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Markus Naegele: „Trotzreaktion gegen Corona-Frust“

Markus Naegele
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Markus Naegele

Den Spaß am öffentlichen Leben und Feiern nicht ganz vergessen: Markus Naegele hat für das Comeback der Hardcore Nacht am 20. August in der Muffathalle ein grandioses Line-up zusammengetrommelt.

Endlich wieder eine Heyne Hardcore Nacht: Wie groß ist die Vorfreude und auch die Erleichterung, dass so ein großes Lese-Fest sich jetzt wieder Gehör verschaffen kann?
In erster Linie geht es mir um ein Signal, ein Lebenszeichen. Dass wir noch da sind. Dass wir auch aktiv bleiben. Dass unsere Community zusammenhält. An dem Abend sind ja alles Leute aus der Münchner Szene dabei – Autoren, Moderatoren, Musiker. Viele davon haben wir eine Zeitlang nicht mehr gesehen, viele werkeln alleine vor sich hin. Insofern sehe ich den Abend schon auch als eine Art Wiedersehen. Wir haben seit März unzählige große Veranstaltungen absagen müssen – Debbie Harry, Billy Bragg, Irvine Welsh, John Niven, Stefan Wimmer, Franka Frei. Darauf hatten wir uns massiv gefreut, die Absagen haben natürlich sehr gefrustet, auch weil da viel Arbeit und Vorbereitung drin steckten. Und weil es einfach tolle Leute sind, die man gerne trifft.

Vom Unter Deck in die Muffathalle: Ein Schritt, auf den man ja auch mal stolz seinen darf. Wie schwer war es denn, das Konzept von der Kneipenbühne in die Konzerthalle zu übertragen?
Das werden wir sehen. Ursprünglich wurden wir von einem anderen Veranstalter angesprochen, ob wir nicht auf einer Open-Air-Bühne einen Abend bestreiten wollten. Ich hatte schon lange die Idee, mal einen reinen Leseabend mit Texten aus Musikerbiografien oder von Musikern zu veranstalten. Das Konzept war also im Kopf bereits vorhanden. Nachdem alles vorbereitet war, gab es dann kurzfristig einen Rückzieher von Veranstalterseite. Kurzerhand hab ich dann das fertige Konzept der Muffathalle vorgeschlagen, die fanden es super, auch wenn die derzeitige Begrenzung auf maximal 200 Leute für einen Veranstaltungsort von der Größe der Muffathalle sich natürlich finanziell nicht rechnen kann. Aber jetzt probieren wir das mal.

In der Ferienzeit, im Sommer, in der Halle. Wie sich das dann anfühlt mit Abstandsregeln, werden wir sehen, da macht ja jeder gerade seine eigenen Erfahrungen. Natürlich ist es schöner, wenn es eng und intim ist, aber es hilft ja nichts, die Alternative wäre, gar nichts mehr zu machen. Oder weiter Streaming, aber ganz ehrlich, das kann es nicht sein. Direkten Kontakt zum Publikum kannst du durch nichts ersetzen, das wird dir jeder Künstler bestätigen.

Hardcore-Nächte leben von der intimen, ja auch ein wenig verschwörerischen Nähe von Publikum und Künstlern, von Fans und mitfeiernden Stars. Wie groß ist die Zuversicht, dass zumindest dieser ungefährliche, fürs Seelenheil gesunde Funke im großen Stil überspringt?
Das hängt von den Vortragenden und dem Publikum ab. Wenn sie gemeinsam einen schönen Abend verleben wollen, dann kann das auch in einer größeren Halle funktionieren. Die Muffathalle plant ja auch nicht einfach Stuhlreihen mit Abstand, sondern es ist vorgesehen, dass das Publikum in Gruppen an Tischen sitzt, deshalb gibt es auch Gruppentickets bis zu 6 Personen. Das soll sich dann mehr so anfühlen wie bei einer Gala oder in einem Jazz-Club. In anderen Städten wird dieses Konzept bereits erprobt und soll sich sehr gut auf die Stimmung auswirken.

Das Line-up der Lesenden liest sich ja wie ein Festival-Plakat: Wie knifflig war es, die Künstler diesmal zusammenzutrommeln?
Ich habe über die Jahre ein Netzwerk an Autoren, Journalisten und Musikern aufgebaut, das uns kennt und schätzt, was wir tun. Ich habe zwei Tage rumtelefoniert, dann stand das Line-up. Jeder, den ich gefragt habe, hat auch zugesagt. Am Ende hatte ich fast zu viele Akteure und musste mich bremsen. Alle scheinen scharf drauf zu sein, mal wieder vor Publikum aufzutreten.

Wie gut hat das Musik-Überthema geholfen, und wie schnell waren die Mitwirkenden dafür Feuer und Flamme?
Das Musik-Thema hilft bei der inhaltlichen Ausrichtung und gibt dem Ganzen einen Rahmen, außerdem kann ich mich nicht erinnern, dass es das in der Form schon mal gab. Dazu kommt ja auch noch die Livemusik, sodass der Abend eigentlich kurzweilig werden müsste. Die einzelnen Lesungen werden kurz und knackig sein, wir wollen niemanden langweilen.

Vermeintliche Kenner unken ja oft: Über Fußball oder über Musik- und Party-Exzesse kann man fast nicht schreiben, solche Intensität kann man nur erleben. Wie würden Sie da dagegenhalten?
Alles eine Frage der Qualität. Man kann sehr prollig über Exzesse schreiben, man kann es aber auch sehr stilvoll und amüsant tun wie etwa John Niven oder Irvine Welsh. Ich bin ja auch der Meinung, dass die Memoiren von Ozzy Osbourne große Literatur sind. Und wenn die Beastie Boys über ihre Anfänge in der New Yorker Clubszene in den frühen 80ern schreiben, dann ist das zum Schreien komisch. Davon abgesehen müssen Texte über Musik nicht in Exzessen enden. Friedrich Ani möchte aus dem Kurzgeschichtenband von Gitarrenlegende Ry Cooder lesen, das sind atmosphärisch sehr dichte Noir-Geschichten über L.A. Das Feld ist also weit offen.

Lampenfieber oder überzogene Schüchternheit muss man Ihnen ja wohl nicht unterstellen. Wie groß ist aber der Respekt, sich jetzt mit Don Marco ins breitere Licht der Fan-Öffentlichkeit zu begeben?
Ich habe die Hardcore-Abende von Anfang an moderiert, damit eine lockere Gesprächssituation mit den Autoren entsteht, wie ein launiges Gespräch in der Kneipe. Da muss ich mich gar nicht groß vorbereiten, das würde mich dann eher nervös machen. Und dass ich seit Jahren parallel in einer Indie-Rockband namens Fuck Yeah spiele, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Die Band legt gerade eine Pause ein, die habe ich für ein neues deutschsprachiges Projekt genutzt, welches sich Don Marco & die kleine Freiheit nennt. Don Marco ist mein alter DJ-Name, falls das jemanden interessiert. Im Januar kommt das Debütalbum, in der Muffathalle treten wir erstmals mit Münchner Musiker*innen live auf, dabei sind Philip Bradatsch an der Gitarre, Kevin Ippisch von Fuck Yeah am Bass, Teresa Staffler an den Keyboards und Maria de Val von Me + Marie und Angela Aux an den Drums.

Fuck Yeah wäre ja auch eine trotzige Antwort raus aus vermeintlichem oder echten Corona-Frust gewesen: Ruht das alte ruppige Band-Projekt jetzt oder schlagen gleich mehrere wilde Herzen in der Brust des Don?
In meiner Brust schlagen immer mehrere Herzen. Und ja, die Veranstaltung ist auch ein wenig eine Trotzreaktion auf den Corona-Frust. Wir sollten uns trotz aller Abstandsregeln und Sicherheitsvorkehrungen nicht den Spaß am öffentlichen Leben nehmen lassen. Die Voraussetzungen für Veranstaltungen und Zusammenkünfte sind derzeit kompliziert, aber es kann auch nicht sein, dass wir uns jetzt in unserer Netflix-Welt auf dem Sofa einrichten. In so einer Welt will ich jedenfalls nicht leben.

Interview: Rupert Sommer

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