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George Orwells 1984: Macht machts

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Von: Andreas Platz

George Orwell: 1984. Hörspiel von Klaus Buhlert mit Felix Goeser, Franz Pätzold, Elisa Plüss u. a.
George Orwell: 1984. Hörspiel von Klaus Buhlert mit Felix Goeser, Franz Pätzold, Elisa Plüss u. a. © Der Hörverlag

George Orwells düstere Vision erstmals im Hörspiel: Big brother is watching you.

Orwells Buchtitel 1984 hat sich über die Jahrzehnte so verselbstständigt, dass niemand mehr das Buch zu kennen braucht, um die big Assoziationsmaschine anzuwerfen. Als universeller Code für totalitäre Tendenzen ist 1984 zeitgeistresistent. Inspiriert von den großbrüderlichsten Diktaturen der 1940er-Jahre, Nazi-Deutschland und Stalins Sowjetunion, war Orwell hellsichtig genug, auch das Bigbrothering der kapitalistischen Staaten zu erkennen.

Im Vorwort zu Animal Farm (1945) schrieb Orwell sinngemäß: „Das Unheimliche an der Zensur von Texten in England ist, dass sie weitgehend freiwillig ist. Unliebsame Ideen können zum Schweigen gebracht und unbequeme Tatsachen im Dunkeln gehalten werden, ohne dass ein offizielles Verbot erforderlich ist. (...) Die britische Presse ist extrem zentralisiert, und der größte Teil davon ist im Besitz reicher Männer, die allen Grund haben, bei bestimmten wichtigen Themen unehrlich zu sein.“ Daran hat sich nichts geändert, außer vielleicht, dass einige dieser Männer heute Frauen sind. In letzter Konsequenz verweist dieses Statement auf die Unvereinbarkeit von Kapitalismus und Demokratie.

Womit wir wieder mitten drin wären im brave new 1984. Um Orwells Dystopie auf 2022 zu pimpen, genügt es da wirklich, die Brainwash-Slogans von BB als Hipster-Sprechgesang zu versistern? „Ich bin Julia. Julia Gordon. Klar, ich bin Parteimitglied, Freunde. Überzeugt. Ja, auch das, Genossen. Und Big Brother? Für den schwärm ich, Sista. (...) Ich spucke mit euch gemeinsam, Parteigenossen, auf alle Feinde Ozeaniens.“ Updateiger wäre es gewesen, das ganze BB-Modell ins 21. Jahrhundert zu beamen.

Für Gehirnwäsche und Minutenhass (Stichwort Impfgegner) sorgen die Massenmedien ganz ohne staatlichen Eingriff, das Body-&-Mind-Stalking managen Datenkraken wie Google, Facebook und Youtube, und als Virtue Watchdogs generiert sich eine neue Klasse von Political-Correctness-Puritanistas, die bisweilen ähnlich bizarr herumglühen wie die Wirrköpfe der Old-School-Anti-Abtreibungs-Allianz.

Stattdessen rauscht im 2021er 1984 noch die alte Rohrpost durch die Gänge und der Teleschirm flimmert. Bei aller Stimm- und Einzelszenen-Inszenierungs-Qualität: Mehr Gegenwart wagen wäre schön gewesen.

Autor: Jonny Rieder

George Orwell: 1984. Hörspiel von Klaus Buhlert mit Felix Goeser, Franz Pätzold, Elisa Plüss u. a., BR/Deutschlandfunk, 2021, 4 CDs, ca. 4 Std., www.hoerverlag.de

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