Lesungen

Lesungen im Februar: Unerwartet kluge Lebenshilfen

Ronja von Rönne
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Meldet sich aus der Dunkelheit zurück: Ronja von Rönne

Wer sein Bewusstsein erweitern möchte, muss nicht gleich zu gefährlichen Drogen greifen. Einfach gut hinhören – auch bei Haustieren.

Warum wohl so viele glückliche Menschen Katzenliebhaber sind? Gerade in diesen weiter so ungemütlichen Zeiten halten sie einen Platz auf dem Sofa warm. Wer einmal wirklich etwas erleben möchte, sollte sich ganz nah zum Stubentiger runterbeugen und die Lauscher aufstellen. Wer gut hinhört, erfährt dann Geschichten, wie sie sich Meistererzähler Michael Köhlmeier zuletzt offenbar von seinem Kater „Matou“ berichten ließ. So heißt auch der gleichnamige neue Roman, in dem das Haustier zum Homer wird. Matou hat – wie unter Katzen üblich – nicht nur sieben Leben, er weiß seine Lebensgeschichten auch schön auszuschmücken. So berichtet er von Irrfahrten durch Raum und Zeit – von der Französischen Revolution bis in die Gegenwart. E.T.A. Hoffmann und Andy Warhol hat er angeblich persönlich kennengelernt. Auf der Katzeninsel Hydra erklärte er sich zum Herrscher, im Kongo fuhr Matou im Kampf gegen die Kolonialherren die Krallen aus. Ein großer Abenteurer und ein charmanter Angeber. Der Kater, versteht sich. (Literaturhaus, 1.2.)

Jaromir Konecny trägt zwar keine (auf den ersten Blick) sichtbaren Schnurrhaare. Er liebt aber auch die sympathischen Schnurren. Und Geschichten, in denen gleichberechtigt geschmust wie philosophiert wird. Und als promovierter Naturwissenschaftler weiß er natürlich, wie man den Rahmen des gewohnten Denkens ausdehnt, wenn nicht sogar kreativ sprengt. Zusammen mit Frank Klötgen führt er durch eine neue Ausgabe der Reihe „Poetry & Parade“. (Seidlvilla, 7.2.)

Wer zuletzt durch die Feuilletons blätterte, kam um die vielen wohlmeinenden Leseempfehlungen für den lange erwarteten zweiten Roman „Ende in Sicht“ von Ronja von Rönne nicht herum. Die liebenswert kratzbürstige Großstädterin aus der oberbayerischen Provinz arbeitet darin auch eigene Erfahrungen mit einer umbarmherzigen Depressionserkrankung auf. Bei der Erzählung hat sie sich für die immer wieder beliebte, weil ein wenig beliebige Form eines Seelen-Roadtrips entschieden. Eigentlich wollte eine lebensüberdrüssige Seniorin in einer Schweizer Sterbeklinik zockeln. Doch dann stürzt sich ihr eine 15-Jährige in den Weg. Die zwei Frauen, die überraschend viel gemein haben, finden zueinander. Von Rönne ist eine der jungen Stars, die sich für die „Winter-Mix“-Gemeinschaftslesung zusammengefunden haben. Auch Mia Oberländer weiß vom Anderssein in einer kleinkarierten Welt zu berichten. Und der Österreicher Elias Hirschl spießt die „Generation Slim Fit“ auf. (Literaturhaus, 10.2.)

Via Zoom kann man sich bei der Lesung von Rita Uckmann zuschalten. Sie stellt mit „2042“ ihren neuen Roman vor, in dem es um Bindungen, ein junges Paar und ihre Familien geht. Heiter bis Horror-mäßig. (muenchner-literaturbuero.de, 11.2.)

Wer sich mit Alexander Kluge befasst, erweitert seinen Horizont. Der umfassend gebildete und vor allem immer neugierige Filmemacher, Fernsehproduzent, Schriftsteller, Drehbuchautor, bildende Künstler, Philosoph und nicht zuletzt Rechtsanwalt wird dieser Tage 90 Jahre alt. Bei der Lesung aus seinem in dunklen Pandemie-Tagen entstandenen „Buch der Kommentare“, das – so der Untertitel – in den „unruhigen Garten der Seele“ führt, kommt man ins Grübeln. Kluge nimmt seine Leser mit in die Bibliothek von Alexandria, in die Gedankenwelt mittelalterlicher Scholastik, in Abgründe, Bergwerksstollen, Katakomben, auf den Grund tiefer Brunnen und dann letztlich doch auch in die Gegenwart. Hannelore Hoger ist mit dabei als Reisebegleiterin. (Kammerspiele, 13.2.)

Wer ist denn nun dieser so maulfaule Olaf Scholz, von dem alle derzeit reden? Lars Haider kennt ihn. Der Chefredakteur des „Hamburger Abendblatts“ hat den „Scholzomat“ über viele Jahre und diverse Ämter hinweg begleitet. Anders als Scholz kann Haider reden – und schreiben. Kein Wunder, dass sein Buch „Olaf Scholz. Der Weg zur Macht“ im Klartext Verlag erschienen ist. (Literaturhaus, 15.2.)

Manfred Fock hat es geahnt: Die Zeit ist schon längst wieder reif für die Rückkehr der Gartenzwerge. Und die Zipfelmänner sind diesmal alles andere als friedlich. Die Lesung aus „Laich am Teich“ entführt in eine unerwartet mörderische Pseudo-Idylle. (Pelkovenschlössl, 20.2.)

Den Soundtrack der Rebellion dreht Peter Probst noch mal ganz laut auf. „Wir müssen hier raus, das ist die Hölle“, heiß es bei „Ton Steine Scherben“. Und der Protagonist im neuen Roman „Die wilde Wut des Wellensittichs“ lässt sich das nicht zweimal sagen. Er verlässt das konservative Elternhaus und tobt durchs noch miefige Deutschland der 70er Jahre. Mitreißend! (Literaturhaus, 24.2.)

Autor: Rupert Sommer