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Musiker-Autor Johann Scheerer: „Mir wird schnell langweilig“

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Von: Andreas Platz

Musiker-Autor Johann Scheerer
Spielt eigene Songs, die zu seinem Roman passen: Johann Scheerer © Stefan Schmid

Sprudelnde Energie: Früh gründete Johann Scheerer eine Band, er produziert Stars wie Pete Doherty. Im Substanz stellt er seinen zweiten Roman vor. 

Herr Scheerer, „Unheimlich nah“ ist ein Roman über Selbstbehauptung, Aufbrüche, wilde Nächte, viel Musik, Punk, sogar München und die Frage, wo man hingehört. Er kommt allerdings auch Ihnen persönlich „unheimlich nah“. Immerhin spielen die aufwändigen Sicherheitsmaßnahmen nach der Entführung ihres Vaters Jan Philipp Reemtsma eine Rolle. Wie wichtig ist es Ihnen, dass man als Leser auch mehr über Sie und Ihre sehr eigene Familiengeschichte erfährt?
Es ist mir absolut unwichtig. Darum geht es in dem Buch, der ja ein Roman ist, nicht. Worum es geht, zwischenmenschliche Beziehungen im Teenageralter und die Frage, wie das Zusammenspiel von Freiheitsdrang und dem individuellen Sicherheitsbedürfnis eigentlich funktionieren kann.

Nach „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ knüpfen Sie erneut an Ihre eigenen Jahre als junger Mann an, als die Entführung Ihres Vaters die Schlagzeilen dominierte und als Sie vermutlich alle Pläne und Routinen auch Ihres Lebens neu justierten. Wie groß ist dieses Wagnis für Sie?
Ich verstehe mein zweites Buch „Unheimlich nah“ als Gesprächsangebot. Das ist immer ein großes Wagnis.

Wie wichtig ist es für Sie allerdings auch, Ihr „Unheimlich nah“ als Kunstwerk und als Fiktion zu sehen – als ein Ausgangspunkt, zu neuen Perspektiven aufzubrechen?
Die fiktionale Ebene des Buches ist mir sehr wichtig. Ich erzähle eine universelle Geschichte unter dem Brennglas meiner eigenen.

Wie schaffen Sie es eigentlich, so trocken, so präzise, ja fast kühl über teilweise auch mit Erlebtes, auch das Erschreckende und Furchtbare dabei, zu schreiben, wo man beim Kneipengespräch mit Bekannten vermutlich in einen ganz anderen Ton verfallen und dicker auftragen würde?
Ich neige nicht zu rührseligen Kneipengesprächen.

Ihr Kreativdruck scheint ja enorm hoch: Welchen Stellenwert hat das Schreiben in Ihrem Leben – neben der Musik oder dem Musik-Ermöglichen und Produzieren? Oder lässt sich eines vom anderen kaum trennen? 
Es hat sich in den letzten 20 Jahren so ergeben, dass ich ständig produziere. Mal eigene Musik, mal die Musik anderer Menschen. Und seit ein paar Jahren eben auch Bücher. Ich empfinde das Genre-Übergreifende als absolute Bereicherung. Mir wird schnell langweilig, und ich sehe keinen Grund, mich auf eine Kunstform zu beschränken.

Bei Ihren Lesungen, so auch im Substanz in München, werden Sie ja nicht nur das Buch vorstellen, sondern auch selbst spielen. Auf was darf man gespannt sein, wie wählen Sie die Songs aus?
Ich werde Lieder spielen, die thematisch zu einigen Stellen im Buch passen. Songs, die ich vor 20, vor 15, vor acht Jahren geschrieben habe und bei denen ich in der retrospektiven Betrachtung erst selbst verstanden habe, dass es da einen Zusammenhang gibt. Texte zu Musik habe ich immer etwas verklausuliert geschrieben. Erst jetzt wird mir langsam klar, was ich eventuell gemeint haben könnte. Das ist ein intensiver Vorgang für mich. Und deshalb hoffe ich, dass ich etwas von dieser Intensität weitergeben kann.

Lassen Sie doch mal kurz hinter die Kulissen schauen: Wie läuft denn das Arbeiten für Sie praktisch, legen Sie immer wieder längere Schreib-, dann wieder Musik-Phasen ein – und wo stecken Sie aktuell?
Ich arbeite jeden Tag in meiner Firma Clouds Hill. Das ist eine Mischung aus Arbeit in einer Plattenfirma und meiner Arbeit im angeschlossenen Studio als Musikproduzent. Alle paar Monate lege ich eine mehrwöchige „Pause“ ein, um zu schreiben. Wenn sich das nicht einrichten lässt, schreibe ich am sehr frühen Morgen oder abends, vor oder nach meiner Arbeit.

Vom Eigenen zum Kreativsein der Anderen zu kommen, fällt ja vielen Musikern nicht ganz leicht. Was hat Sie am Produzieren gereizt und wie sehr unterscheidet sich etwa die Studioarbeit für andere davon, selbst eigene Song-Ideen auszuprobieren?
Ist das so, dass es manchen nicht leicht fällt? Das kann ich nicht beurteilen. Mir mich ist alles das gleiche. Es geht um Kommunikation. Mit anderen oder mit sich selbst. Schreiben, produzieren, komponieren: Es ist alles, so unterschiedlich es auch anmuten mag, das gleiche.

Man hört ja von ganz großen Namen: Wie herausfordernd ist es eigentlich, mit Leuten wie Pete Doherty zusammenzuarbeiten, von denen man in der Außenwirkung oft ziemlich überreizte Sachen liest?
Was meinen Sie mit: „Man hört ja von ganz großen Namen?“ Ich glaube, wenn man sich von dem Gedanken frei macht, dass es irgendeine Bedeutung hat, was „man so hört“, ist es schon ein guter Anfang. Das Arbeiten mit welchen Musikerinnen auch immer, ist im Regelfall reizvoll. Überreizt sollte es nicht werden. Das ist meine Aufgabe.

Einen letzten Gefallen müssen Sie uns noch tun: Natürlich hat Hamburg seine Wucht und dort gibt es für Sie ja nicht zuletzt viele Weggefährten wie Rocko Schamoni, mit dem Sie ja arbeiten. Trotzdem: Was spricht aus Ihrer Sicht auch ab und an für München?
Jede Stadt kann schön sein, wenn man mit den richtigen Menschen dort ist.

Interview: Rupert Sommer

Beim Auftritt am 21. April im Substanz wird Johann Scheerer nicht nur lesen, sondern auch eigene Songs vorstellen. Seine beiden Romane „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ (2018) und aktuell „Unheimlich nah“ sind bei Piper erschienen. www.johannscheerer.com

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