Neue Monacensia-Leiterin im Interview

Anke Buettner: „Eine Gegenwart ohne Gedächtnis gibt es nicht“

Anke Buettner, die neue Leiterin der Monacensia

Anke Buettner,die neue Leiterin der Monacensia im Hildebrandshaus, im Interview

Es ist der Ort, an dem die Schriften von Liesl Karlstadt, Frank Wedekind, der wilden Schwabingerin Fanny Gräfin zu Reventlow, von Ludwig Thoma, den Manns, aber auch vom viel zu früh verstorbenen Kabarettisten Jörg Hube aufbewahrt werden. Die Monacensia im Hildebrandshaus am Isarhochufer in Bogenhausen beherbergt das Literaturarchiv und die frei zugängliche Forschungsbibliothek – und eines der schönsten kleinen Cafés. Die neue Leiterin Anke Buettner lädt die ganze Stadt ein, hier Entdeckungen zu machen – auch über sich selbst.

Frau Buettner, erst noch mal Gratulation zur neuen Stelle. Sie arbeiten in dem frisch renovierten Hildebrandshaus mit seinen tollen Sammlungen. Wie die Schokoladenfabrik für eine Bücher-Liebhaberin?
Ich hätte mir das wirklich kaum schöner träumen können. Das Haus glänzt in allen Details, die Programme sind frisch aufgestellt. Was hier geschieht, ist nicht nur in München, sondern weit über die Grenzen hinaus bekannt. Wir haben hier die Bibliothek, unser Archiv – und die starke Vernetzung in die Stadt. Gerade der Bezug zur Münchner Stadtbibliothek ist mir besonders wichtig.

Das ist ja die vertraute Ecke, aus der Sie kommen. 
Ich habe acht Jahre lang die Gesamtverantwortung für das Programm der Münchner Stadtbibliothek und die Öffentlichkeitsarbeit getragen. Was genau dahinter steckt, kann man sich manchmal gar nicht so leicht vorstellen: Die Stadtbibliothek hatte im letzten Jahr über 9000 Veranstaltungen an allen ihren Standorten.

Ganz schönes Brett.
Es ist immer eine Herausforderung sich zu überlegen, was denn wirklich wichtig ist für die Stadtkultur. Spielt das Zentrum der Stadt eine Rolle, wo ist das Dezentrale der Stadtteilbibliotheken bedeutsam? Oder die Frage, wer in die Bibliothek kommt – und wer nicht? Wie ist die Bibliothek in der Kulturpolitik vertreten? Für mich war die Zeit bei der Stadtbibliothek sehr spannend – weil die Welt sich derzeit so stark verändert.

Wie genau meinen Sie?
Es ist etwa der Prozess der digitalen Transformation. Klingt ziemlich abgedroschen und abstrakt, zugegeben. Und alle denken immer, wir wären bei der Digitalisierung schon viel zu spät dran und müssten uns jetzt endlich beeilen, um gerade noch aufholen zu können. Aber wie eigentlich? In der Politik und in der Verwaltung wird die digitale Zukunft immer auf der Infrastrukturebene diskutiert.

Mehr Computer, besseres Netz, öffentliches Wlan?
So was. Die alte Frage, wie man dieses Internet überall hin bringt. Meiner Meinung nach kommt in der Diskussion aber die Frage, was der Digitalisierungsprozess für die Gesellschaft wirklich bedeutet und welche sozialen Auswirkungen er hat, viel zu wenig vor. Eine Stadt muss sich auch in diesem Zusammenhang Fragen stellen wie: Was will man eigentlich für eine Kultur und was für eine soziale Struktur im großen Miteinander. Was passiert eigentlich mit so einer rasant wachsenden Stadt wie München? Man muss zum Beispiel auch ältere Menschen mitnehmen, wenn man eine gut funktionierende digitale Gesellschaft haben will. Auch analoge Daten müssen darüber hinaus für alle zugänglich sein. Wie das geschehen kann oder welche positiven Effekte sich daraus ergeben ist noch nicht für alle sichtbar. Das muss man gemeinsam erarbeiten. Darum geht es zum Beispiel beim Kultur- Hackathon Coding da Vinci.

Große Fragen, tatsächlich. Die Monacensia trägt ja ganz programmatisch die Überschrift vom „literarischen Gedächtnis der Stadt“. Beschreibt das schon die Aufgabe, der Sie sich stellen wollen? Ein Gedächtnis muss ja trainiert und wach gehalten werden. 
Ich kenne die Monacensia schon sehr lange und beschäftigte mich mit den Fragen, die mir hier wichtig sind, schon seit einiger Zeit. Trotzdem ist die Zeit, die ich jetzt fest an Bord bin, noch recht kurz. Eine Gegenwart ohne Gedächtnis gibt es nicht. Erinnerungen formieren sich. Für die Monacensia ist die Frage spannend, wie man das Haus so öffnet, dass sich die Leute aus der Stadt ganz selbstverständlich die Institution aneignen.

Hereinspaziert!
Immer gern. Man kann bei uns ja auch einfach nur mal von der Straße weg in unser schönes Café kommen. Oder etwa als Student oder Autorin einen der ruhigen Arbeitsplätze einnehmen. Im nächsten Schritt kann man ja seine eigenen Ideen mit ins Haus bringen. Für mich ist die Produktion ein wichtiger Begriff: Ich möchte mit unseren Beständen arbeiten – und daraus etwas Neues entstehen lassen.

Die Monacensia im Hildebrandhaus

Was könnte das sein?
Das kann dann ein Wikipedia-Artikel, eine neue Ausstellung, aber auch Schreibwerkstätten werden – oder etwas ganz anderes. Die Monacensia muss ein vielfältiger kultureller Produktionsort für die Gesellschaft sein.

Das Gegenbild, das Sie ja wahrscheinlich ablehnen, wäre die Monacensia als reines Museum. Oder als staubtrockener, sicher abgeschlossener Verwahrungsort für literarische Nachlässe.
Das allein kann es nicht sein. Sonst würde ja kein Gedächtnis stattfinden. Wir sind definitiv auch ein Museum, aber ein lebendiges Museum. Aber ich möchte von einer anderen Art von Betrachter ausgehen: Unsere Besucher sollen keine passiven Betrachter sein. Und ich möchte auch nicht für eine Kulturinstitution stehen, die vorgibt, was man bei uns sehen soll. Das ist mir zum Beispiel bei der Frage wichtig, wie wir künftig Autoren einbinden und wie wir ihnen ermöglichen, sich dieses Haus – aber auch viele der Stadtbibliotheken – zu eigen machen zu können. Wie können sich Jugendliche diese Häuser erschließen? Junge Menschen haben ja einen ganz anderen Zugang zu unseren Themen als Erwachsene.

Wie wollen Sie denn konkret Jugendliche aktivieren?
Es geht darum, ihre Kulturtechniken bei den Zugängen ernst zu nehmen. Ich möchte Interesse am Gedächtnis der Stadt wecken und sie dazu ermuntern, selbst etwas dazu beizutragen. Wir sind kein Ort, der etwas Spannendes im Keller liegen hat. Und nur wenn jemand danach fragt, holen wir das hoch. Wir vermitteln, was wir alles an Schätzen haben und ermuntern die Leute dazu, sich damit selbst auseinanderzusetzen.

Weiß denn die Monacensia, wofür München steht und was die Stadt ausmacht?
Diese Frage mit wenigen Aussagen zu beantworten, wäre vermessen. Wir hatten kürzlich erst ein Gespräch über die Frage veranstaltet, wie man die Stadt erlebt, wie man sie vor 50 oder 60 Jahren gesehen hat und wie sie sich seitdem verändert hat. Allein schon räumlich hat sich München stark verändert. Damals war sie nach dem Krieg im Aufbau begriffen, es gab weniger Grünflächen, ganz andere Verkehrsmittel. Kann man da überhaupt sagen, es ist im Vergleich zu heute noch dieselbe Stadt? Es gibt unterschiedliche Perspektiven auf die Stadt: Ich bin weiblich, habe studiert, wohne hier schon lange, habe einen relativ deutschen Hintergrund und bin einst vom Land in die Stadt gezogen. Das wäre meine Ausgangslage. Die unterscheidet sich sicherlich von jemandem, der in den 90er Jahren aus Bosnien hierher geflüchtet ist. Oder von jemandem, der aus Griechenland oder der Türkei einst als sogenanntes Gastarbeiterkind nach München kam.

Unbestritten, das sind verschiedene Leben.
Spannend ist doch die Frage, was wird von meiner, was wird von den vielen anderen Biografien in der Monacensia und in den vielen anderen Kulturinstitutionen Münchens tatsächlich abgebildet? Wie man die Stadt sieht, hängt immer von der Perspektive ab.

München sieht sich gern, manchmal etwas zu selbstgefällig, als Stadt der Künstler, auch der Literaten. Sie sitzen in der Monacensia auf echten Schätzen, die sich über die Jahre angesammelt haben. Fühlt sich das für Sie wie ein Leistungsschau-Archiv an?
Das klingt ja schlimm. Das Gedächtnis der Stadt geht über die Nachlässe natürlich weit hinaus. Wir sind keine Literaten- Ruhmeshalle. Bei Leistungsschauen muss ich immer als erstes an Karnickelzüchter denken. Mir geht es hier um einen nicht-kommerziellen Ort. Und deswegen auch um eine Zweckfreiheit der Kunst.

Idealismus muss man sich leisten können.
Natürlich ist es für jeden Autor und Kunstschaffenden wichtig, dass er von seiner Kunst leben kann. Aber trotzdem: Wer sich mit Literatur und Kultur beschäftigt, muss sich auch ein wenig vom Zufall und vom Genuss sowie der intellektuellen Auseinandersetzung mit bestimmten Themen leiten lassen. Deswegen kann es nicht sein, dass ich etwa nur die vermeintlich ganz Großen hier beleuchten und nur Bestseller-Autoren einladen würde. Mir geht es um eine Reflexion auf die gegenwärtige Gesellschaft und die muss breit angelegt sein.

Ihr Haus bekommt ja viele Nachlässe geschenkt und vererbt, sammelt aber auch nicht nur Literatur im engeren Sinn, sondern auch alte Wirtshaus- Speisekarten, Flugblätter oder Schülerzeitungen. Wie schwer fällt zu entscheiden, was relevant ist und was den Rahmen doch wieder sprengen würde. 
Wir bekommen Nachlässe nicht nur geschenkt, sondern kaufen aktiv für das Literaturarchiv an. In der München- Bibliothek befinden sich zu den 150.000 Medien mit München-Bezug auch kuriose Sammlungen wie alten Faschingsorden, Dokumente zur Wiesn und Reklame- Sammelmarken. Was das Auswählen betrifft: Hier haben wir im Literaturarchiv einen klar definierten Sammlungsauftrag, der auch die Kulturvermittlung beinhaltet. Gerade letztere liegt uns sehr am Herzen, sie hält das literarische Gedächtnis lebendig.

Muss es für Sie immer gleich der Roman- Entwurf sein oder passt auch die Telefon-Kritzelei eines Autors auf dem Schmierzettel in Ihr Haus?
Na klar. Notizbücher sind hoch interessant und lohnen häufig, dass man sich mit ihnen beschäftigt. Gerade biografische Dokumente wie Briefe, Aufzeichnungen, Bahntickets oder sogar mal ein Einkaufszettel sind doch was besonders Schönes.

Wenn Sie nach einem langen Tag im Hildebrandhaus abends noch mal allein durch die Gänge mit dem schönen knarzenden Parkett gehen: Ist es ein Ort, der – im positiven Sinne – voll mit Geist und Geistern steckt?
Einer der vielen Menschen, an die wir hier erinnern, ist mir zwar noch nicht nachts auf der Treppe begegnet. Aber es ist schon ein sehr besonderer Ort. Ein ruhiger, ein sehr atmosphärischer Ort. Und natürlich ist es toll, wenn ich einen Raum betrete, in dem Kartons mit der Aufschrift „Herbert Achternbusch“ stehen...

Interview: Rupert Sommer

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