Buchtipps

Unsere Buchtipps für März

Spannende Literatur von Michel Houellebecq, Claire Thomas, Daniel Mendelsohn und Wolf Haas
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Spannende Literatur von Michel Houellebecq, Claire Thomas, Daniel Mendelsohn und Wolf Haas

Spannende Literatur von Michel Houellebecq, Claire Thomas, Daniel Mendelsohn und Wolf Haas

Michel Houellebecq - Vernichten (Dumont)

In Frankreich wurde der neueste Roman des literarischen Provokateurs gemischt aufgenommen, in Deutschland war sich die Kritik einig und sprach gar vom Meisterwerk. Angesiedelt im Jahr 2027 begleitet das 615 Seiten starke Buch den fünfzigjährigen politischen Berater Paul Raison in einer intensiven Lebensphase: beruflich befindet er sich mitten im Wahlkampf für seinen Arbeitgeber, Minister und Freund Bruno Juge, bevor eine Spin Docteur übernimmt und zeigt, wie es hinter den Kulissen der Macht zugeht. Privat hat er sich mit seiner Frau Prudence auseinander gelebt, der plötzliche Schlaganfall seines Vaters kittet nicht nur diese Beziehung, sondern auch die nicht ganz einfachen Familienverhältnisse zu seinen Geschwistern. Parallel dazu haben es Cyberterroristen auf das Land abgesehen, Wirtschaftsminister Juge wird zum Schein hingerichtet, real wird es bei der Zerstörung eines chinesischen Frachters. Dieses wunderbar klug erzählte Wechselspiel zwischen den Themen Terror, Wahlkampf und Familie ist zunächst höchst interessant, ersteres versandet aber irgendwann zwischen den Seiten, letzteres weist als Plädoyer für die Ehe, den Glauben an die Liebe und den Schutz der Alten ziemliche Längen auf. Im letzten Drittel des Buches wird es richtig ernst, als sich Paul mit einer Krebsdiagnose konfrontiert sieht. Wie immer spielt Michel Houellebecq sehr geschickt mit Realitäten – ob an der kryptischen Ankündigung „für mich ist es Zeit aufzuhören“ am Ende der Danksagung etwas dran ist, wird sich zeigen.

Rainer Germann

Claire Thomas - Die Feuer (Hanser)

Wer kennt nicht das Gefühl von Erschöpfung und Mattigkeit, wenn im Saal endlich das Licht abgedunkelt wird. Die Vorstellung beginnt, die Augenlider werden schwer, und die Gedanken beginnen zu wandern. Was auf der Bühne passiert, dient dann oft nur als Denkanstoß, um ganz andere innere Welten zu erkunden. So geht es auch den drei Protagonistinnen aus dem Roman der australischen Schriftstellerin, der gleich mehrere Gedankenströme in Gang setzt. Mit einem entscheidenden Unterschied: Es sind eigentlich reißende Sturzbäche, gefährliche Strudel über düsteren Untiefen. Literaturprofessorin Margot nimmt eine große Last mit in die Beckett-Vorstellung. Ihre Sorgen kreisen um ihre schmerzhafte Entfremdung – vom eigenen Sohn und vom zunehmend dementen Ehemann. Ivy war mal ihre Studentin, längst steht sie als reiche Erbin im Mittelpunkt, wird umschwirrt und hält die Kunst am Leben. Doch auch in ihr: Leere und ein sehr tief sitzender privater Schmerz. Dritte in der packenden Versuchungsanordnung ist die junge Platzanweiserin Summer. Sie wartet dringend auf eine Nachricht ihrer Geliebten. Doch die steckt in den umliegenden Bergen der Großstadt fest, wo schon länger teuflische Buschfeuer wüten. Im Theaterraum muss das Handy stumm bleiben. Auf der Bühne läuft „Glückliche Tage“. Kein Hohn, sondern ein ernstes Spiel. Claire Thomas gelingt ein sehr zeitgemäßer kluger Roman, der Fragen von Identität, Intimität und beklemmende Ängste nicht ausstellt, sondern nahbar macht.

Rupert Sommer

Daniel Mendelsohn - Flüchtige Umarmung. Von der Sehnsucht und der Suche nach Identität (Siedler)

Identity?! Dieses Buch wurde schon 1999 geschrieben, aber erst jetzt ins Deutsche übersetzt. Die fünf autobiografischen Essays sind Teil einer losen Trilogie, zu der auch „Die Verlorenen“, die Suche nach den im Holocaust umgekommenen europäischen Verwandten und die innige Vater-Sohn-Beziehung in „Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich“ gehören. Selbstbilder, Fremdbilder, das Ich, die Anderen, persönliche Narrative, alte Texte – und ihre Auslegung: Wer bin ich? Wer will ich sein? Denn Herkunft speist sich aus vielen Quellen, Bildern, Orten, Geschichten, die mal tradiert, mal gut erfunden, mal beschwiegen werden – oder sich ganz anders erzählen lassen. Mendelsohn, Jahrgang 1960, studierte Altphilologie, erkundet die Geschichte seiner Familie, osteuropäischer Juden, lebt in der New Yorker Schwulenszene, wird „Vater“ eines Kindes in einer Patchwork-Familie. „Men“, „de“, die altgriechischen Wortpartikel für „sowohl als auch“, „einerseits“, andererseits“ erlauben ihm ein angstfreies Denken, das forschende Erkunden all der Welten, die er glücklich zu den seinen macht. Mit einem (zu Recht enthusiastischen) Vorwort von Carolin Emcke. Auf Platz 2 der Sachbuch(!)-Bestenliste von ZEIT, ZDF und DLF

Hermann Barth

Wolf Haas - Müll (Hoffmann und Campe)

Jetzt ist schon lang nichts mehr passiert. Da denkst du schnell einmal, der Haas hat sich zur Ruhe gesetzt und lässt den Brenner einen toten Mann sein. Quasi Outburner. Oder der Brenner vielleicht im staatlich motivierten Dauerlockdown. Quasi Quarantänamo. Ob du es glaubst oder nicht. Der Brenner immer noch da. Weil wenn du einmal im Detektivischen bist, dann holt es dich immer wieder ein. Atridenfluch nichts dagegen. Jetzt hat der Brenner einen neuen Modus laborandi. Quasi Müllmann. Das habe ich jetzt nicht geschrieben. Weil so schnell kannst du gar nicht den Kopf einziehen, wie heutzutage ein Shitstorm daherwütet, wenn du ein falsches Wort sagst. Der Brenner in seinem orangenen Wertstoffmanager-Armani hätte das am liebsten auch gemacht. Aber wenn dein Kollege in der Elektroschrottwanne einen Kopf findet, dann klopft sofort das Detektivische an deine Tür. Jetzt denkst du vielleicht, der Wiener Feinsinnologe hat den Brenner zu oft recycelt. Dieser ewige Migränesandler hängt mir aus der Nase heraus wie ein vergessener Finger. Schnüffellegende hin oder her, sprich Überbrenner. Aber wenn du dir den neuen Haas ins Hirn montierst, dann merkst du ganz schnell, so rasant brettert dir kein anderer Autor über das Zwerchfell, frage nicht.

Jonny Rieder