Buchtipps

Unsere Buchtipps für Februar

Spannende Literatur von Edgar Selge, Sadie Jones, Barbara Frandino, Stefanie Sargnagel und Jaroslav Rudiš
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Spannende Literatur von Edgar Selge, Sadie Jones, Barbara Frandino, Stefanie Sargnagel und Jaroslav Rudiš

Spannende Literatur von Edgar Selge, Sadie Jones, Barbara Frandino, Stefanie Sargnagel und Jaroslav Rudiš

Edgar Selge - Hast Du uns endlich gefunden (Rowohlt)

Das Ich und die Anderen. Späte 1950er. Der 12-jährige Edgar lauscht den Gesprächen am Mittagstisch. Der Vater, Gefängnisdirektor, verhinderter Star-Pianist, die Mutter, leidlich Geige spielend, mit ihm verheiratet aus Pflichtgefühl. Vier Brüder. Alle paar Sonntage Hauskonzert, mit ausgesuchten Gefangenen als Publikum. Heimlich ins Kino. Ein zwanghaftes Spiel: Städte bombardieren, Rotterdam, London, Warschau. Im Bücherschrank: „Das Erlebnisbuch aus den Kämpfen um Monte Casino“, dem Vater in „tiefer Dankbarkeit übereignet“ von Generalfeldmarschall Kesselring und acht weiteren „Schicksalsgenossen“. Der Vater. Erzählt vom Krieg. Von den Partisanen in Weißrussland. Liebt Mozart, Beethoven … duscht heiß und kalt und stöhnt und schreit und schlägt den Sohn. „Ich will nicht einer sein, der den liebt, der ihn schlägt.“ Edgar Selge, der Charakterdarsteller, Jahrgang 1948, schrieb während der Pandemie sein literarisches Debüt. Erinnerung, Fiktion, Traum: „Hast Du uns endlich gefunden“, geträumte Begegnungen mit den Eltern, den verstorbenen Geschwistern, mit Raum, Zeit, Stimmen, Körpern. Ein exemplarischer, radikal persönlicher Text. Exzellent.

Hermann Barth

Sadie Jones - Die Skrupellosen (Penguin)

Dass sie sich so unauffällig heranschleicht, macht echte Beklemmung so teuflisch. Es sind zunächst nicht wenige Seiten flüssig geschriebener Großstadt-Pärchen-Prosa, durch die man sich pflügt, bevor dann doch jäh erste Verunsicherungen einsetzen. Therapeutin Bea und ihr Mann Dan, ein Makler, führen ein unauffälliges Alltagsleben in London, nicht so durchgeknallt, wie man es aus aufgekratzten Yuppie-Komödien kennt, sondern eher bescheiden und bodenständig, aber nicht ohne Hoffnungen. Ein solcher Traum ist der lange herbeigesehnte längere Europatrip, für den beide ihre faden Jobs pausieren und einfach mal mit einem klapprigen Peugeot nach Frankreich fahren. Doch schon der Besuch bei Beas Bruder Alex, der eigentlich nur ein Zwischenstopp werden sollte, gerät so ganz anders als geplant. Der Ex-Junkie und routinierte Trinker wollte eigentlich ein kleines Land-Hotel eröffnen. Aber: Das Haus ist eine Bruchbude, an eine Gäste-Bewirtung ist nicht zu denken. Alex kümmert das wenig. Er führt ein zügelloses Leben – und ist plötzlich tot. Ein schrecklicher Auto-Unfall und Ausgangspunkt einer Odyssee durch die zunehmend kafkaesken Institutionen. Die französische Polizei, die eigentlich helfen sollte, gibt sich wortkarg und startet undurchsichtige Ermittlungen. Und als plötzlich Beas Eltern am Tatort auftauchen, bekommt die Fassade des Bürgerlichen immer mehr Risse. Horror beginnt im Kopf. Und dort setzt er sich bei Meisterautorin Sadie Jones hartnäckig fest. Verstörendes – zum Weg-schmökern.

Rupert Sommer

Barbara Frandino - Das hast du verdient (Folio)

Barbara Frandino ist eine italienische Journalistin, Drehbuchautorin, Produzentin und Autorin von Dokumentarfilmen. In ihrem neuen Roman erzählt sie von einem gut situierten Paar in der Mitte des Lebens, plötzlich schlägt Enttäuschung in Kälte und Hass um. Ein Unfall ist das Vorspiel: Antonio steht auf der Leiter, die an einem Granatapfelbaum im Garten lehnt, und verliert plötzlich den Halt. Claudia sieht, wie er schwankt, zu Boden fällt und nicht wieder aufsteht. Sie kehrt zurück ins Haus, beginnt auf - zuräumen, dann ruft sie einen Krankenwagen, fährt nicht mit in die Klinik. Geht in eine Bar, erst später zu ihrem Mann. Der Arzt erzählt was von zu später Erstversorgung, Antonio liegt im Bett wie eine Leiche, um Jahre gealtert, Diagnose Schlaganfall. Nach und nach seziert Frandino Szenen einer Ehe: die glücklichen Jahre des Kennenlernens, eine alltägliche Ehe könnte man meinen, aus Liebe wird Gewohnheit. Eine Affäre seinerseits mit einer jüngeren Frau zeugt eine Zweitfamilie, eine Affäre ihrerseits mit dem behandelnden Arzt fühlt sich an wie Rache. Nachdem Antonio wieder nach Hause kommt, beginnt ein Stellungskrieg zwischen Haus und Garten – ohnmächtig den ersten Schritt in eine Art Freiheit zu tun, belauert das Paar sich gegenseitig. Barbara Frandino erzählt klug und spannend die Geschichte einer Verletzung aus weiblicher Sicht und zeigt in ihrem kurzen Roman eine kühle Eskalation zwischenmenschlicher Entfremdung, die den Leser nachhaltig beschäftigt. Wir verlosen hier drei Bücher.

Rainer Germann

Stefanie Sargnagel - Dicht. Aufzeichnungen einer Tagediebin (Rowohlt)

Wer die Welt dauerhaft schön saufen oder dopen will, braucht Kondition. Das heißt: Training, Training, Training. Möglichst schon in der Kita anfangen. Und: Eigeninitiative ist gefragt. Anders als beim Fußball mangelt es in dieser Disziplin an Talent-Scouts und Coaches, die Rausch-Begabte fördern. Stefanie Sargnagels Rückblick auf ihre Prä-Matura-Jugend füllt diese Lücke. Eine postpädagogische Anleitung zum Dichtsein. Bier-Dosing, Couch-Kiffing, Wegchilling, Power-Beisling. Halt, was so ansteht, wenn das Ambitionsnavi nicht Richtung Rolex-Protzing und Career-Laddering lenkt. Eh klar: Jeder weggequalmte Joint, jedes weggesoffene Dosenbier ist eine Lichtjahre leiwandere Investition als die Fake-Bildung, die dir die fucking Zwangsformatierfabrik Schule in die Rübe penetriert. Respekt. Vor allem vor Sargnagels Heldenleber, die ohne Mucken eine gefühlte 80-Stunden-Woche wegrobotet wie ein ägyptischer Pyramidensklave. Ist jetzt nicht die Krönung der Sargnageleien. Dazu plätschert das Gschichterl bissel arg vor sich hin. Spruchsammlungen liegen ihr mehr. Schön ist, dass sie in diesem Anti-Analog-Leben viele Ausdermonikamustermannschablonenfaller aufpflückt. Quasi Sozialarbeit ohne Arbeit.

Jonny Rieder

Jaroslav Rudiš - Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen (Piper)

Man kommt ja kaum raus dieser Tage. Doch zum Glück findet man in Jaroslav Rudiš einen Gleichgesinnten, der auch als Lehrmeister der Gelassenheit weiterhelfen kann. Der in Tschechien aufgewachsene, in Berlin lebende Journalist, Romanschreiber, Drehbuchautor und Dramatiker ist ein altmodischer Weltbürger, wie man ihn gerne zum Freund (und als Reisebegleiter) hätte. Er hat die Fähigkeit, sich auf die Langsamkeit einzulassen. Und als Enkel eines Weichenstellers, als Neffe eines Fahrdienstleiters und Vetter eines Lokführers war es vermutlich tatsächlich unausweichlich, dass er zum Eisenbahnliebhaber wurde. Seine Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen“ ist ein herrliches Sedativum, das man am besten mit ganz viel dunklem Bier runterspült – auf einer soliden Gulasch-, Würstl- und Mehlspeisen-Grundlage. Vom Schienenphilosophen Rudiš kann man nicht nur lernen, wie man die Poesie alter Fahrplanfolianten wiederentdeckt und wie man sich die Erotik der Nachtzüge, die Vielsprachigkeit eines letztlich doch sehr kleinen Kontinents sowie nicht zuletzt die unerwarteten Genüsse eines gut geführten Speisewagens erschließt. Im ruhig dahinratternden Takt der Eisenräder geht es von Sizilien hinauf nach Lappland, bis in die hinterste Ukraine und immer wieder über die Semmering-Bahn an die Adria. Unterwegs erzählt das Buch von Land, Leuten und einem kulturellen Zusammenhalt, den man bald schon wieder erleben möchte. Bitte einsteigen beim Sofa-Express!

Rupert Sommer