Lesungen

Lesungen im März: Wenn Sicherheit erodiert

 Julia Schoch, Mario Giordano und Michaela May
+
Julia Schoch, Mario Giordano und Michaela May

Eigentlich sollten Familien ja Halt geben. Doch diese Autoren erzählen von sehr verstörenden Fliehkräften.

E s wäre vieles unverkrampfter, vermutlich auch humorvoller und auf jeden Fall gelassener – gerade in hektischen, sinnsuchenden Zeiten, wenn es mehr Mitmenschen wie Navid Kermani gäbe. Der deutsch-iranische Schriftsteller und Orientalist, ausgezeichnet mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, liest die heiligen Schriften, ohne sich von ihnen erschrecken zu lassen. Um ihren Kern geht es auch in seinem neuesten, sehr persönlichen, poetisch eingefärbten Werk. „Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen“, heißt es. Und es trägt den Untertitel „Fragen nach Gott“. Um den Sinn des Ganzen, aber auch um die Vorzüge des noch unverstellten Kinderglaubens, dreht sich alles auf seiner Lesung. Im Gespräch mit der Pianistin Chen Pi-hsien und dem Biennale-Co-Chef Marnos Tsangaris weitet die sich zum interkulturellen Dialog. (Kammerspiele, 3.3.)

Eine ganz andere Form von innerer Selbstbehauptung und aufmüpfiger Widerstandskraft hat über die Jahre der Münchner Autor Albert Ostermaier entwickelt. Vielleicht ist es ja tatsächlich sogar ein wenig „Teer“, der die Seele schützen soll. So jedenfalls heißt sein neuer Band, der sich mit den vielfachen Zumutungen und Bedrückungen der Gegenwart auseinandersetzt. Erfrischend frech, zum Glück. (Lyrik Kabinett, 3.3.)

Nicht unterkriegen lassen: Das lernt man natürlich auch von Gregor Gysi. Der langjährige Spitzenpolitiker der Linken, Strippenzieher, Anwalt und alleinerziehende Vater ist eine der flamboyantesten Persönlichkeiten im oft so grau wirkenden Berlin. „Ein Leben ist zu wenig“, sagt Gysi von sich selbst. Und damit kokettiert er nicht nur. Er kann auf Lebens- und nicht ganz alltägliche Verwandtschaftslinien verweisen, die von Russland nach Rhodesien führen. Sein Vater war DDR-Kulturminister und unter anderem Botschafter in Rom. Nobelpreisträgerin Doris Lessing war seine Tante. Weltgeschichte ist für ihn Familiengeschichte. (Prinzregententheater, 6.3.)

Im Roman „Das Vorkommnis“ entwickelt sich das vermeintlich Sichere eines Familienumfelds zum gefährlichen Minenfeld. Julia Schoch berichtet von einer Frau, die von einer Fremden angesprochen wird – mit einer tief verwirrenden Aussage: Sie behauptet, beide Frauen hätten denselben Vater. Die Begegnung bleibt flüchtig, die Unsicherheit bleibt. Es ist die Geschichte einer Biographie, die plötzlich eine ganz andere Richtung bekommt. (Literaturhaus, 8.3.)

Über Michaela May meint man so gut wie alles zu wissen. Ihre Filme, Fernseharbeiten und Serien von „Münchner Geschichten“, über „Kir Royal“ bis hin zu den „Polizeiruf 110“-Krimis scheinen eine klare Sprache zu sprechen. Doch was liegt „Hinter dem Lächeln“? Ihre Autobiographie schiebt den Vorhang ein Stück zur Seite. (Literaturhaus, 10.3.)

Auch Bernhard Schlink arbeitet Familiäres, Verdrängtes, Geheimnisvolles auf. Im neuen Roman „Die Enkelin“ erzählt er von einer Studentin, die 1964 aus der DDR in den Westen floh. Was erst spät herauskommt: Sie hinterließ eine Tochter. Und die wuchs in einer „völkischen Gemeinschaft“ auf dem Land auf. Ihre eigene Familie, darunter die 14-jährige Sigrun, hat sich nun in einer deutschnational verstrahlten Parallelwelt eingerichtet. (Literaturhaus, 11.3.)

Auch die Welten, in die der kongolesisch-österreichische Autor Fiston Mwanza Mujila seine Leser mitnimmt, sind aus den Angeln. Im Grenzgebiet zwischen Angola und dem Kongo, in den Minen von Lunda Norte und im Zentrum von Lubumbashi tanzen Frauen ohne Alter, Diamantensucher, Gauner und Agenten aus aller Welt den „Tanz der Teufel“. So heißt auch der neue Roman, der von einer Fülle von Erzählsträngen und Abschweifungen, aberwitzigen Dialogen, aber vor allem von der Musik geprägt ist, die einen treibenden Rhythmus vorgibt. (Muffathalle Ampere, 22.3.)

Vom mittelosen Analphabeten zum schillernden Dandy, vom sizilianischen Tagelöhner zum einflussreichen, vermögenden Zitrusfrüchte-Unternehmer in der Münchner Großmarkthalle: Mario Giordano spannt im neuen Roman „Terra di Sicilia“ den Bogen ganz weit und hält die Leser dabei in Atem. Ein deutsch-italienisches Familienepos. (Literaturhaus, 22.3.)

Krasser könnte schließlich der Kontrast zur düsteren, brutalen Auf- und Aussteigergeschichte von Hendrik Bolz nicht sein. Er erzählt in „Nullerjahre. Jugend in blühenden Landschaften“ furztrocken und einschüchternd ernüchternd von einer Nachwendejugend in Meck-Pomm, die sich mit Hoffnungen gar nicht erst lange aufhält. Ein Roman wie ein mitreißender Rap. (Muffatwerk Ampere, 28.3.)

Autor: Rupert Sommer