Interview

Autor Stefan Wimmer: „17 Jahre Ausnahmezustand“

Stefan Wimmer

Leben, leiden und Krisen trotzen – in Pasing: Stefan Wimmer, Autor, Journalist und Karlsgymnasianer, hat den ultimativen Eighties-Vorstadt-Roman geschrieben.

Herr Wimmer, Bücher schreiben sich nicht über Nacht. Mit Die 12 Leidensstationen nach Pasing dürften Sie ja über mehr als nur ein paar Wochen schwanger gegangen sein. Dann kommt der tolle Roman raus – und die halbe Welt redet fast nur noch von Corona. Reicht Galgenhumor für Verarbeitung von so viel Künstlerpech überhaupt aus?

Die zwei Monate Corona jucken mich nicht. Ich arbeite als Schriftsteller sowieso seit 17 Jahren im Ausnahmezustand. Den Roman habe ich in der Hängematte in Mexiko geschrieben, von 2015 bis 2017. Zwei weitere Jahre allerdings hab ich damit vergeudet, ihn Geistestitanen von Piper bis Ullstein und Agentur Eggers bis Agentur Ohneland anzubieten – natürlich ohne Erfolg. Jetzt schreibt die Presse, der Roman sei „genial“. Das ist etwas, das ich seit 17 Jahren erlebe, und da weißt du, du bist in Deutschland.

Stefan, Roderick und ihre Kajal-Clique aus dem Roman lassen immer wieder durchblicken, dass Pasing Mitte der 80er Jahre für sie ein Gefängnis, wenn nicht sogar eine Art Vorhölle ist. Erinnert Sie das jetzt nicht auch ein bisschen ans Lagerkollergefühl im Corona-Modus? 

Sagen wir so: Pasing war eine Mischung aus Irrenhaus und Paradies. Es gab wahnsinnig viele geisteskranke Intensivtäter, und neben geisteskranken Intensivtätern aufzuwachsen war natürlich seeehr intensiv (lacht). Aber wenn du auf der anderen Seite des Bahnhofs an der Marsopstraße am Würmkanal ein Weißbier getrunken hast, vielleicht sogar Hand in Hand mit einem hübschen Mädchen, dann war das das Paradies.

Sie haben ja schon viel geschrieben - als Journalist wie als Autor. Wie viel Mut hat es eigentlich gebraucht, sich mit dem Pasing-Roman ganz nah ans Autobiografische vorzuwagen?

Es gibt in den 12 Leidensstationen nach Pasing ganz sicher einige autobiografische Momente, aber ich brauche keine zwei Jahre, um einen reinen Erlebnisbericht abzuliefern. So was mach ich in zwei Wochen. Für einen Roman muss ich ein ganzes Raketenfeuerwerk an Gags aufbauen, ich muss Handlungen und Nebenhandlungen strukturieren, Spannungsbögen ziehen, Figuren erschaffen und perfektionieren etc. etc. Aber sicher, da ich diesmal keine Lust hatte, mir ein Pseudonym für meinen Erzähler auszudenken, halten alle das Beschriebene für die goldene Wahrheit. Eine Bekannte meinte kürzlich: „Du, ich glaub, der eine primitive Schläger, über den du dich da lustig machst – des is mei' Freund! Dem geb ich des Buch gleich mal! Dann wirst' sehen, was passiert!“ (lacht)

Normalerweise sagt man ja: Zeit heilt alle Wunden. Wie schlimm war Ihre Pasinger Zeit denn wirklich?

Die Zeit war total geil. Ich sag spaßeshalber immer: Nach Erreichen der Volljährigkeit ging's bei mir bergab (lacht). Nein, kleiner Scherz, meine sieben Jahre in Mexiko waren natürlich auch total geil. Oder auch jetzt ab und zu, vor allem wenn ich in den Bergen bin oder in Spanien. Zu den Achtzigern kann ich nur sagen (ich hab ja versucht, das im Vorgängerbuch „Das große Bilderbuch der Vulkanvaginas“ zu schildern): Die Zeit war vom Pornofaktor her ein bisschen wie die Endmoräne der Hippiezeit: Es gab unheimlich viel Sex, keiner hat sich um AIDS gekümmert, und das einzige, was gezählt hat, waren Coolness, Selbstironie und Nimbus.

Und lieber Blumenau oder doch Villenkolonie?

Blumenau builds character, keine Frage.

Ohne Musik ist Ihr Roman unvorstellbar. Wie viel vom Soundtrack hat denn heute noch Bestandsschutz auf Ihren Playlists?

Ich hab einen extrem breiten Geschmack, aber logo, 80er sind spitze. Du hörst die „Parade“ von Spandau Ballett, und weißt, dass heute der Teufel die Welt regiert. In mancher Hinsicht überschneidet sich mein Geschmack sogar mit dem von Lothar (=der Proll-Widersacher der Kajal-Clique in Die 12 Leidensstationen nach Pasing, A.d.V.): Meat Loaf oder Heart's „Ever“ gehen immer! Man muss sich überhaupt mal die Grundsatzfrage stellen: Gab es schlechte Musik in den Achtzigern? Gab es irgendetwas, das schlecht war in den Achtzigern? Ja, doch vielleicht The Romantics' Talking In Your Sleep oder Mr. Misters Kyrie Eleison.

Welche Zauberwirkung entfalten Sechsämtertropfen weiterhin?

Nach Jahren immer noch dieselbe wie alle alkoholischen Getränke, außer Galliano.

Nach absolvierten Leidensstationen oder Pilgerfahrten sollte sich ja so was wie Absolution einstellen: Wie gut hat der Abschluss des Romans dem ehemals leidenden jungen Wimmer getan?

Der Abschluss hat ihm sehr schlecht getan. Ich hatte noch nie so einen solchen Spaß beim Buchschreiben wie während dieser Zeitreise.

Viele Wichtigtuer raten ja jetzt, die angeblich so viele freie Zeit für eigene kreative Projekte zu nutzen. Kann das eigentlich klappen – und worum wird es in Ihrem nächsten Roman gehen?

Ich schreibe gerade die Fortsetzung der 12 Leidensstationen – die Kajal-Clique reitet wieder, diesmal Richtung Skilager –, und in Bälde bring ich ein Buch auf den Markt, das ich seit sieben (!) Jahren vergeblich anbiete – eine Verarsche auf den Bayerischen Rundfunk –, da haben wir dann wieder eine Menge zu lachen.

Interview: Rupert Sommer

Auch interessant

Buchtipp

Catrin George Ponciano – Leiser Tod in Lissabon

Catrin George Ponciano – Leiser Tod in Lissabon

Verlosung

Im Namen des Vaters

Im Namen des Vaters

Buchtipp

Martin Calsow – Kill Katzelmacher!

Martin Calsow – Kill Katzelmacher!

Verlosung

Anpfiff! Flanke! Tooor!

Anpfiff! Flanke! Tooor!