Literatur

Indiebookday 2020

Unsere Buchtipps zum Indiebookday 2020

Es gibt viele tolle kleine Verlage, die mit viel Herzblut und Leidenschaft schöne Bücher machen, aber wenig Aufmerksamkeit dafür bekommen. Der Indiebookday am 21. März stellt diese Häuser in den Mittelpunkt und auch die Bücher, die auf dieser Seite vorgestellt werden, kommen von kleinen, unabhängigen Verlagen.

Ben Smith: Dahinter das offene Meer (Liebeskind)

Der Junge fischt und fischt, fängt aber nur Müll statt Fische: Zusammen mit einem alten Mann lebt er in einer nicht sehr weit entfernten Zukunft auf einer Plattform in der Nordsee, inmitten eines riesigen Windparks, der langsam vor sich hin rostet und verfällt. Eigentlich sollen die beiden Männer den Windpark warten, das gelingt mit ihren wenigen, veralteten Werkzeugen aber nur notdürftig – ein Leben, gezeichnet von Routine und Langeweile, der Junge verliert sich in Tagträumen, der Alte säuft selbstgebrannten Schnaps, der wie Spiritus riecht und schmeckt.

Der Junge wurde von der Betreiberfirma als Ersatz für seinen Vater, der auf mysteriöse Weise verschwunden ist, auf die Plattform geschickt. Als er ein verstecktes Boot entdeckt, plant er seine Flucht aufs Festland – was dem alten Mann aber weniger gefällt und schon bald dramatische Folgen hat. Ben Smiths schreibt in einer klaren und zugleich auch poetischen Sprache, sein Roman ist eine Dystopie in Form eines Kammerspiels zwischen zwei Männern, die in einer vergifteten Welt auf engem Raum (über)leben müssen. Hintergründe einer ökologischen Katastrophe bleiben eher vage und werden nur angedeutet, da bleibt viel Spielraum für die Fantasie des Lesers. In England wurde das Buch von den Literaturkritikern des Guardian zu den Jahresbesten gewählt, dem kann man sich nur anschließen.

Autor: Rainer Germann

Qiu Miaojin: Aufzeichnungen eines Krokodils (Ulrike Helmer Verlag)

Lieben – wen und wie man will. Ende der 1980er, an der Elite-Uni in Taipeh, war das fast undenkbar. Studentin Lazi liebt Frauen – aber das ist ja verboten, Sünde. Lazis Liebe zu Shui Ling wird zur Obsession. Beide sind hin- und hergerissen. Heftigst voneinander angezogen. Vermeiden Begegnungen. Fallen übereinander her. Kasteien sich, verletzen sich, quälen sich – so wie alle ihre queeren Freunde.

Zwischen den intimen Notizbüchern aus dem Uni-Leben gibt es comic-hafte Einschübe: Da taucht ein Krokodil auf, in Menschenkleidern, das irgendwann, als es zum ersten Mal einen Club besucht, erst verwirrt und dann beglückt feststellt, dass es keineswegs allein ist. Hypersensible Wahrnehmung, Sehnsucht nach Exzess und Hingabe, Ringen mit den großen Tabus und ungewohnten Freiheiten im sich nach Jahrzehnten des Kriegsrechts gerade erst öffnenden Taiwan – Qui Miaojin, damals 24 Jahre jung, zieht alle Register ihres literarischen Könnens.

Ihr Roman, 1994 erschienen, avancierte rasch zum LGBTQ*-Kultbuch. 1995 nahm sie sich in Paris das Leben. Eine Anrufung. Ein Aufbegehren. Ein Aufbruch. Bewegend. Lesenswert.

Autor: Hermann Barth

Florian Scherzer: „Zeppelinpost“ (Hirschkäfer-Verlag)

Ein Roman, der sich genüsslich wegschmökert und der bestens in Zeiten passt, in denen der Kontakt zur Außenwelt heute per virenfreiem Instagram-Chat oder SMS, in den bewegten Münchner Zeiten kurz vor der Machtergreifung der Nazis eben per titelgebender Zeppelinpost stattfinden muss. Carl Dürrnheimer ist ein schräger Eigenbrödler. Dass er im Geburtshaus des später fast weltberühmten Komikers und Filmemachers Karl Valentin in der Au aufwächst, passt bestens.

Sein eher überschaubar aufregendes Leben als alleinstehender Aktenfresser in einer Anwaltskanzlei gerät komplett aus den Angeln, als ihn völlig unerwartet ein Luftpostbrief aus dem brasilianischen Recife erreicht. Dorthin hatte es nach dem Ersten Weltkrieg seine Jugendliebe Burgl (mit dem schönen Busen) verschlagen, in die Carl einst verknallt war, die aber nichts von ihm wissen wollte. Nun bietet sich dem verschrobenen Verschmähten die Chance, sein Schicksal doch noch einmal selbst in die Hand zu nehmen – und seine Biografie gegenüber der Briefpartnerin am anderen Ende der Welt kräftig aufzupolieren. Dürrnheimer fängt mit dem Tricksen an, träumt sich in eine glamouröse Schwabinger Künstlerwelt, dichtet sich selbst eine begehrenswerte Geliebte an und dokumentiert sein Fake-Lebensglück mit beneidenswerten Fotografien, die er in einem Fotoatelier selbst manipuliert. Plötzlich wirkt er für die ferne Burgl begehrenswert. Und seine Lügengeschichten entwickeln ein Eigenleben. Ein sehr gefährliches zudem. Denn eines Tages steht das „Flietscherl aus der Au“ plötzlich vor seiner Tür.

Der Münchner Autor Florian Scherzer hat schon mit seinem grandiosen „Neubayern“-Roman sein Talent für hemmungsloses, genial konstruiertes Fabulieren unter Beweis gestellt. Und erneut hat ihm der ortsansässige rührige Hirschkäfer-Verlag daraus ein wunderschön gestaltetes Buch gemacht. Unbedingte Kaufempfehlung für alle, die ihre Stadt – und das Flunkern – lieben!

Autor: Rupert Sommer 

Mercedes Rosende: Falsche Ursula (Unionsverlag)

Uruguay-Uschi ist nicht der Bringer. Etwas smarter als Erika Musterblödmann, die ihren Sonnenbrillenarsch mit TV-Shows vollstopft und alles diskriminiert oder wegfiltert, was nicht hineinpasst in den Rahmen ihres Telenovela-formatierten Weltbilds. Uschi kämpft erfolglos mit allem: ihrer Beauty-and-Money-Schwester, ihrer Noise-Nachbarin, ihrer Fresssucht, ihrer drängelnden Verlegerin, ihrer toten Verwandtschaft. Dann dieser Anruf. Der Typ behauptet, Uschis Alten entführt zu haben. Den gibts nicht.

Falsch-Uschi trifft sich trotzdem mit dem dilettantischen Kidnapper und kontaktiert auf eigene Faust Echt-Uschi. Projekt Zwischenhändlerin mit satter Provision. Das Prequel zu Krokodilstränen (2019) lehrt, dass im Survivalsegment ein Plan B nie genug ist. Eine „Fuck yeah!“-Story, die mit köstlich abstrusen Situationen anklopft: Wenn Uschi sich fragt, ob es gesellschaftliche Konventionen gibt, die festlegen, wer beim Treffen mit einem Entführer die Café-Rechnung bezahlt. Wenn Echt-Uschi der vermeintlichen Entführer-Uschi am Telefon kaffeeklatschige Tipps gibt, damit ihrer Anrufe nicht zurückverfolgt werden können. Und erst Uschis knalltütige TV-Show-Performance als „Pfui!“-rufende Provokatesse. Echtspaß de luxe.

Autor: Jonny Rieder

Hinweis: Unterstützen Sie bitte den lokalen Handel. Aufgrund der Coronakrise haben viele Ladengeschäfte geschlossen. Aber Firmen wie Hugendubel haben auch einen Onlineshop auf www.hugendubel.de, wo sie alle hier genannten Bücher beziehen und versandkostenfrei geliefert bekommen.

 

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