Ortsgespräch

Atticus im Interview - Über digitale Abhängigkeit und analoge Versteckspiele

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Maskenpoet Atticus

Wer liest denn heute überhaupt noch Gedichte? Die weltweit über eine Million Follower des Instagram-Account @atticuspoetry etwa.

Hinter der glitzernden Maske verbirgt sich ein Geschichtenerzähler und sinnlicher Beobachter von der Westküste Kanadas, der zu den spannendsten Internet-Phänomenen der Gegenwart zählt. Und Atticus kann wirklich schreiben, wie sein wunderschöner neuer dtv-Band „Love–Her–Wild“ beweist.

Der Münchner Verlag hat den öffentlichkeitsscheuen Maskenmann auch in die Stadt gelockt: Am 20. März liest Atticus im Lost Weekend. Und er freut sich schon auf Versteck- und Verführungsspiele mit seinen Fans.

Lieber Atticus, wie fühlt es sich denn für Sie an, ein so großes Publikum weltweit anzusprechen – und das mit dann doch so scheinbar privaten Themen?
Es hilft mir, dass ich eine Maske trage. Sie hat mir immer schon erlaubt, das zu schreiben, was ich fühle – und nicht eben das, von dem ich denke, dass ich es fühlen sollte. Gleichzeitig befinde ich mich ständig in einem Kampf: Ich möchte verletzlicher werden und ich möchte meine Comfort Zone verlassen. Damit schlage ich mich schon länger herum. 

Ihre Leser, Ihre Fans und Follower sind jeweils nur einen Maus-Klick entfernt. Wie wirkt sich diese Nähe auf die Art und die Macht Ihrer Poesie aus? 
Es ist absolut großartig, dass man sofortiges Feedback auf seine Arbeit bekommen kann. Es ist aber auch gefährlich. 

Inwiefern? 
Weil man nämlich leicht damit anfangen könnte, genau so zu schreiben, wie es den Leuten gefällt. Ich muss meiner inneren Stimme treu bleiben. 

Glauben Sie denn, der alte William Shakespeare hätte seine Sonette heute auf Instagram veröffentlicht? 
Coole Frage. Sagen wir so: Wenn Shakespeare bei Instagram wäre, würde ich ihm folgen. 

Ich kann mir vorstellen, dass viele Leute weltweit ziemlich neugierig sind, Ihnen einmal über Ihre Schulter und auf Ihren Arbeitsplatz zu schauen. Wie und wo setzen Sie sich denn hin, um Gedichte zu schreiben? 
Ich habe ein kleines Nebengebäude auf meinem Grundstück, in dem ich gerne schreibe. Ich habe es mir mit allem voll geräumt, was mich inspiriert – meine alten Lieblingsbücher, meine Schreibmaschinen, Schallplattenspieler, Kerzen, Kunstwerke, Whiskey und Tabak-Pfeifen. Wenn ich mich mit all diesen Dingen umgebe, fällt es mir gleich viel leichter, mich in einen Schreibzustand zu versetzen. 

Irgendwelche typischen Rituale, während Sie schreiben? 
Ich höre mir dabei gerne Platten an, mache ein Feuer im Kamin, lese in den Klassikern und höre Jazz. Einfach all das, was mir hilft, meinen Schreibzustand zu erreichen. 

Wie häufig kommt es vor, dass Sie plötzlich anhalten müssen, fast alles liegen und stehen lassen – um ein paar Worte zu Papier zu bringen? 
Andauernd. Ziemlich häufig verschwinde ich von Partys, um ein paar Gedanken zu notieren. Oder ich springe plötzlich aus der Dusche, um etwas aufzuschreiben. Kommt ziemlich häufig vor. 

Wie häufig trifft sie Inspiration fast wie ein Blitz?
Das kommt darauf an. Manchmal schlägt der Blitz bei mir ein. Dann wieder sitze ich für Stunden herum – und nichts passiert. Aber wenn du diesen „Flow“-Status erreicht hast, kann es manchmal passieren, dass du über Stunden hinweg schreibst. Das ist ganz wunderbar. Das fühlt sich für mich dann oft so an, als ob mir jemand einflüstern würde, was ich zu schreiben habe. 

Viele Leute sind fest davon überzeugt, Sie bräuchten einen Drink, eine Zigarette oder die Gegenwart von Jemandem, der sie inspiriert, um kreativ zu werden. Wie muss man sich Ihre „Muse“ vorstellen – und wie verlässlich funktioniert sie für Sie?
Hemingway sagte einmal, dass man betrunken schreiben und nüchtern noch einmal daran arbeiten sollte. In Wirklichkeit hat er kaum geschrieben, wenn er betrunken war. Ich brauche unbedingt eine Muse – oder manchmal eine Muse, die in meiner Imagination zu mir spricht. Tatsächlich kann ja fast alles diese Musen-Rolle einnehmen. Ich lasse mich gerne von den Städten inspirieren, in denen ich mich aufhalte. Ich liebe Paris, Prag und New Orleans zum Schreiben. Und auch die Natur funktioniert wie eine Muse für mich. Sie ist ein Geschenk ohne Grenzen für meine Kreativität.

Wie sieht’s mit der Kehrseite Ihrer Schreibfreudigkeit aus: Wie schwer fällt Ihnen ab und an eine Übung in „Digital Detox“? Ab und an muss man ja man auch mal das Smartphone ausschalten und das Laptop endlich runterfahren.
So etwas schaffe ich leider viel zu selten. Ich fordere mich ständig selbst darin heraus, mein Telefon und mein Laptop seltener zu gebrauchen. Aber ich finde es hart, diese Dinge auch wirklich abzuschalten. Ich fürchte wir erreichen als Gesellschaft so langsam einen Punkt, an dem die Bestrebungen, uns immer stärker zu entmenschlichen, zunehmen und ihren Tribut fordern. Wir verlieren so langsam das Gefühl dafür, was es heißt, ein Mensch zu sein. 

Einige Umfragen sagen ja bereits, dass manche Leute eher mit ihrer Freundin Schluss machen würden als ihr iPhone aufzugeben. Wie un-poetisch ist das denn? 
Bitter. Aber ich kann’s schon nachvollziehen. Ich würde mich wahrscheinlich auch lieber von einer Freundin trennen. Da ist sie wieder, die scheußliche Form von Wirklichkeit, die die Welt heutzutage erreicht hat. 

Einerseits folgen Ihnen weltweit Tausende Menschen bei Ihren Gedanken und Gefühlen. Andererseits wissen dieselben Fans so gut wie nichts wirklich über Sie. Warum scheint es Ihnen so große Freude zu machen, sie zu quälen? 
Einmal hat eine Frau nach einer meiner Lesungen ihre Hand gehoben und zu mir gesagt: „Ich weiß nicht, warum Sie diese Maske für sich gewählt haben. Aber mir gefällt, dass sie reflektiert. Die Maske erlaubt den Leuten, sich selbst in ihr zu sehen.“ So ein schöner Gedanke! Es ist faszinierend, dass es so viele Leute gibt, die herausfinden wollen, wer ich bin. Und dass es gleichzeitig so viele Leute gibt, die das nicht tun wollen. Mir gefällt, dass meine Leser eine Person, die ihnen gefällt, hinter die Maske stecken wollen. 

Maskenpoet Atticus

Wie wichtig ist die Maske denn wirklich für Sie? 
Die Maske selbst ist nicht wichtig für mich, Anonymität ist mir wichtig. Sie macht so viel mehr aus den Worten als die Person.

Und warum haben Sie sich für den Namen Atticus entschieden? 
Es gab einmal eine Nation und einen Landstrich im alten Griechenland, der Attica hieß. Es war eine Gesellschaft voller Poeten und Philosophen. Der Name hat mir schon immer gefallen. 

Sie haben ein Leben und so eine lebendige Figur für die digitale Welt geschaffen. Und plötzlich gibt es auch ein wunderschönes Buch, das man ganz klassisch in Buchläden kaufen kann. Wie stolz macht sie das? Sie halten doch Bücher hoffentlich nicht für etwas Altmodisches? 
Ich habe Bücher immer schon geliebt. Daher war es natürlich mein Traum, selbst eines Tages eines herauszubringen. Jetzt ist es ein Erlebnis, das mich demütig stimmt. Reale Bücher haben etwas Magisches. Man kann sie anfassen, ihre Seiten blättern und ihren Duft einsaugen. Wunderschöne Dinge! 

Wenn Sie arbeiten, benützen Sie für Ihre Skizzen dann eigentlich auch noch ein altmodisches Notizbuch? Oder kritzeln Sie auf Ihre Schreibtischunterlage?
Ich liebe es, in Notizbüchern zu schreiben. Außerdem sammle ich Füllfederhalter, benütze sie gerne und schreibe mit unterschiedlichen Tintenfarben. Für das eigentliche Schreiben benutze ich aber mein Smartphone oder den Computer so oft es geht, um die Dinge ordentlich zu halten und um sie schneller bearbeiten zu können. Ich feile ständig an meinen Gedichten und verändere sie immer wieder. 

Ein echtes Buch herauszubringen war ja so was wie ein erster Schritt in die reale Welt. Jetzt gehen Sie auch auf Tour. Was macht den Charme aus, mit einem Publikum zu sprechen – ganz „analog“? 
Mit den Leuten online zu sprechen, ist die eine Sache. Aber sie persönlich zu sehen, ist eben doch etwas ganz anderes und bedeutet mir viel. Mich begeistert es immer wieder, die Geschichten der Leute zu hören, ihre Tätowierungen zu sehen oder zu bemerken, wo genau sie in den Büchern, die sie mitgebracht haben, ihre Einmerker angebracht haben. Dafür schreibe ich. Und dafür ist es wichtig, so etwas zu machen. 

Ihr Spiel mit der Maske dürfte Auftritte auf Lesungsabenden wie bei Ihrem Termin in München nicht ganz unkompliziert machen. 
Ach, das klappt schon. Ich hab das nun schon so oft eingeübt. Ich weiß mittlerweile ganz gut, wie ich ein Geheimnis bewahren kann. 

Es muss ja auch Vorteile haben, wenn Ihr Gesicht nicht bekannt ist, wenn Sie später noch unterwegs sind. München ist eine ganz lebensfrohe Stadt. 
Natürlich hat das Vorteile. Es ist immer gut, wenn man nicht erkannt wird. Es gibt mir immer die Gelegenheit, mich in den Städten zu verlieren. Ich freue mich auf München, ich liebe Deutschland und ich bin gespannt darauf, dort zu schreiben – und mich zu verlieren. 

Besteht die Chance, dass Sie später noch Fans aus der Lesung später in einer Bar treffen. Und die Leute ahnen dann gar nicht, dass sie mit Atticus sprechen?
Klar, das ist auch schon so passiert. Ich habe schon sehr lange Gespräche mit Fremden über diesen Atticus geführt, ohne dass die Leute eins und eins zusammengebracht haben. Das ist mir sogar schon mal mit einem Sitznachbarn im Flugzeug passiert. 

Trotzdem: Wie häufig spielen Sie mit der Idee herum, eines Tages doch noch Ihr Versteckspiel aufzugeben? 
Es macht einfach zu viel Spaß. Es gibt viele Leute, die glauben, sie wüssten, wer Atticus ist. Aber es gibt tatsächlich nur drei Menschen auf dieser Erde, die wirklich eingeweiht sind. Es hat viel Planungsarbeit gebraucht, um das so aufzubauen. Und deswegen möchte ich es auch so halten. Es geht um die Worte – nicht um die Person.

Interview: Rupert Sommer

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