Hörbuch

Der Berg ruft „f**k you!

Robert Seethaler: Ein ganzes Leben

Woher stammt das olle Klischee, das Landleben und Idylle zusammenklebt. Vermutlich sind die malenden Romantiker schuld daran.

Die Caspar David Friedrichs, John Constables und Camille Corots. Sie haben die friedlichen, glücklichen, harmonischen Panoramen auf die pseudobildungsbürgerlichen Festplatten gepinselt, indem sie all die Abgründe ausblendeten, die das Land seit jeher so zuverlässig liefert wie die Kartoffeln.

Es mag pragmatische Gründe geben, aufs Land zu ziehen, aber wer das Land für eine Idylle hält, ist nicht bloß blind und taub – er trägt auch noch ein bauernbettgroßes Brett vor dem Kopf. Wer das Landleben verherrlicht, salutiert der Abschottung, der Inselisierung, dem social Photoshopping. Dagegen schätzen überzeugte Großstädter die Begegnung. Zwangsläufig. Ein ehrlicher Blick aufs Land enthält also eine fette Packung Schmerz, Grausamkeit und „scheiße gelaufen, das Leben“.

Robert Seethaler ist kein Schmatzer – wie die Leute in Agrarbavaria sagen würden. Da wird jedes Wort einzeln heraus gemeißelt, da robottet ein Wortbildhauer mit seinem Werkzeug, bis alles weg ist, was stört. Null Deko, zero Zierrat, kein fucking Gerüsche. Ois runter gebasict auf die Essenz der Existenz. Das verpflichtet freilich auch im Hörspiel. George lucasische Sound-Opulenz wäre hier so falsch abgebogen wie eine lila Kuh auf der Weide. Der große Bruder des Bergmenschen ist die Stille, das Schweigen der Landschaft nach einer Lawine. Auf den wenigen Geräuschen lastet umso mehr Symboldruck. Kirchenglocken sind ja quasi Pflichtsoundtrack in der christlich gegeiselten Countryside. Und die Rabenkulisse? Da ließe sich die Allgegenwart des Todes hineinsymbolstemmen. Einer dieser unverwüstlichen Eckpfeiler der Existenz. So viele sind es ja nicht.

Andreas Egger ist eine Figur, die nicht wirklich zum Begriff Held passt. Es reicht nicht einmal zum Antihelden. Egger ist mehr so ein Gebeutelttier, den irgendein dorfgemeines Schicksal in diese Geschichte getreten hat. Wächst beim Arschonkel auf, der ihn gerne züchtigt. Und das auch noch als Ritual zelebriert. Der Egger selbst ist zwar ein Trottel – bewirbt sich im WK 2 freiwillig für den Kriegsservice – aber bei aller Demütigung, die er am unteren Ende der alpinen Hackordnung erleidet, zeigt er doch eine erstaunliche Integrität. Das macht ihn ausreichend sympathisch, um dieses knackige Berghüttendrama mit aufgestellten Lauschern durchs Hirn wandern zu lassen.

Robert Seethaler: Ein ganzes Leben. Hörspiel von Elisabeth Weilenmann mit Gerti Drassl, Hans Kahlert, Christoph Luser, Werner Lustig, Peter Matić u. a., SRF/ORF 2019, 1 CDs, ca. 1 Std., www.der-audio-verlag.de

Autor: Jonny Rieder

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