Ortsgespräch

Alex Rühle: „Je verrückter, desto besser!“

Alex Rühle, Interview
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Alex Rühle

Tagsüber „SZ“-Redakteur, nachts Kinderbuchautor: Aktuell hat Alex Rühle bei dtv sein neues Buch „Gigaguhl und das Riesen-Glück“ herausgebracht

Herr Rühle, Sie sitzen den ganzen Tag in der Redaktion. Was treibt Sie eigentlich an, nach einem langen „SZ“-Tag abends noch weiterzuschreiben?
Es ist ein völlig anderes Schreiben mit den Kinderbüchern. Ich habe damit angefangen, weil ich Schlafstörungen habe.

Ach so?
Ich wache einfach nachts sehr oft auf. Meistens zwischen drei und vier Uhr nachts. Anstatt mich zu wälzen, habe ich irgendwann damit angefangen, mich in unsere Küche zu setzen. Und dort vor mich hin zu denken – und dann auch zu tippen.

Im Dunkeln?
Eigentlich ja. Ein kleines Lämpchen schalte ich ein. Mehr nicht. Eines Nachmittags kam ich nach Hause und stand vor der Tür, als mir etwas auffiel.

Sie erzählen jetzt sicher gleich von Zippel, Ihrem „Schlossgespenst“ im Türschloss.
Wir haben tatsächlich so ein altes Schloss, ich wohne in einem der alten Häuser im Dreimühlenviertel. Es ist ein altes, ein wenig heruntergekommenes Haus, das zum Glück noch nicht rundum saniert ist. Mein Schloss hatte wirklich geklemmt. Plötzlich schoss mir das Wort „Schlossgespenst“ durch den Kopf. Ich dachte mir, ist ja witzig: Da könnte ja wirklich ein Gespenst drin stecken! In der folgenden Nacht wachte ich mit diesem Wort im Kopf auf. Und schon musste ich mit dem Schreiben anfangen.

„Zippel“-Fans dürften jetzt genau wissen, wie aus Ihrem Erlebnis Literatur wurde.
Die Eingangsszene mit dem Jungen Paul, der genau diese Szene erlebt, arbeitet man später natürlich noch hundertmal um. Aber der Anfang war getan. So ging’s los. Und die Geschichte hat sich von da an von selbst entwickelt. Aber was heißt: „von selbst“. Natürlich war es Qual! Nichts schreibt sich wie von selbst. Aber das war der Kern. Das andere Schreiben ist eher eine Wohltat für mich.

Warum?
Weil es eben anders als bei der Zeitung das verrückte Schreiben ist. Wir Journalisten feilen ja oft ganz lange an unseren Sätzen. Wenn nur eine Zahl falsch ist, ist der ganze Text falsch. Bei den Kinderbüchern ist das anders: Ich denke mir etwas aus. Je verrückter, desto besser! Es muss nur in sich stimmen. Aber so ein Buch muss nicht die Faktenwahrheit besitzen, wie wir sie täglich im Journalismus zu liefern haben. Für mich ist das Kinderbuchschreiben daher eher eine Ergänzung als ein Zusatz – und nicht einfach noch eine weitere Hausaufgabe.

Es gibt aber doch viele Journalisten, die vielleicht manchmal auch nur damit angeben, dass sie angeblich einen fertigen, selbstverfassten Krimi in der Schublade haben, in dem sie sich dann fiktional auch mal am bösen Chef oder den lästigen Kollegen rächen können. Wie kamen Sie denn auf die Kinder- und Jugendbücher?
Das war kein Plan. Ich habe auch mal vor zehn Jahren ein typisches Journalistenbuch geschrieben. „Ohne Netz“ über ein halbes Jahr Internet-Fasten, weil ich selbst auch Internet-süchtig bin. Noch so etwas wollte ich auf keinen Fall machen. Ich schreibe ja täglich dieses Journalismuszeug, in dem man gut argumentieren und sorgfältig recherchieren muss. Es gab einige Anfragen, noch einmal so etwas zu schreiben. Die habe ich alle abgelehnt.

Und warum dann Schreiben für Kinder?
Zu den Kinderbüchern kam ich, weil ich mir schon immer gerne Geschichten ausgedacht habe. Wer wie ich Kinder hat, muss ja auch andauernd vorlesen. Meine Kinder bestanden darauf, dass ich mir selbst Geschichten einfallen lasse. Und die mussten immer neu sein. Somit trainiert man ja auch seinen Erzähl- oder Fantasiemuskel. Meine Kinder sind mittlerweile groß genug, dass sie von meinen Geschichten nicht mehr viel wissen wollen. Jetzt kann ich die Freude daran anders kanalisieren.

Waren Sie als Vater mit tollem Geschichten-Einfallsreichtum nicht auch selbst besonders kritisch? Man möchte ja oft gar nicht alles vorlesen, was so geschrieben wird.
Furchtbar! Die guten Kinderbücher, die wir hatten, habe ich allerdings alle behalten.

Was durfte denn bleiben?
Die gesamten Astrid-Lindgren-Werke zum Beispiel stehen weiterhin im Regal. Aber irgendwann habe ich selbst den Schalter umgelegt: Dann fing ich an, die Geschichten aufzuschreiben, anstatt sie abends zu erzählen.

Die Faktenprüfer und die Vorgesetzten, die einem Journalisten in der großen Tageszeitung im Nacken sitzen, können durchaus anstrengend sein. Trotzdem wagen Sie sich ja an ein besonders herausforderndes Publikum – die jungen Leser. Die lassen sich ja auch nicht jeden Schmarrn vorsetzen.
Beim „Zippel“ waren meine eigenen Kinder schon aus dem Alter heraus, in dem sie selbst solche Geschichten hören wollten und dann entsprechend den Daumen senkten oder anhoben. Trotzdem habe ich sie den Text lesen lassen. Und da bekam ich viel Rückmeldung.

Welche denn?
Etwa: Dieser eine Witz ist schwach, der andere viel besser. Wichtig waren aber natürlich auch die Lektoren beim Verlag. Meine Kinder mit damals 12 und 14 waren schon ein ziemlich kritisches Publikum für mich. Zum Glück gab’s bei uns im Haus einen Buben, der damals im „Zippel“-Alter war. Seine Eltern mussten ihm mein Buch natürlich vorlesen. Und er fand’s erfreulicherweise nur super.

Tolles Feedback. Und für Sie tatsächlich ein Schreiben frei von allen Zwängen.
Wie wohltuend dieses andere Erzählen, dieses andere Nachdenken doch ist! Wenn man nachts schreibt, ist ja auch alles ganz anders gelockert. Da kommt mehr Sauerstoff an die Geschichten. Mit dem „Traumspringer“ habe ich ein Buch geschrieben, das sich eher an die Kinder ab zwölf Jahren richtet. Da steckt auch viel Fantastik drin. Und für mich war es eine Hymne an die Nacht und an die Traumwelt.

Wenn Sie nach so einer Session die halbdunkle Küche mit solchen Traumgestalten bevölkern, die Sie von Nacht auf Nacht liebgewonnen haben: Können Sie danach hoffentlich wenigstens gut schlafen?
Eine gute Nacht bedeutet für mich, dass ich von drei bis fünf schreibe – und danach noch mal zwei Stunden schlafe. So was passiert ja auch nicht jede Nacht. Aber das Schreiben im Dunkeln hat mir geholfen. Mit meiner Schlaflosigkeit muss ich leben. Und so geht’s ganz gut. Das kennt ja jeder selbst: Wenn man nachts wach liegt, sieht die Welt oft nicht so gut aus. Für mich ist es mit dem Schreiben besser, als mich hin- und herzuwerfen und schwarze Löcher in die Nacht zu stieren.

Haben Sie denn bei Ihren Nachtsitzungen eine Muse? Französische Existenzialisten hätten wahrscheinlich zum Zigarillo oder zum starken schwarzen Kaffee gegriffen?
Ich mache mir tatsächlich gern einen guten Kaffee, den ich sehr genieße. Dann bleibe ich aber auch komplett wach. Wenn ich damit um drei Uhr nachts anfange, betreibe ich ohne weiteren Schlaf zu viel Raubbau an mir. Danach kommt ja ein voller Redaktionstag.

Sie ballern sich für das private Schreiben nicht die Ferien zu, sondern schaffen es, regelmäßig in der Nachtschicht parallel zu schreiben?
Es gibt bei mir beides: das nächtliche Schreiben und dann auch mal konzentriert intensive Tagesphasen, die ich mir frei räume und an denen ich dann an den Büchern arbeite. Zuletzt hatte ich Geburtstag. Und da habe ich mir selbst eine fertige erste Fassung eines neuen Kinderbuchs geschenkt. Das war ein schönes Gefühl für mich.

Nach dem einen Zeitungsartikel steht meist gleich schon der nächste an. Wie stolz macht es Sie, wenn dann mal ein Buch fertig ist und im Regal thront?
Es gibt schon auch Artikel, die toll sind und auf die man richtig stolz ist. Allerdings gibt es ja beim Zeitungsschreiben so gut wie kein kollektives Gedächtnis. Ich werde immer wieder von Freunden darauf angesprochen, dass sie was von mir in der Zeitung gelesen haben – und dann gar nicht mehr genau sagen können, was es war. Ich lese mit den Kinderbüchern gern in Schulen, das ist ein starkes Erlebnis. Da bekomme ich so viel mehr Response. Besonders beim „Zippel“, der bei den Zweit- und Drittklässlern gut ankommt, weil das Buch sehr auf Humor angelegt ist.

Die dürften ganz schön Gas geben während der Lesung.
Für mich ist es die schönste Bezahlung, wenn die Kinder so mitgehen. „Traumspringer“-Lesungen sind ganz anders, weil es da um Suspense geht. Da wird es im besten Fall ganz still unter den Zuhörern. „Zippel“-Lesungen sind lustig, weil’s da immer rund geht.

Interview: Rupert Sommer

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