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Die interessantesten Lesungen der kommenden Wochen auf einen Blick

Ferdinand von Schirach, Eric Wrede und Daniel Speck

So muss praktische Mitmenschlichkeit einfach aussehen: Diese Lese-Erlebnisse wirken lebensverändernd

Wer die Chance erhält, mit Eric Wrede schon zu Lebzeiten in Kontakt zu geraten, sollte sie sich nicht leichtfertig verstreichen lassen.

Der gute Mann mit der klassischen Melone ist Deutschlands sympathischster Bestatter – nachdem er es in der tendenziell eher von Unsympathen bevölkerten Musikindustrie nicht mehr ausgehalten und radikal umgeschult hatte. Mittlerweile führt Wrede ein Bestattungsinstitut, das sich um all das kümmert, was eigentlich selbstverständlich sein sollte und doch im tristen Bürokratenalltag des Verscharrens und Kremierens oft doch nicht ist. Trauer hat bei ihm Raum – und tatsächlich Kultur.

Und ein witziger Kopf ist er auch, wie alle wissen, die sein wirklich originelles Sachbuch „The End – Das Buch vom Tod“ auf die Bestsellerlisten befördert haben. Nun ist der Fachmann für die letzten Dinge Stargast der umtriebigen Heyne-Hardcore-Night, bei der starke Autoren jeweils durch Texte von mindestens genauso aufregenden Kollegen trüffeln. Musik dazu kommt dabei von der Münchner Band Katie Smokers Wedding Party – und zwar solche zwischen Post-Punk und Lofi-Pop. (Unter Deck, 10.4.)

Ein Meister der gepflegten, intellektuell hochwertigen Lakonie ist auch Ferdinand von Schirach, dem man gerne in die grauen Welten des Gerichtsalltags folgt. Von spektakulären Verbrechensfällen und von zwielichtigen Strafverteidigern kann er großartig erzählen. Von sich selbst sagt er lieber so gut wie nichts. Dass ändert sich nun mit seinem neuen Erzählband „Kaffee und Zigaretten“, in denen oft Stories enthalten sind, die von Schirach selbst als latent autobiografisch bezeichnet werden. Aber was weiß man schon mit Sicherheit?

Genau darum geht es auch im zur Lesung beigefügten Vortrag zum Thema Aufklärung, in der der Autor darüber klagt, dass man tatsächlich so oft nicht wissen kann, „was richtig und was falsch ist“. Aber rhetorisch scharf geschliffen darüber reden kann man zum Glück eben doch. (Kammerspiele, 10.4.)

Scharf und pikant dürfte es auch auf dem literarisch-kulinarischen Abend mit dem Bestseller- Autor Daniel Speck („Bella Germania“) zugehen. Er liest nämlich aus seinem neuen Roman „Piccola Sicilia“, das auf das gleichnamige Einwandererviertel im Tunis der Vierziger Jahre verweist. Wieder einmal geht es um eine verwickelte Familiengeschichte mit dunklen Geheimnissen.

Erzählt wird unter anderem von einem lange als verschollen geglaubten Deutschen, der auf Sizilien möglicherweise ein zweites Geheimleben begonnen hatte. Clou des Abends: Zur Lesung gibt’s tunesische Kochkreationen und tunesische Musik. (Hugendubel Stachus, 6.4.)

Eine schon angeschrägte wilde Familiengeschichte entrollt uns auch der tschechische Literaturstar Jáchym Topol in seinem neuen Roman „Ein empfindsamer Mensch“, der nach einer fast zehnjährigen Schreibpause nun endlich herauskam. Darin ist von einer tschechischen Künstlerfamilie die Rede, die bei einem Shakespeare-Festival auf der Insel auftritt und dann von wutschnaubenden Brexit-Anhängern rüde aus dem Land gejagt wird.

Im Campingwagen reist die Family quer durch den wilden Osten ins russischukrainische Krisengebiet, wo sie – natürlich – Gérard Depardieu heimlich seinen Luxusschlitten klaut. Damit geht’s dann zurück in die Heimat. Eh klar. Großer Zirkus! (Literaturhaus, 10.4.)

Apropos Gaga-Brexit: Mit seinen eigenen Landsleuten geht der britische Historiker Ian Kershaw hart ins Gericht. Er hat mit „Achterbahn“ nun nach „Höllensturz“ den zweiten Teil seiner europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts vorgelegt. Und seine Helden sind unter anderem Willy Brandt sowie die beiden Helmuts – Schmidt und Kohl. Vom herzlosen Wüten von Maggie Thatcher, aber auch von Tony Blair und dem Brexit-Verschulder David Cameron war er schwer enttäuscht. Das sind Ansichten, mit denen er sich in seiner Heimat nicht unbedingt Freunde macht. (Literaturhaus, 11.4.)

Bleibt dann noch der große Dichter- Philosoph Thomas Gsella, dessen Reimkolumnen noch immer die „Titanic“ veredeln. Er hat herausgefunden, dass Ulrich Matthes natürlich einer der größtmöglichen Schauspieler überhaupt ist. Also freundeten sich die beiden an. Denn Gsella schauspielert sehr schlecht, Matthes liest aber sehr gut. Manchmal muss man einfach seine Kräfte geschickt einteilen. (Volkstheater, 12.4.)

Autor: Rupert Sommer

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