
Das war früher schon Material für schlaflose Nächte. Und ist auch heute nicht einfach. Man muss das schon geschickt machen, dass man die Tracks in eine gute Reihenfolge setzt, so dass sich eine schöne Abfolge ergibt. Es ist eine gewisse Art von Kunst. Beim Verteilen auf die Vinyl-Seiten mit den unterschiedlichen Spielzeiten kommt allerdings noch Rechenarbeit dazu. Heutzutage kann man für die Liebste ja auch Playlists bei Anbietern wie Spotify erstellen lassen. Ich höre so was aber nicht – weil ich immer schon meine Tracks selber ausgesucht habe.

Wahrscheinlich steht ja auf Ihrer Feindesliste auch die „Shuffle“- Funktion, mit der man Songs beliebig durcheinander mischen kann.
Die würde ja jede Form von Dramaturgie wieder zunichte machen. Ich bin aber trotzdem auch ein Freund von Streams. Gut gemachte Playlists zu hören, kann ja durchaus für den einen oder anderen inspirierend sein. Für mich aber nicht. Ich höre mir lieber selbst Platten durch und stelle mir meine Auswahl zusammen.

Sich Leuten wie Ihnen zu überantworten, hat ja schon fast etwas mit einem Vertrauens - verhältnis zu tun. Auch wenn Sie als DJ arbeiten, vertrauen Ihnen die Partygäste ja, dass Sie sie nicht enttäuschen, schockieren oder leichtfertig von der Tanzfläche jagen.
Mein Beruf bringt definitiv auch etwas Pädagogisches, etwas Didaktisches mit sich. Das war immer schon so – auch bei der „Elaste“-Compilation. Oder eben auch „Future Sound of Jazz“. Ich wollte immer wieder zeigen: Hey, in diese Richtung kann Jazz eben auch gehen.

Und wie groß ist das Vertrauen zu den Kollegen an den Plattentellern?
Was DJs angeht: Von denen habe ich selbst schon so viel gesehen und erlebt, dass ich in der Regel ganz gut einschätzen kann, was an so einem Abend passieren wird. Deswegen gehe ich lieber zu diesen DJs, die mit ihrem Publikum eine Reise unternehmen und mehr Vielfalt im Kasten haben. Zwei Stunden ein House-Set zu spielen, ist schon ok. Oft finde ich das auch super. Und es gibt gute DJs für so etwas. Aber so richtig überraschend ist es eben nicht. Deswegen bevorzuge ich selbst Leute, die ein bisschen über den Tellerrund gucken, auch mal andere Genres auflegen, diese gut mischen und ihre Zuhörer überraschen.

Man kann sich der Musik natürlich auch übers Fachsimpeln oder übers Kategorisieren näheren. Bei Ihnen hat man oft den Eindruck, dass Sie gerne bestimmte Begriffe wie „Jazz“ oder „Soul“, die vermeintlich fest gesetzt sind, ein bisschen ausdehnen, um zu überprüfen, wie weit man damit gehen kann.
So etwas mache ich gerne.

Läuft man da nicht Gefahr, sich mit den ernsten Herren, etwa Gralshütern des reinen Jazz, anzulegen?
Genre-Definitionen sind ganz gut für Leute, die etwa in ihrem Laden das Fach mit „Fusion“, „Jazz“ oder von mir aus auch „Reggae“ mit Platten befüllen müssen. Dafür sind solche Etiketten praktisch – ganz klar. Allerdings war ich immer schon ein Freund von Hybriden. Ich liebe Stile, die mehrere Genres oder Welten in sich vereinen. Weltmusik, Clubmusik, balearische Musik, aber auch Techno- und House-Grooves: Solche Hybride haben mir immer schon am besten gefallen. Ich stehe für die Vereinigung von mehreren Welten. Deswegen stehe ich allerdings auch nicht für straighten Rock.

Wie schade!

Er hat einfach keinen Platz und keinen Raum für etwas anderes. Rock ist eben sehr dicht. Da kann man keine Ambient-Passage einbauen. Ich stand schon immer für Musik, die offen ist – und die von der Produktionsweise her die Möglichkeit bietet, noch etwas anderes einzubauen. Sei es ein Weltmusik-Sample, Stimmen oder Melodien, die von den Frequenzen gut reinpassen. Das ist „Compost“. Wir verbinden Dinge – Club-Musik, Live-Musik, Samples. Und was das Arbeiten mit Genres angeht: Für das Genre „Future Jazz“ waren wir durchaus maßgeblich. Unsere „Future Sound of Jazz“- und die „Into Somethin“-DJ-Reihe hat diesen Stil damals mit losgetreten.

Nie Sorge gehabt, ein paar junge Leute gleich von Beginn weg zu vertreiben, wenn man auf eine Platte auch „Jazz“ drauf schreibt? Kommt da nicht automatisch die Angst vor verrauchten Hinterzimmern voller Männer in dunklen Cordhosen?
Warum denn? Es gab Leute, die haben diesen Stil halt als „Lounge“ bezeichnet. Das finde ich aber schrecklich. „Lounge“ ist doch kein Genre, sondern ein Ort. „Lounge“ sagt ja nur, dass so Musik im Kaffeehaus gespielt wurde. Dagegen kann man allerdings nichts sagen: Wenn in Cafés gute Musik läuft, bin ich happy. Es gibt unter dem Namen „Lounge“ aber auch viel Schrott. Man muss die Spreu vom Weizen trennen. Es gibt aber auch beim Jazz viel Beliebiges und viel verwässertes Zeug. Wie immer: Man muss das Gute nur finden und vom Seichten trennen.

In einer Branche mit vielen aufgeblasenen Begriffen klingt ein Label-Name wie Compost schön bodenständig und organisch. Wie kam es denn eigentlich einst dazu?
Schon zwei Jahre, bevor ich damals das Label gründete, hatte ich den Namen schon im Hinterkopf. Ausschlaggebend war damals, dass ich in der sogenannten Dotcom-Zeit startete.

Als Internet das große Hype-Thema wurde und viele neue Digitalfirmen aus dem Boden poppten.
Als ich die Firma startete, kam das Internet gerade auf. E-Mail hatte ich damals aber noch nicht. Wir hatten noch mit Faxen gearbeitet. Aber einen Computer hatten wir schon – auch Excel-Listen. Dann machten die ersten Dotcom-Firmen im Silicon Valley von sich reden. Und Apple kroch aus der Garage raus. Da passten wir mit der „Com“-Silbe im Namen gut dazu. Die steht ja für „kommunizieren“ und „Post“ fürs „senden“, aber auch fürs Verbinden. Fand ich immer spannend. Außerdem gab’s einen Fusion-Jazzrock-Act aus den 70er Jahren. Der hieß auch so, was mir gefiel. Und dann kam noch dazu, dass wir immer schon alte Sachen dazumischten: Es ging mir ums Fertilisieren und damit ums Kompostieren.

Auf dem Komposthaufen brodelt es ja auch.

Genau. Das steckt Kraft drin. Der wahre Grund für den Namen hatte aber mit einer damaligen Freundin zu tun, die kurz vor dem ersten Release zu mir ins Büro kam und mir etwas komplett Verrücktes erzählte: Sie stand so ein wenig auf Hexenkult. Und daher klärte sie mich auf, dass die Vereinigung der sogenannten „positiven“ Hexen, die sich alle zwei Jahre weltweit in Amerika treffen, „Compost Circle“ heißt. Das wusste ich nicht.

Ist ja auch nicht unbedingt Allgemeingut.
Hat mich aber sofort total begeistert. Der Hintergrund zum Namen der Hexen ist: Im Mittelalter kam es nämlich nicht selten vor, dass große Kompost-, Heuoder Misthaufen auf dem Land plötzlich explodieren konnten.

Wegen der Gärungen.
Unten im Haufen fanden chemische Reaktionen statt, es wurde heiß – und Energie wurde frei. Was genau ablief, konnten sich die Menschen damals aber natürlich nicht erklären. Und deswegen schrieb man den Spuk den Hexen zu – und verfolgte sie. Ich fand das echt spooky – und extrem spannend für mein Label. Schon damals hoffte ich: Vielleicht explodiert Compost auch!
Interview: Rupert Sommer

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