Ortsgespräch

Maren Richter: „Erzählungen müssen Relevanz haben“

Maren Richter
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Maren Richter

Die Historikerin liest am 14. Juli im Gasteig aus ihrer Biografie über Maria Daelen, einer emanzipierten Frau, Ärztin und Gesundheitspolitikerin im 20. Jahrhundert.

Lange Zeit sah's zuletzt ja zappenduster für Kulturveranstaltungen aus in München. Nun geht's endlich wieder los. Wie fühlt es sich denn für Sie an, wenn Sie mit Ihrer Lesung ja fast so ein wenig im Alleingang den Gasteig wiedereröffnen?

Es fühlt sich sehr besonders an – mit einer großen Portion Erleichterung und ein wenig Stolz, dass ich mich trotz Corona-Krise nicht habe entmutigen lassen. Jeder, der seit Monaten um seine Veranstaltung bangt, kennt die vielen Hürden, die vielen Rückschläge, die große Unsicherheit, was noch kommen wird. Ich bin froh, dass ich an der Veranstaltung festgehalten habe: der Blick in die glücklichen Gesichter meiner Gäste wird all meine Mühen entschädigen. Dass ich eine der ersten Veranstaltungen im Gasteig sein werde, freut mich natürlich. Es ist ein schönes Zeichen an alle: es geht wieder los!

Wie haben Sie eigentlich selbst die Lockdown-Zeiten verbracht und wie groß ist Ihre Hoffnung, dass München jetzt wieder "normaler" wird?

Der Lockdown fiel bei mir genau in die freie Zeit zwischen meinem Berufswechsel – Glück oder Pech, je nachdem. Einerseits hatte ich dadurch keine Belastungen wie Home-Office, andererseits hat mich in dieser Situation der Entzug von sozialen Kontakten ganz schön gebeutelt. Das ständige Bangen um meine Lesung und die vielen Umorganisationen haben mich dann auf Trab gehalten. Dass man jetzt wieder in Restaurant und Bars gehen kann, ist ein Riesen Gewinn an Freiheit und Genuss – jetzt fehlt nur noch die Kultur. Und wenn wir alle die gebotenen Regeln einhalten, kann ich mir gut vorstellen, dass wir von einer zweiten Welle verschont bleiben. Für alle Kulturschaffenden wäre das existenziell!

Was sagt Ihnen denn Ihr inneres Augen, wenn Sie sich den Blick von der Bühne auf ein Publikum mit viel Sicherheitsabstand und mit Masken vorstellen? 

Das habe ich mich in der Tat auch schon oft gefragt. Es wird sicherlich eine seltsame Erfahrung – geht es doch bei der Lesung auch um den Kontakt mit meinen Zuhörern. Aber ich will mich davon nicht irritieren lassen. Wir sitzen in der Black Box, es ist dunkel, ein paar Scheinwerfer – die Worte, die Bilder und die Musik, alles zusammen soll eine wunderbare Stimmung erzeugen, die uns trotz Abstand alle verbindet, die das Maskentragen vergessen lässt und alle in den Bann zieht. Wenn uns das gelingt, wäre das wunderbar!

Zum Glück sind Sie ja nicht allein auf der Bühne: Warum haben Sie sich eigentlich Clemens Weigel als Begleiter ausgewählt - als Cellist bei einer Lesung?

Die Idee kam ganz intuitiv. Das Leben von Maria Daelen, über das ich lese, ist so vielfältig, mitreißend und intensiv. Ich habe gespürt, dass eine einfache Lesung dem Leben dieser beeindruckenden Frau des 20. Jahrhunderts nicht gerecht werden würde. Das Zusammenwirken von meinen Worten und Clemens wunderbarem, tiefem Cellospiel verspricht dagegen genau die Intensität, die das Leben von Maria Daelen dem Besucher näherbringen kann. Der Abend wird damit eine ganz eigene „Komposition“ und damit auch ein ganz neues Hörerlebnis.

Mit Maria Daelen, die Sie ins Zentrum Ihres neuen Buchs gestellt haben, wählten Sie ausgerechnet eine Ärztin, ja sogar eine Gesundheitspolitikerin. Ironie des Schicksals oder eine Art Vorahnung?

Darüber musste ich in letzter Zeit auch immer wieder schmunzeln: Was ist gerade nicht aktueller als eine Ärztin, die bei der WHO gemeinsam mit der Weltgemeinschaft um die richtige Gesundheitspolitik ringt und sich für die weltweite Bekämpfung von Seuchen und Pandemien engagiert? Als ich 2018 die Biografie begonnen habe, war die Corona-Krise aber noch in weiter Ferne. Maria Daelen habe ich im Rahmen meiner Forschungen zur Nachkriegsgeschichte des Bundesinnenministeriums, ein Forschungsprojekt des Instituts für Zeitgeschichte, entdeckt. Maria Daelen war im Ministerium eine der wenigen Frauen in Führungsposition. Zwischen all den dunklen Anzugsträgern mit Hut der 1950er und 1960er Jahre fiel sie mir sofort auf: sie war außergewöhnlich!

Was hat sie an der taffen, emanzipierten Frau am meisten fasziniert: Warum haben Sie sie für ein Buch ausgewählt?

Besonders fasziniert haben mich ihr Mut und ihre Selbstbestimmtheit – in einer Zeit, in der es für Frauen noch wenig Raum gab, sich selbst zu verwirklichen. Maria Daelen war ihrer Zeit immer ein Stück voraus. Als das Studium für Frauen in den 1920er Jahren noch alles andere als selbstverständlich war, entschied sich Maria Daelen für den Beruf der Chirurgin und studierte Medizin. Als ihr langjähriger Lebenspartner, Stardirigent Wilhelm Furtwängler, sich Maria während seinen langen Tourneen sehnlichst als umsorgende Begleiterin an seine Seite wünschte, blieb sie jedoch ihren eigenen Zielen treu und eröffnete in Berlin eine eigene Arztpraxis. Seelische Verletzungen und persönliche Rückschläge blieben da nicht aus. Nur allzu oft stieß Maria Daelen an Grenzen, die ihr als Frau gesetzt waren. Dennoch hat sie sich nie entmutigen lassen und ist ihren Weg weitergegangen: Solche Frauen als Vorbilder sind wichtig, finde ich, auch heute oder vor allem heute. Sie bestärken uns und machen Mut für unseren eigenen Weg.

Es werden ja nicht erst seit "Babylon Berlin" immer gern Parallelen von den Zwanzigern zu heute gezogen: Alles Quatsch oder passt das eben doch?

Manche Ähnlichkeiten zwischen den 1920er Jahren, sprich der Weimarer Republik, zu heute sind verblüffend. Aber wir Historiker betonen ja immer wieder gerne, dass sich Geschichte nicht wiederholt. Die 20er Jahre bestehen ja nicht nur aus einem „Babylon Berlin“, wie es uns manchmal die Filme vor Augen führen, sondern es zeigen sich komplexe, ineinander verflochtene politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Einfache Analogien zu heute zu ziehen, verbietet sich da, denke ich. Eine kluge und tiefgehende Analyse der damaligen Verhältnisse kann aber helfen, heutige Problemlagen besser zu verstehen und unsere Demokratie zu stärken. Das alles hält uns natürlich nicht davon ab, uns von dem exzessiven Berliner Nachtleben damals faszinieren zu lassen. Wenn Maria Daelen lässig im Hosenanzug in ihrem roten Ford-Cabrio sitzt und sich eine Zigarette dreht, fühl ich mich mitten drin in den pulsierenden 20er Jahren!

Letzte Frage: Irre Ausnahmezeiten sind das ja schon. Planen Sie darüber schon Ihr neuestes Buchprojekt?

Was als nächstes ansteht, kann ich leider noch nicht verraten. Aber klar ist für mich: Erzählungen müssen Relevanz haben. Ob das nun aktuelle Fragen sind, wie wir beispielsweise als Mensch in Zukunft leben wollen – mit denen ich mich als Kuratorin für BIOTOPIA auseinandersetze – oder ob es der neue Blick auf eine spannende Lebensgeschichte eines Menschen ist, mit all seinen Erfolgen und all seinem Scheitern, in ruhigen wie in unruhigen Zeiten. Ob Buch, Hörspiel oder Ausstellung: Geschichten zu erzählen, die uns berühren und die uns Kraft geben, wird immer meine große Leidenschaft sein!

Tickets und weitere Informationen zur Veranstaltung am 14. Juli in der Black Box im Gasteig finden Sie hier.

Interview: Rupert Sommer

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