Ortsgespräch

Bernd Closmann: „Der Stachel sitzt tief“

Bernd Closmann

Existenzen stehen auf dem Spiel. Deswegen ließ er auf der „Dance for Dancefloor-Demo“ auf dem Gärtnerplatz Pappfiguren am Galgen baumeln. Bernd Closmann, DJ, Event-Manager und Co-Veranstalter der Mixcon, warnt vor dem Club-Sterben.

Herr Closmann, es gibt ja kaum einen Lebensbereich, der in den vergangenen Wochen und Monaten nicht komplett durcheinander gerüttelt wurde: Wie hart hat das Leben mit Corona Ihr Leben, Ihre Arbeit auf den Kopf gestellt?
Mich hat es gleich doppelt getroffen. Neben meiner Tätigkeit als DJ, der ich am Wochenende nachgegangen bin, war ich unter der Woche als Projektleiter für eine Eventagentur tätig. Aufgrund des Lockdowns und des Veranstaltungsverbots kann ich gerade keiner der beiden Tätigkeiten nachgehen.

Tanznächte in Clubs werden wohl noch lange nicht möglich sein. Wie sehr schmerzt es, dass von Seiten der Politik über die Sorgen der Nacht-Beschäftigten oft so oberflächlich hinweggegangen wird?
Der Stachel sitzt tief. Nicht nur, dass über die Probleme hinweggegangen wird, die ganze Branche wird mit Aussagen wie „Dann tanzen sie doch daheim mit ihrer Partnerin“ lächerlich gemacht.

Wer selbst schon lange nicht mehr in Bars oder beim Tanzen und Feiern war, dürfte die Existenzängste von DJs, aber auch von Technikern, Türstehern, Garderoben- und Putz-Kräften vermutlich komplett unterschätzen. Warum fällt es so schwer, das wahre Ausmaß der Krise sichtbar zu machen?
Leider hat sowohl die Veranstaltungsbranche als auch die Clubszene keine Lobby. Die meisten sind hier Einzelkämpfer und haben daher keine gemeinsame Stimme. Und der kleine 450-€-Job-Barkeeper wird sowieso nicht gehört. Zudem gibt es wenig Zahlen und Statistiken über die Clubkulturlandschaft. Zumindest für die gesamte Veranstaltungsbranche gibt es jetzt eine Erhebung. Nahezu 1 Mio. Menschen sind hier direkt beschäftigt und haben zuletzt für knapp 130 Mio. € Umsatz gesorgt. Deshalb ist es umso verwunderlicher, dass die sechstumsatzstärkste Branche Deutschlands so ignoriert wird.

Sie haben bei einer Demo auf dem Gärtnerplatz Galgen aufgebaut. Hilft nur noch Drastik?
Aus unserer Sicht ist es ein gutes Sinnbild. Viele Betriebe stehen vor dem Aus. Leider gibt es nur wenige, zielgerichtete Hilfsprogramme. Über Konzepte zur Wiedereröffnung wird von der Politik gar nicht erst nachgedacht. Das wird ein Clubsterben nach sich ziehen.

Immer mehr Club-Verantwortlicher und Party-Veranstalter legen ausgeklügelte Corona-Konzepte vor. Warum ist es so schwer, sie auch tatsächlich durchzuboxen?
Durchboxen klingt nach einer Chance, etwas zu bewirken. Leider werden derzeit alle Vorschläge abgelehnt. Wir haben den Eindruck, dass Ämter und Politiker selbst sehr verunsichert sind und keine Entscheidungen treffen wollen. Wer nichts abnickt, kann auch nicht verantwortlich gemacht werden. Mutige Vordenker wären wünschenswert.

Immer wieder wird ja der Vergleich mit der Lufthansa angeführt: Was schießt Ihnen durch den Kopf, wenn Sie Geschäftsreisende und Touristen dicht an dicht im Flieger, aber eben nicht im Club sehen?
Ich freue mich, wenn andere Lebensbereiche wieder zur Normalität finden. Bei mir besteht kein Neid, dass die Lufthansa die Leute wieder dicht aneinander setzen darf. Hoffentlich normalisiert sich das für die Clubs auch bald.

In besseren Zeiten konnten Sie sich den eher schönen Seiten des Club-Lebens widmen: Wie fühlt es sich eigentlich an, wenn man vom DJ und Event-Manager plötzlich notgedrungen zum Aktivisten wird?
Ich bin jemand, der gerne was macht und nicht einfach den Kopf in den Sand steckt und abwartet. Auch in schwierigen Zeiten muss man aktiv sein und auf Missstände hinweisen. Zeit ist ja jetzt da. ;-)

Letzte Frage, aus dem Nähkästchen: Was ist für sie der moderne Die-Schäffler-tanzen-wieder-Sound, der auf der großen Corona-endlich-vorbei-Party unbedingt gespielt werden müsste?
(lacht) Last Night a DJ saved my life?

Interview: Rupert Sommer

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