Ortsgespräch

Désirée Opela: „Verschrobene Künstler-Sandler-Gemeinde“

Wie einst Helmut Dietl: Désirée Opela erzählt sich neue Münchner Geschichten

Mit ihrem Nachtlebenroman „In Limbo“ misst die junge Münchner Autorin Désirée Opela der Szene den hibbeligen Puls

Es ist ein Kommen und Gehen. Ein Treiben, Trinken und Ablabern. Schon lange hat kein Schriftsteller das Mäandrieren von jungen Leuten durch die Kneipen – und das Verlorensein – so gekonnt beschrieben wie Désirée Opela. Für die Vorbereitung der nächsten Exzesse sollte man sich ihren bei Faber & Faber erschienenen Roman „In Limbo“ noch mal zur Brust nehmen.

Wenn man Ihr Buch liest, kommt man ganz schön rum in München und im Nachtleben. Ich hoffe, Sie haben für die vielen Besuche im Café Kosmos oder in der Milchbar wenigstens einen Spesenzuschuss vom Verlag bekommen?
Das wäre nicht schlecht gewesen. Ich habe stattdessen meine Münchner Erlebnisse ausgebeutet. Mich hat schon immer interessiert, wie die Leute sprechen und wie sich die Szene aufbaut. Es geht mir darum zu untersuchen, wie sich Szenen auch über ihren Duktus und ihre Ausdrucksweise etablieren und welchen Diskurs sie führen.

Dabei sind Sie ja tief eingetaucht.
Ich finde, es gibt wenige aktuelle Bücher über München. Das hat mich durchaus gewundert, weil es ja eine Stadt ist, die nie an Reiz verliert – trotz der Knappheit an bezahlbaren Mietwohnungen und der Schwierigkeiten, sich hier finanziell über Wasser zu halten. Ich wollte einfach sehen, was in der Stadt passiert und wie sich die Leute verhalten. Wie können sich junge Menschen in dieser Stadt konstituieren und sich selbst finden?

Gut zuhören und sich gut erinnern können: Das waren schon immer Qualitäten, die Désirée Opela ausmachten. Sie studierte Komparatistik an der LMU und war bis 2014 Mitglied der Schreibwerkstatt des Instituts, die sie vier Semester lang leitete. Ihr scharfer Blick auf ihre Heimatstadt ist allerdings auch ein Blick zurück: Von 2014 bis 2016 studierte sie Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig – und vermisste München sehr. Mit „In Limbo“ hat sie auch ihren Lieblingskneipen und -clubs ein Denkmal errichtet.

Das Zeugnis, das sie den Ausgehwilligen im turbulenten Nachtleben ausstellen, ist ja auf der Oberfläche durchaus charmant. Es wird ja viel gesprochen. Normalerweise vermutet man das gar nicht, dass es überhaupt zu tiefergehenden Gesprächen über Kunst und die Gesellschaft kommt, wenn junge Leute auf die Piste gehen und an einer Bar hängen.
Man muss schon genau lesen, was dort wirklich gesprochen wird. Es wird viel geredet – stimmt! Aber das Gespräch bedient, wie ich finde, gewisse Codes. Was bleibt unter dem Strich schon stehen?

Viele reden aneinander vorbei. Oder blasen sich auf.
So ist es. Mein Thema ist schon auch die Frage, inwieweit Kommunikation überhaupt stattfindet. Oder ob es Punkte gibt, an denen Sprachbarrieren unüberwindbar sind.

Auf einer Picknickdecke im Englischen Garten kann man sich solche Gespräche schon vorstellen. Auch in einem Seminar an der Uni. Oder im Atzinger nach einem Vorlesungsabend. Aber nicht im Harry Klein.
Das Harry Klein kommt ja explizit nicht vor. Mir war es bei den anderen Clubs und Bars schon wichtig, dass sie größtenteils benannt werden. Ich hoffe schon, dass man beim Lesen meines Romans München als topografisches Netz ein stückweit ablaufen kann.

Ihre jungen Leute sind wirklich andauernd viel unterwegs.
Von einem Laden zum anderen. Der einzige Ort, den ich verwende, der fiktiv ist, ist der Fuchsbau.

Da muss man etwas grübeln. 
Das ist für mich ein Artefakt, ein utopischer Ort. 

Warum?
Es sollte ein Raum sein, der München verloren gegangen ist. Durch die ganze Gentrifizierungsbewegung. Deswegen ist er fiktiv.

Das Fuchsbau-Haus als Gebäude kennt man allerdings.
Dort ist im Moment leider nicht viel los. Ansonsten nutze ich schon reale Orte.

Und reale Meinungen über Kneipen. Ins X kann man nicht mehr gehen, sagt jemand im Roman. Keine Sorge, dass Sie dort schief angesehen werden, wenn Sie privat mal wieder ein Bier trinken gehen?
Nicht wirklich. Ich finde schon, dass sich viele Orte in München aus meiner persönlichen Erinnerung heraus stark verändert haben. Natürlich wandelt sich der eigene Bezug dazu mit der Zeit – auch zu gewissen Vierteln. So was passiert ganz unwillkürlich. Eine Stadt verändert sich mit der Gesellschaft, die dort lebt. Ich bin aber immer noch ständig auf der Suche nach neuen Orten. Und außerdem fasziniert es mich, mir meine früheren Lieblingsorte anzusehen und zu analysieren, wie sie sich verändert haben. Das ist immer einen Blick wert.

Es gibt tatsächlich nicht so viele neue München-Romane, die der Stadtgesellschaft den Puls messen. Wahrscheinlich sind für jemanden, der über die Stadt schreibt, immer die „Monaco Franze“-Geschichten von Dietl eine Folie. Bei Ihrem Roman hatte ich allerdings oft auch an die Klaus-Lemke-Filme denken müssen.
Das liegt daran, dass mein Personal ja immer auch gern durch die Maxvorstadt zieht und an der Kunstakademie herumhängt. Lemke holt sich seine Leute dort ja auch buchstäblich von der Straße. Finde ich sehr spannend.

Die Kunstakademie ist in Ihrem Roman so etwas wie ein Gravitationszentrum. Wie kommt es dazu? Ist das ein Ort, an dem stärker über das Leben in der Stadt nachgedacht wird?
Damit würde ich vorsichtig umgehen. Mich hat interessiert, warum die Akademie für viele so ein Faszinosum ist. Dort werden Filme gedreht. Leute fotografieren sich vor Ort. Sie ist ein Treffpunkt für Leute, die überhaupt nicht an der Akademie studieren. Sie ist zu einem echten Szeneort geworden.

Zumindest früher stiegen da ja auch legendäre Partys.
Sehr wichtig. Ich kenne aber auch Leute, die dort studieren und den ganzen Rummel kritisch sehen. Es ist leider offenbar unvermeidlich, dass sich in Szenen immer exklusive Blasen mit Verschworenen bilden. Solche Leute entwickeln dann ihren eigenen Diskurs und bewegen sich nur noch unter vermeintlich Gleichgesinnten. In solche Blasen kann man nur vorstoßen, wenn man die Erwartungen der anderen dort bedient. Oder man bleibt halt außen vor. Das ist für mich ein häufiges Phänomen in München und an Kunsthochschulen im Allgemeinen.

Sprache ist bei Ihnen oft der Schlüssel zum Zugehörigkeitsgefühl – und als Ausschlusskriterium. Wenn andere Romane Jugendlichen zuhören wollen, verrennen sie sich bei deren Sprache ja auch mal ziemlich schnell.
Das war schon ein Wagnis für mich. Die Schwierigkeit an der Arbeit mit Sprache generell ist für mich, nicht nur zuzuhören, was gesagt wird, sondern die darunter liegende Struktur zu verstehen. Worüber will man sich eigentlich verständigen und wie wird es gemacht? Und funktioniert es überhaupt? Ich will schauen, wie diese merkwürdigen Gespräche aufgebaut sind. Man kann ja tatsächlich komplett aneinander vorbeireden und trotzdem die Haltung eines Scheingesprächs aufrechterhalten. Ob mir die Wiedergabe immer gelungen ist, kann ich aber schlecht sagen. Wenn ich eine Generation getroffen habe, kann das wohl auch erst die Zeit zeigen. Und ich bin dabei auf den Leser angewiesen.

Auffällig ist ja auch, was bei Ihnen nicht vorkommt – die typische Münchner Schickimicki-Angebersprache etwa. Oder das affektierte Pseudo-Bairisch.
Ein bisschen Dialekt habe ich mir schon erlaubt. Aber mein Fokus lag eben nicht so sehr auf der Schickeria. Es ging mir um die etwas verschrobene Künstler-Sandler-Gemeinde. Das ist schon eher die Mittelschicht.

Weniger Harlaching oder Solln, mehr Wohlstandsprekariats-Kinder? Einige von Ihren jungen Szenegängern räumen im Roman ja tagsüber Regale im Supermarkt ein, um sich die langen wilden Nächte zu finanzieren.
Es ist eben ein bisschen ein Schizogramm von Wohlstandskindern, die eigentlich völlig verloren sind. 

Ein bisschen fasst das ja auch der Titel auf. „In Limbo“ ist ja nicht nur ein Radiohead-Song, sondern auch ein biblischer Begriff: Wenn man verloren in der Zwischenwelt feststeckt. Ist das Ihr genereller Befund über die Generation München, die Sie beschreiben?
Ich weiß nicht, ob das ein Generationsproblem ist. Es hat sicher mit einem zeittypischen Moment zu tun. Es geht aber auch um die Adoleszenz-Phase. Da hängt man immer dazwischen. Und die ersten Abgründe werden erkennbar. Man muss sich entscheiden, wie man auf die Welt und die Systeme, mit denen man konfrontiert wird, reagieren wird. Den Verstand zu verlieren, ist eine Möglichkeit. Oder man passt sich an.

Interview: Rupert Sommer

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