Lesungen

Lesungen im April: Auf der dunklen Seite

Lesungen im April 2022
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Taucht im Haifischbecken: Chloé Delaume, Kennt die Abgründe von Hannover: $ick, Verzweifelt am brutalen Stockholm: David Lagercrantz

Diese Lese-Abende bauen Druck auf. Hoffentlich sorgen sie auch für Entlastung...

E s sind Zeiten, die an Brutalität nicht zu überbieten sind. Und doch kann auch ein Ausflug in die Buchdeckelwelt eine Flucht sein, eine kathartische Übung. David Lagercrantz ist ein schwedischer Bestseller-Autor, der keine Skrupel kennt. Und er ist genau der StarAutor, mit dem das Krimifestival München angemessen glamourös zurückkehrt. Zum Vormerken: Später gastieren wieder Stars wie der Brite Martin Walker (28.5) oder Rita Falk mit dem „Rehragout-Rendezvous“ (22.6.) in der Stadt. Im Lagercrantz-Thriller „Der Mann aus dem Schatten“ geht alles mit einem erschlagenen Fußball-Schiedsrichter los. Der Verdacht fällt auf einen Spieler-Vater. Aber je tiefer sich Verhörspezialist Hans Rekke und die junge Streifenpolizistin Micaela Vargas in den undurchsichtigen Fall eingraben, desto größer und gefährlicher werden die Gegner, die Stockholm in Atem halten. (Literaturhaus, 1.4.)

Wie hoch die Wogen schlagen, auch wenn zumindest physisch keine Gewalt im Spiel ist, weiß Yascha Mounk. Der deutsch-amerikanische Politologe und Harvard-Dozent hat mit „Das große Experiment“ eine teilweise beklemmende Untersuchung über den Wandel der modernen Gesellschaften hin zum multiethnischen Miteinander verfasst. Der Untertitel deutet die Stoßrichtung an: „Wie Diversität die Demokratie bedroht und bereichert“. (Literaturhaus, 4.4.)

Ein spannendes, brandaktuelles Thema hat sich Sara Peschke, Digitalredakteurin beim Magazin der SZ, vorgenommen. „Wie wir arbeiten wollen“ ist eine kluge Analyse, die hinter die blumigen Gardinen blickt, mit denen Werktätige sich die oft dann doch gar nicht so heile Homeoffice-Welt schönreden wollen. Nur weil vieles zuletzt gut geklappt hat, heißt das ja nicht, dass alles so weitergehen muss. Peschke kennt die Kehrseiten: Sie hatte in Lockdown-Zeiten nicht nur ihre Chefs an der Strippe, sondern die beiden kleinen Kinder unmittelbar an den Hacken. (Alte Utting, 5.4.)

Nicht so richtig mit sich im Reinen ist Adelaide, die mit 46 frisch geschiedene Pressesprecherin eines Verlags. Ihre bisherige Ehe war Ödnis. Doch neu anzufangen, ist auch nicht so einfach: Der Beziehungsmarkt ist, wie man im Roman „Das synthetische Herz“ von Chloé Delaume nachlesen kann, ein Haifischbecken. Auch in Frankreich. (Literaturhaus, 5.4.)

Von einer „Liebesheirat“ träumen Yasmin und Joe, zwei angehende Ärzte aus London. Doch dann mischt sich plötzlich die Elterngeneration ein. Die für ihr Debüt „Brick Lane“ weltweit gefeierte, in Bangladesh geborene Britin Monica Ali greift in ihrem lange erwarteten neuen Roman die früheren Erzählfäden wieder auf – und schnürt sie fest. (Literaturhaus, 7.4.)

Eine deutsch-indische Familiengeschichte spinnt und entwirrt Krisha Kops in seinem Roman „Das ewige Rauschen“. Es geht um die Suche nach Zugehörigkeit und nach dem Glück - an der Ostsee wie auf einer indischen Plantage. Ganz tief taucht der Text dabei in mythologische Subtexte ein. (Seidlvilla, 11.4.) 

Endlich wieder Rabatz: Der Isar Slam-Poetry Slam kehrt zurück. Diesmal unter anderem mit dem Bayerischen U20-Meister Julius Althoetmar aus München sowie Katharina Wenty aus Wien und Skog Ogvann aus Leipzig. (Muffatwerk, 19.4.)

Vom Rotlichtviertel Steintor in Hannover war bislang schon recht viel im jungen Leben von Andre Welter, der unter dem Künstlernamen $ick durch die Clubs der Republik tourt, zu hören und zu lesen. Mit „Merks mal“ taucht er in eine Welt ein, die vom bürgerlichen Vorgartenglück weit entfernt ist und in der Entziehungskuren sowie Gefängnisaufenthalte zu den markigen Kalendereinträgen zählen. Viel Humor ist auch dabei. (Muffatwerk, 20.4.)

Einen ganz starken Coming-of-Age-Roman hat Johann Scheerer, der Hamburger Musiker und Produzent, geschrieben. Erzählt wird von einem jungen Mann, der aus der reichen hanseatischen Oberschichtwelt aufbricht, um sich ausgerechnet in München auf eigene Füße zu stellen – mit Freundin und Band. Starker Text, mitreißender Sound. Scheerer spielt vor Ort selbst. (Substanz, 21.4.)

In der Mitte des Lebens und auf dem Gipfel einer Karriere gerät „Die Diplomatin“ ins Schlingern. So heißt der Roman von Lucy Fricke, der von einer deutschen Konsulin berichtet, die ins politisch extrem unruhige Istanbul versetzt wird. Dort gerät sie in eine Lebenskrise. Und verzweifelt an ihrem Glauben an die Demokratie. Wer könnte ihr das verdenken? (Literaturhaus, 26.4.)

Autor: Rupert Sommer