Ortsgespräch

Kabarettist Hosea Ratschiller: „Keine Oberhäupter. Erhobene Häupter!“

Hosea und Klaus Ratschiller
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Wenn der Vater mit dem Sohn ein Buch schreibt: Hosea und Klaus Ratschiller

Der Kabarettist Hosea Ratschiller hat mit seinem Vater ein tolles Buch geschrieben. Die Lesung am 1.4. ist für sie ein Wagnis. Was man vorab wissen muss…

Herr Ratschiller, eigentlich sind Sie als Kabarettist ja ein Mensch, der sich wie selbstverständlich in der Öffentlichkeit bewegt und auf Bühnen geht. Vor der Veröffentlichung Ihres neuen Buchs, das Sie auch in München live vorstellen, wirken Sie ungewöhnlich nervös. Oder täuscht das?
Es ist neu für mich, etwas zu schreiben,. was nicht dafür gedacht ist, auf der Bühne vorgetragen zu werden. Es ist überhaupt das erste Mal, dass ich etwas schreibe, was dann in ein Regal gestellt werden kann. Was da steht, kann man nicht mehr so einfach ändern.

So ist das bei Büchern.
Normalerweise besteht meine Arbeit darin, Texte zu schreiben. Und dann kommen sie auf die Bühne und werden dort lebendig. Sie verändern sich dadurch, wie das Publikum auf sie reagiert. Ein Standardsatz von mir ist: Es gibt gar kein Solokabarett!

Sondern?
Man hat immer das Publikum als Spielpartner.

Bei Ihren Kabarett-Auftritten greifen Sie tatsächlich gerne Bälle auf. Wie wichtig ist es, Ihnen Abläufe zu kontrollieren – und warum ist es Ihnen dann ein wenig unheimlich, wenn jemand ohne Ihr unmittelbares Dabeisein ein Buch von Ihnen liest?
Ich weiß nicht, ob es so sehr um Kontrolle geht, als um die Sehnsucht einer Zusammenarbeit. Wenn  ich auf der Bühne stehe, handelt es sich in meinen Programmen auch meist um je denselben Text. Aber je nachdem, was vom Publikum zurückkommt, werden Aspekte davon anders gewichtet. An einem Abend steht vielleicht das Alberne im Vordergrund, am anderen Abend ist es der Inhalt. Ich bin gespannt, wenn der Text diesmal so ganz allein gelassen wird. Bei meiner Nervosität geht es darum, dass ich nicht so genau weiß, was was das mit mir macht, wenn ich einen Text loslasse.

Ein bisschen ist es ja wie bei einem Geburtsprozess, wenn man mit einem Buch wie Sie zuletzt relativ lang schwanger geht: Irgendwann muss man ein Kind ziehen lassen.
Schwangerschaft und Geburt sind sehr große Begriffe. Die gehören schon zu denjenigen, die tatsächlich Kinder zur Welt bringen. Ich habe beim Arbeiten am Buch die Erfahrung gemacht, dass man sich tatsächlich sehr tief in etwas versenkt. Wenn man sich so intensiv mit Ideen beschäftigt, die teilweise von anderen stammen, glaubt man irgendwann, man hätte sie selber gehabt. So gesehen erinnert meine Gedankenarbeit an eine Patchwork-Familie. Wenn man so lange in einen Computer geschaut hat, ist es schwer, Ideen wieder loszulassen.

Sie sind ja keineswegs schriller Gaudi-Kabarettist. Allerdings: Ist ein Buch nicht von schon allein von der Form her etwas Gewichtigeres und Ernstes: Und hat man als Kabarettist nicht ein bisschen Scheu vor so viel Wucht?
Die Unterteilung der Kultur in E und E, also Kunst des Ernsthaften und der Unterhaltung, habe ich immer schon für hochproblematisch und überflüssig gehalten. Es interessieren mich, diese beiden Bereiche zusammenzuführen. In Österreich verstärkt sich das ohnehin nochmal: Wir nennen alles „Kabarett“ (ausgesprochen allerdings eher „Cabaret“, Anm. d. Red.). Das kann dann lustiges Kabarett oder Satire oder Comedy sein.

Sie haben ja auch keinen Mario Barth zur Abgrenzung.
Solche Typen gibt’s bei uns schon auch. Aber alles spielt sich in Österreich in denselben Theatern mit demselben Publikum ab.

Was bedeutet das für Sie?
Ich muss meine Gedanken so anschlussfähig wie möglich formulieren. Und das gefällt mir gut. Ich habe einst beim Theater angefangen - im Off Theater. Da hatte ich es immer mit denselben 25 Leute zu tun. Und die waren sich alle sehr einig, weil sie auch eine gemeinsame Sprache haben. Wenn man das davon nur einen Millimeter abweicht, sind alle verstört. Deswegen hat mich dann lieber die Unterhaltung interessiert. Es ist eine Kunst der Zerstreuung.

Jetzt stapeln Sie aber tief.
Warum? Für mich ist Zerstreuung ein sehr schönes altes Wort, das meine Arbeit gut trifft. Es ist nicht Zuspitzung. Es steht nicht jemand im Zentrum, um Pfeile auf irgendwelche Ziele abzufeuern.

Sondern?
Man zerstreut sich eben im besten Sinn.

Charmant! Und doch wirft das neue Projekt Fragen auf. Wie kam Sie denn auf die Idee, als immer noch junger …
… bitte!

… Aber eben nicht mehr ganz junger Mann, sich nochmal mit ihrem Vater zusammenzusetzen? Und zwar nicht für ein privates Erinnerungsprojekt, sondern dafür, gemeinsam ein Buch zu schreiben. Und noch dazu über die Idee des Vater-Seins.
Ich habe ein relativ enges Verhältnis zu meinem Vater. Aber natürlich wäre ich auf die Idee auch nicht so einfach gekommen, wenn nicht Pandemie gewesen wäre. Man hatte uns gesagt, wir sollten unseren Kontakt einschränken. Damit waren wir nicht einverstanden.

Wie so viele.
Wir haben uns vielmehr gesagt: Ganz im Gegenteil, wir wollen unseren Kontakt erweitern und erneuern in diesen Zeiten! Also wir haben uns geimpft und getestet und Abstand gehalten und all diese Dinge befolgt, die notwendig waren und sind. Aber wir haben nach einem Weg gesucht, wie wir wie unser Kontakt vertiefen können.

Klingt sympathisch. Aber warum gleich ein so enger Austausch mit dem eigenen Vater?
Mein Vater kommt jetzt ins Pensionsalter . Er hat mehr Zeit. Wir haben uns gefragt: Welchen Schritt kann unsere Beziehung noch machen? Außerdem habe ich mir schon seit der Zeit der ersten großen Fluchtbewegungen aus Syrien gemeinsam mit ihm Gedanken gewälzt. Es gab damals in Österreich den sehr polarisierenden Bundespräsidentschaftswahlkampf zwischen dem völkischen Norbert Hofer und dem linksliberalen Alexander van der Bellen.

Man erinnert sich.
Eine Zerreißprobe fürs Land! Und dann war da Trump und Sebastian Kurz in Österreich und Putin sowieso. Und China und der Klimawandel. Wir haben uns immer grundsätzlichere Gedanken gemacht - zwangsläufig. Beim Nachdenken über die Demokratie blieb für mich stets am Ende eine Figur übrig, die meiner Meinung nach mit der Demokratie nicht kompatibel ist?

Und welche?
Es ist der Vater!

Ernsthaft?
Ich meine diese auf einem Podium, auf einer Kanzel oder auf einem Podest stehende Einzelperson. Der Mann als Machthaber.

Nicht alle Väter sind so.
Klar, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die dominante Figur ein bisschen aufgeweicht. Der Vater heute ist oft sensibel und verständnisvoll. Aber die Tausende an Jahren zuvor sind noch nicht so schnell vorbei. Für mich ist die Figur des Vaters eigentlich so etwas wie die unerledigte Hausaufgabe der Demokratie.

Wie meinen Sie das?
Solange es den dominierenden Vater gibt und solange er oft noch eine zentrale Rolle spielt, kann es Demokratie eigentlich gar nicht geben. Demokratie braucht kein Oberhaupt, sondern Demokratie braucht erhobene Häupter.

Klingt gut. Aber woher diese Bitterkeit?
Die spüre ich gar nicht. Ich habe mittlerweile eine sehr gute Beziehung zu meinem Vater. Ich bin bei ihm aufgewachsen, er war alleinerziehend und sehr jung. Wir haben viel gestritten, er war total überfordert und wir hatten lange eine unfassbar konfliktreiche Beziehung gehabt. Aber so sehr wir uns auch gestritten haben, gab es doch immer eine gute Gesprächsbasis. Einfach, weil er immer da war. Nur deswegen habe ich uns zugetraut, dass wir es schaffen könnten, unsere enge Vater-Sohn-Beziehung öffentlich zu machen. Ohne dass es so eine Hose-runter-Plauderei wird.

Stattdessen?
Wir betrachten unsere Beziehungen als ein Zusammenleben in einer Zeit, in der man gerade Verantwortung komplett neu lernen muss. Und auch darum geht es in unserem Buch.

Wie haben Sie Ihren Vater denn fürs Mitmachen rumgekriegt?
Ich habe meinem Vater zu Weihnachten die Idee geschenkt, dass wir gemeinsam ein Buch schreiben. Er hat angenommen. Und dann haben wir angefangen, viel zu telefonieren und uns Briefe oder E-Mails zu schreiben. Außerdem haben wir natürlich Spaziergänge gemacht – und dafür ein Schreib-Spiel erfunden?

Wie muss man sich so ein Spiel vorstellen?
Jeder darf dem anderen sieben Fragen stellen. Zu jeder Frage darf man eine Zusatzregel erfinden. Man darf in höchstens 500 Wörtern antworten. Und eine von den Fragen darf man streichen.

Cool.
War es! Durch die formale Strenge hatte man immer einen Bezugsrahmen, indem man sich inhaltlich freier bewegen konnte. Eine interessante Erfahrung! Wir waren gleichberechtigte Schreiber. Es gab keinen Zensor und keinen Korrektor – zumindest nicht, bevor das Buch im Verlag ins Lektorat ging. Wir haben aber auch kenntlich gemacht, welcher Text im Buch von wem geschrieben wurde. Auch die Tantieme werden wir uns teilen.

Und jetzt geht’s raus vor die Leute. Auch als Duo?
Wir werden gemeinsam auf der Bühne sein. Und wir werden wahrscheinlich auch viel miteinander und hoffentlich auch mit dem Publikum sprechen. Es muss niemand Angst haben: Niemand wird abgeprüft. Wir machen ja mit dem Buch einen Vorschlag. Wir wollen die alte Vaterrolle sozusagen demokratisieren, indem wegkommen vom Vater als Rolle hinzu zu einer Tätigkeit, die wir „vatern“ nennen.

Schöner Ausdruck!
„Vatern“ können viele. Das müssen nicht unbedingt ausschließlich Männer sein. Je mehr wir uns kulturgeschichtlich mit den Vätern beschäftigt haben, bin ich auf interessante Sachen gestoßen. Ich weiß jetzt zum Beispiel, dass das Wort Vater nicht vom lateinischen „Pater“ kommt, sondern deutlich älter ist.

Wie denn, indogermanisch?
Unser heutiges Wort „Vater“ stammt aus der Zeit, als der Mensch sesshaft geworden ist. Es war die Zeit, in der es endlich ein Haus gab, in dem verschiedene Menschen zusammengelebt haben. Wenn es Frauen gab, gab es Affären und Kinder. Und dann ist einer aufgetaucht, für den ging es nicht um Sex. Er ist einfach geblieben. Der sprachgeschichtliche „Vater“ war nicht derjenige, der die Kinder gezeugt hat, und er war auch nicht der Chef. Sondern er war einfach da. Und hat sich gekümmert. Zum Chef des Hauses und zum Herrn über Leben und Tod haben ihn später erst die Römer gemacht.

Gerade mit Blick auf die vielen aushäusigen Männer sowie die Stammtischrunden, früher die angeblichen Dienstreisen und die Ansprüche der Fußball- und Schafkopfkumpel dürfte die Idee von einem Vater, der auch mal zu Hause bleibt, gar nicht so schlecht ankommen, oder?
Väter müssen nichts leisten. Und sie können meist auch gar nichts. Väter müssen nicht mal Männer sein. Das Einzige ist: Vater sein, heißt: Der Vater bleibt da! Soll heißen: Umfassende Inkompetenz ohne schlechtes Gewissen!

Klingt gut.
Das ist dann eben doch wieder sehr anschlussfähig.

Interview: Rupert Sommer

Alle Infos zum Buch „Den Vater zur Welt bringen“ der Ratschillers gibt’s hier: www.styriabooks.at/den-vater-zur-welt-bringen. Alle Kabarett-Infos zu Hosea Ratschiller findet man hier: www.hosearatschiller.at. Die Lesung findet am 1. April im Münchner Volkstheater statt. Sehr empfehlenswert!