Junger Münchner Verlag

„Man braucht Fantasie“ – Der junge Verlag „& Töchter“ stellt sich vor.

Die fünf &Töchter. Wir haben mit Elena Straßl (2. v. links) gesprochen
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Die fünf &Töchter. Wir haben mit Elena Straßl (2. v. links) gesprochen

Der Münchner Verlag &Töchter, gegründet von 5 Publizistikstudentinnen wirbelt den Literaturbetrieb auf. Mitgründerin Elena Straßl berichtet über Corona, Lesen im Boxstudio und zukünftige Pläne.

Im Corona-Jahr einen Verlag mit besonderem Konzept starten? Fünf Publizistikstudentinnen aus München zeigen wie’s geht und haben „&Töchter“ gegründet. Mit einem Roman („Glashauseffekt“ von Alexander Sperling), einem Sachbuch („Great Green Thinking“) und vielen Event-Ideen im Schlepptau schauen Sie optimistisch in die Zukunft, so &Tochter Elena Straßl.

Liebe Elena Strassl, wie muss man veranlagt sein, um als junger Verlag mit noch wenig Programm, aber umso einfallsreicheren Veranstaltungsideen durch das Jahr 2020 zu kommen?
Man braucht viel Fantasie, Optimismus und Durchhaltevermögen. Aber eigentlich können wir uns nicht beschweren. Es war sehr traurig, dass wir keine physischen Leseveranstaltungen organisieren konnten und der Erscheinungstermin eines unserer Bücher hat sich auch um ein halbes Jahr verschoben, aber alles in allem hatten wir keine großen Verluste oder dergleichen. Trotzdem freuen wir uns natürlich sehr, wenn alles wieder in gewohnten Bahnen läuft. Wir haben viele schöne Ideen, die hoffentlich im nächsten Jahr alle umgesetzt werden können.

Gab es denn Erkenntnisse, die ihr als Verlag in einem Corona-freien Jahr nicht gewonnen hättet?
Wir sind uns jetzt immer sicherer, dass unsere Arbeitsweise für uns die richtige ist. Schon vor Corona haben wir unser Unternehmen fast ausschließlich mit verschiedenen Kommunikations-Apps geführt und konnten so nur mit dem Laptop von überall arbeiten. Und trotzdem haben wir gemerkt, wie wichtig uns der persönliche Austausch ist! Denn wenn wir mal ehrlich sind, war einer der Gründe für unsere Verlagsgründung, dass wir Freundinnen sind und gemeinsam arbeiten und spannende Projekte auf die Beine stellen wollten. Das ist per Video-Call einfach nicht dasselbe und uns wurde immer deutlicher bewusst, wie sehr wir auch die gegenseitige Gesellschaft im Arbeitsalltag schätzen.

Im Rahmen eurer Reihe „rauschen & töchter“ habt ihr bereits Lese-Events im Gemüseladen oder im Boxstudio abgehalten. Kamen denn da auch Gäste des Studios oder bestand das Publikum aus Bücherwürmern zwischen baumelnden Boxsäcken?
Das ist genau das Besondere an unseren Events. Im Publikum sitzen nicht nur die klassischen Leseratten und auch nicht nur Studierende in unserem Alter. Die Menschen kommen bunt gemischt und möchten einfach einen spannenden Kulturabend erleben. Im Boxstudio zum Beispiel kam ein ganzes Team im Trainingsanzug. Erst waren die Jungs etwas skeptisch, doch dann begeistert von dem abwechslungsreichen Abend. Und darum geht‘s uns: Wir möchten die Literatur wieder zum Gesprächsthema machen und dafür braucht sie eine interessante Bühne.

Könnt ihr etwas aus dem Nähkästchen plaudern? Welche Events musstet ihr denn leider verschieben?
Leider mussten wir direkt im März unseren Abend mit dem Motto „unwiderstehlich“ vorläufig absagen. Er hätte in der Bäckerei Neulinger stattgefunden, einer der wenigen Münchner Bäckereien die wirklich noch vor Ort selbst backen: Der Chefbäcker wollte mit den Gästen gemeinsam Brezn backen und es hätte auch wieder einen Musik-Act gegeben. Besonders hatten wir uns auch auf die Frankfurter Buchmesse gefreut. Wir haben die Wildcard gewonnen und damit einen eigenen Stand. Das wurde auf nächstes Jahr verschoben und wir versuchen es positiv zu sehen. In einem Jahr haben wir schon mehr Bücher im Programm und sicher auch viel mehr Möglichkeiten den Stand individuell zu gestalten. Außerdem konnten wir dieses Jahr trotzdem Teil der virtuellen Messe sein und unsere PR-Chefin Lydia durfte sogar auf der Eröffnungskonferenz sprechen. Das war unser absolutes Highlight!

Zudem schön an euren Events ist auch, dass neben jungen Autor*innen, die ihre eigenen Werke lesen, auch Literaturfans Texte vorstellen dürfen, die ihnen am Herzen liegen. Warum ist euch das wichtig und gibt es da eventuell eine nette Geschichte zu erzählen?
Das war eine Idee, die wir leider nur bei unseren ersten zwei noch privateren Veranstaltungen umsetzen konnten. Bei einem öffentlichen Event geht das aus Urheberrechtsgründen leider nicht. Aber das ist gar nicht so schlimm, denn wir haben festgestellt: So viele Menschen schreiben Geschichten! Und viele davon machen es heimlich und trauen sich erst bei der richtigen Gelegenheit ihre Texte vorzustellen. Manche unserer Lesenden saßen zum ersten Mal auf einer Bühne und das hat es zu etwas ganz Besonderem gemacht. Manche mussten sich erst etwas Mut antrinken und manche waren schon mehrmals dabei und schreiben immer wieder neu, extra zu unserem Motto passend. Dabei entsteht eine ganz tolle Vielfalt an Geschichten. Es waren schon politische Glossen dabei, genauso wie romantische Lyrik und Poetry Slams.

Mit euren ersten beiden Veröffentlichungen greift ihr aktuelle Diskurse auf und tragt zu diesen bei. Könnt ihr ein bisschen erklären, wie es dazu kam, dass diese beiden Titel eure ersten VÖs wurden? Ist euch die Aktualität in der Programmgestaltung ein prinzipielles Anliegen oder darf es bald auch mal etwas zeitloser sein?
Bei der Programmgestaltung sind wir offen. Wir möchten Bücher publizieren, die wir selbst gerne lesen würden und Themen ansprechen, die uns wichtig sind. Beim Zukunftsroman „Glashauseffekt“ und dem Sachbuch „Great Green Thinking“ hat es in unserem ersten Programm inhaltlich sehr gut zusammengepasst. Beide setzen sich auf unterschiedliche Weise mit Klimawandel und Nachhaltigkeit auseinander. Das hat sich teilweise zufällig so ergeben und teilweise haben wir selbst aktiv nach Autor*innen gesucht. So sind wir manchmal auch Teil der Konzeption, was uns großen Spaß macht. Als junge Frauen in der Buchbranche sind viele Themen, die uns interessieren aktuell, aber das ist nicht ausschlaggebend, dass ein Buch von &Töchter verlegt wird. Nur bei der Produktion möchten wir keine Kompromisse eingehen. Unsere Bücher werden alle klimapositiv gedruckt.

Einige freuen sich bei einem Blick auf eure Erstveröffentlichung sicher, dass ihr mit „Glashauseffekt“ von Alexander Sperling einen Science-Fiction- bzw. Dystopie-Roman herausbringt; ein Genre, das in manchen großen Verlagshäusern zu Unrecht leider immer noch als trivial belächelt wird. Wie wichtig ist euch die Unterscheidung von hoher und vermeintlich trivialer Literatur?
Das ist gar nicht so leicht zu beantworten, weil wir mit selbst publizierten Titeln ja noch nicht so viel Erfahrung haben. Glashauseffekt ist ein Roman, der inhaltlich viele Facetten anspricht und sehr zum Nachdenken anregt. Wer dafür bereit ist, wird die Absichten des Buches sicher gut verstehen. Klar haben wir persönliche Vorlieben und da passen manche Bücher auch einfach nicht so gut zu uns, aber wir möchten uns da nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Eine Unterscheidung zwischen hoher und trivialer Literatur ist ja auch nicht zielführend und am Ende dann doch auch einfach Geschmacksache und es ist unmöglich, es jedem Recht zu machen. Unser Kriterium ist, dass wir selbst vollkommen überzeugt sind von den Büchern die wir verlegen und bei fünf ganz unterschiedlichen Frauen sind die Texte da so oder so einer genauen Prüfung unterzogen.

Wem sollte man Glashauseffekt und „Great Green Thinking“ sobald es erscheint, vorlesen?
Menschen die sich gerne inspirieren lassen und die weiterdenken möchten. Beide Bücher sollen nicht belehren, sondern einen Raum für eigene Ideen schaffen und natürlich sollen sie eine schöne Geschichte erzählen. Ich habe Glashauseffekt meiner Oma geschenkt, obwohl ich wusste sie würde nicht alles verstehen und sie war danach so interessiert und hat mir ganz viele Fragen gestellt, nicht nur zum Buch, sondern unserer ganzen Generation. Außerdem werden bei unseren Büchern auch Ästhetik-Liebhaber auf ihre Kosten kommen. Die Bücher sind liebevoll und modern gestaltet und hergestellt.

Autor: Franz Furtner

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